Evangelischer Kirchenbezirk Weikersheim - Schutz- und Präventionskonzept gegen sexualisierte Gewalt wird erarbeitet

Kindern und Jugendlichen eine Stimme geben

Von 
Peter Keßler
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Der Kirchenbezirk Weikersheim will ein Schutz- und Präventionskonzept gegen sexualisierte Gewalt erarbeiten. Die Bezirkssynode wil das Thema im Blick behalten. © dpa

Weikersheim. Sensibilisierung ist gefragt im Umgang mit sexualisierter Gewalt – auch in der evangelischen Kirche. So erarbeitet derzeit auch der Weikersheimer Kirchenbezirk ein „Schutz- und Präventionskonzept“.

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Das Thema, so informierte Synodalvorsitzender Dr. Mathias Gutemann die Teilnehmer der digitalen Bezirkssynode, gewinne in den deutschen Kirchen zunehmend an Bedeutung. Die württembergische Landeskirche unterstützt seit 2014 die Bezirke bei der Durchführung von Risikoanalysen und der Entwicklung von Schutzkonzepten. Auch wenn im Kirchenbezirk Weikersheim keine konkreten Fälle bekannt seien, müsse haupt-, neben- und ehrenamtlichen Mitarbeitern die Wichtigkeit des Themas deutlich gemacht und das Bewusstsein dafür geschärft werden.

Fachreferentin war Miriam Günderoth von der Koordinierungsstelle „Prävention sexualisierte Gewalt“ der Landeskirche. Die Diakonin mit zusätzlichem Masterstudium im sexualwissenschaftlichen Bereich hat hier das Konzept „Hinsehen – Helfen – Handeln“ entwickelt. Der Weikersheimer Bezirksjugendreferent Friedemann Weller ist einer von 40 Multiplikatoren, die es in die Breite tragen sollen. Der Begriff „sexualisierte Gewalt“, so die Referentin, bedeute die „gewaltsame Verletzung der Rechte und Grenzen einer Person“ und umfasse Grenzverletzungen, Übergriffe und strafrechtlich relevante Formen. In jedem Fall handle es sich um vorsätzliche Handlungen, begünstigt durch Strukturen und Machtgefälle, ausgeübt zugunsten eigener Bedürfnisse.

Allein das „Hellfeld“, die polizeiliche Statistik, umfasse im Jahr 2019 deutschlandweit 13670 Straftaten gegen Kinder. Auf Baden-Württemberg entfielen 2837 Fälle, auf den Bereich des Polizeipräsidiums Heilbronn 156. „Erschreckend“ sei der Anteil von Kinderpornographie. Ein Drittel der Täter seien Jugendliche und Heranwachsende. Das „Dunkelbild“, also der verborgene Anteil, sei erheblich. Man rechne damit, dass nur etwa 15 Prozent der Taten zur Anzeige kämen. Betroffen seien in Deutschland rund 13 Prozent aller Mädchen und fünf Prozent aller Jungen – also je Schulklasse ein bis zwei Kinder. Schlimm sei, dass die Kinder in der Regel acht Personen ansprechen müssten, bevor ihnen geholfen werde.

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Die Täter seien meistens männlich. Sie stammten aus jeder Schicht, hätten unterschiedliche Bildungsgrade und sexuelle Orientierungen. 75 Prozent der Tatpersonen seien im familiären oder sozialen Umfeld der Kinder bekannt. Es handle sich in der Regel um geplante, nicht um spontane Handlungen. Je enger die Beziehung zur Tatperson sei, desto geringer sei dann auch das Anzeigeverhalten.

Als Faktoren, die das Risiko erhöhten, nannte Mirjam Günderoth das fehlende Wissen zum Thema, geschlossene, abgeschottete Strukturen mit hohem Loyalitätsdruck, diffuse Leitungsstrukturen, aber auch Sexualität und sexualisierte Gewalt als allgemeines Tabuthema sowie „Vertrauen und Abhängigkeiten im besonderen Kontext von Glauben und Spiritualität“.

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Die Kirche als „Spiegelbild der Gesellschaft“ müsse sich mit dem Thema sexualisierter Gewalt befassen, denn „die Arbeit mit Menschen birgt die Gefahr der Grenzverletzungen und Gewalt“. Beziehungsarbeit, von Vertrauen geprägte Handlungsfelder und Funktionen bürgen das Risiko, dass tatgeneigten Personen der Zugang erleichtert werde. Andererseits seien vertrauensvolle Beziehungen zu Kindern als Schutzort für diese unabdingbar.

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Praktische Beispiele für Gefährdungen und Hilfestellung wurden anschließend von den zur Synode an ihren Bildschirmen versammelten Kirchengemeinderäten und Pfarrern in einer Gruppenphase erörtert. Deutlich wurde dabei, dass „Schutzkonzepte nötig sind, die Regeln und Wissen liefern“, ebenso Ansprechpartner für Betroffene.

Darum gelte es, die Mitarbeiter zu sensibilisieren und zu schulen – aber auch Kinder und Jugendliche zu stärken, ihnen „eine Stimme zu geben“.

Friedemann Weller als landeskirchlich geschulter Multiplikator im Kirchenbezirk Weikersheim informierte abschließend über die Entwicklung eines eigenen „Schutz- und Präventionskonzepts“. Seine Grundlage sei der Mensch als „Geschöpf und Abbild Gottes, in seiner Würde unantastbar“. Es enthalte auch eine umfangreiche Liste von Ansprechpartnern. Der Kirchenbezirksausschuss habe es bereits beraten.

Miriam Günderoth forderte die Kirchengemeinden auf, das Thema „sexualisierte Gewalt“ in ihrem Kirchengemeinderat zu besprechen und auch eine konkrete Risikoanalyse zu machen. So könne „Wachsamkeit und Sensibilisierung in den Gemeinden geschaffen werden“, ergänzte Dekanin Renate Meixner. Die Bezirkssynode solle das Thema im Herbst 2021 dann weiter beraten.

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