Land und Leute - Magier Horlin / Physiklehrer und Mitglied im exklusiven Magischen Zirkel Holger Seyerle verzaubert Groß und Klein

Von 
Inge Braune
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„Ah! Oh! Das gibt’s doch nicht!“ Das hört er oft – als „Horlin“, seines Zeichens Magier.

Spaß hat Holger Seyerle an all seinen Tricks und ganz besonders an den erstaunten Reaktionen des Publikums. Zum magischen Zaubermantel gesellen sich Zauberbücher und Zauberkarten. © Inge Braune
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Weikersheim. „Horlin“, der Magier, lässt Tische schweben, treibt Scherze mit Waschbär Rocky, macht aus zwei Seilen eins und dann wieder drei und er lässt verschwundene Bällchen – plopp – an den unmöglichsten Orten wieder auftauchen. . .

Im „echten“ Leben ist Holger Seyerle Gymnasiallehrer, unterrichtet Physik, Mathematik und Sport. Und ganz privat erzieht er gemeinsam mit Ehefrau Anne die beiden Söhne Simon und Oliver.

Schon als Kind habe es ihn in den Fingern gejuckt, erzählt der Mittvierziger. Doch Frau Mama war gegen intensivere Beschäftigung mit der Zauberkunst: So große Fingerfertigkeit, wie man da wohl brauchen würde, traute sie ihm einfach nicht zu. Er solle sich doch besser im Geigenspiel versuchen. Seyerle erwies sich als folgsamer Sohn und fiedelte eifrig. Aus der ebenfalls vorhandenen Begeisterung für Physik, Zahlen und Sport – dagegen erhob die Mutter keine Einwände – machte er den Beruf: Das Lehramtsstudium absolvierte er in Stuttgart, das Referendariat ebenso heimatnah; Seyerle stammt aus Reichenbach an der Fils – im Esslinger Raum.

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Lehrerstellen waren rar seinerzeit; Physiklehrer ebenfalls. Als das Oberschulamt ihm eine Stelle am Deutschorden-Gymnasium (DOG) in Bad Mergentheim anbot, brauchte der Junglehrer erst mal einen Atlas. Die Gegend wurde Heimat. Nach gut anderthalb Jahrzehnten wechselte Seyerle ans Weikersheimer Gymnasium.

Fast schon vergessen war die als Kind entwickelte Freundschaft zu Zauberstab und Illusion, als der Lehrer bei einer Südostasienreise in Bangkok 2002 einen Straßenzauberer erlebte.

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Faszinierende Tricks vor exotischer Kulisse: Kein Wunder, dass die alte Liebe zur Magie wieder voll entbrannte. Das isses!

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Kaum wieder zu Hause, mutierte der Schulmeister zum Zauberlehrling, der sich durch uralte und hochaktuelle Zauberbücher wühlte. Seiner Ehefrau, die die aufgeflammte Begeisterung höchst unterhaltsam fand, erklärte er, dass Kenntnisse in Physik und Mathe perfekte Grundlage fürs neue Hobby seien – und dass auch Unterrichten schlicht eine Performance sei: Genau so wie beim Zaubern gehe es drum, die Zielgruppe mit einem unsichtbaren roten Fädchen bei der Stange zu halten.

Durchschaut Seyerles Schülerschaft, wie er sie bei Laune hält? Egal: Es sind ja ohnehin gerade Ferien. Da hat man Zeit, sich in die Abenteuer von Harry Potter, Gandalf und anderer Zaubergenossen zu vertiefen. Die pflegen oft enge Verwandtschaft mit antiken Magiern, Sterndeutern, Schamanen, Druiden, beziehen sich auf uralte Gottheiten wie den altägyptischen Gott Thot, der zuständig war für Schrift, Wissenschaft und Magie. Unerklärliches, sei es getrickst oder ganz echt, faszinierte die Menschheit wohl schon an allerersten Lagerfeuern.

Orakelpriester aller Kontinente beeindruckten schon vor tausenden von Jahren mit unbekanntem Wissen. Bis in die Neuzeit versicherten sich auch Europas Mächtige der wohlwollenden Unterstützung durch Hofmagier, Astrologen, Seher.

Den Unterhaltungswert des Unbegreiflichen machten sich schon auf hellenistischen Marktplätzen Gaukler zunutze: Gern lässt man sich bis heut’ verzaubern oder versucht zumindest, vorgebliche Zaubereien zu enttarnen. Reginald Scot war einer der ersten, der bereits 1584 im Buch „The Disvcovery of Witchcraft“ Profi-Zaubertricks von Gauklern beschrieb, 1634 erschien in London mit „Hocus Pocus Iunior“ ein erstes Übungsbuch für angehende Zauberer.

Zu Seyerles Lektüre gehörte bereits eine ganze Sammlung derartiger Fachliteratur, als er sich – zunächst als Zuschauer – dem Magischen Zirkel von Deutschland e.V. anschloss. Die unter Eingeweihten als MZvD bekannte Zauberkünstler-Vereinigung hat sich der Pflege und Förderung der magischen Kunst verschrieben. Rund 2800 Mitglieder vom Hobbyzauberer bis zum internationalen Superstar aus aller Welt treffen sich regelmäßig in den knapp 80 Ortszirkeln. Hier kreist magisches Wissen, stehen Zauberbücher zur Einsicht bereit, hier werden neue Elemente mit professionellen Regisseuren einstudiert. Inzwischen organisiert der Verein regelmäßig Seminare, große Kongresse mit Galavorstellungen und alle drei Jahre die Deutschen Meisterschaften der Zauberkunst.

Man müsse schon einiges zu bieten haben, um Mitglied in dem weltweit renommierten Verein zu werden, berichtet Holger Seyerle: Rund ein Jahr pilgerte er als Gast regelmäßig zu Treffen der Ortszirkel Würzburg/Ansbach und Heilbronn, ehe er in Frankfurt/Main im März 2004 die Aufnahmeprüfung ablegte. Theorie war gefragt, das Magier-Schweigegelübde – und natürlich die eigene Show. Üben, üben und nochmals üben war dafür angesagt – im privaten Zauberbüro vorm Spiegel und immer wieder auch vor den kritischen Augen der Familie. Seyerle alias „Zauberer Horlin“ hat seinen MZvD-Mitgliedsausweis immer zur Hand.

Inzwischen hat der Magievirus die ganze Familie befallen. Ehefrau Anne Seyerle zaubert mit Nadel und Faden die Horlin-Kostüme: Perfekt erreichbare unsichtbare Taschen sind das A und O gelungener Auftritte. Ob im Frack, im Gaukleroutfit oder im Märchenkostüm: Mit seinen Shows begeistert Horlin große und kleine Magiefans. Auch die beiden Jungs, der eine zehn, der andere 13 Jahre alt, sitzen bereits im Magierboot, assistieren mit flinken Fingern, wenn kleine Zuschauer auf ihre Ballontiere warten.

Differenzen rund ums Hobby mit Auftritten zwischen Stuttgart und Frankfurt? Eigentlich nicht, außer bei einer Anfrage für eine Silvestershow. Der Tag ist im Hause Seyerle eigentlich der Familienzeit vorbehalten. Die als Vermeidungstaktik hoch angesetzte Gage schreckte die Veranstalter nicht. Zauberer und Familie ließen sich erweichen. Ansonsten aber steht die Familie voll hinter Seyerles speziellem Hobby, das ihn in Kindergärten, Seniorenheime, Krankenhäuser, zu Auftritten bei Geburtstagen, Hochzeiten und Firmenveranstaltungen führt.

Der Kreis vom Lehrer zum Zauberer hat sich inzwischen zu Horlins ganz persönlichem magischen Zirkel geschlossen: Als Jugendbeauftragter des Würzburger Ortszirkels nimmt Horlin mittlerweile selbst Zauberlehrlinge unter seine Fittiche. Was ist sein ganz ureigener und allerbester Trick? Auf diese Frage antwortet nicht Horlin, sondern Holger Seyerle: „Stay happy if you lose!“ Gibt es ein besseres Neujahrsmotto?

Freie Autorin Berichte, Features, Interviews und Reportagen u.a. aus den Bereichen Politik, Kultur, Bildung, Soziales, Portrait. Im Mittelpunkt: der Mensch.