Schloss Weikersheim - Lieblingsstücke der Schlossführerinnen / Sabine Mittnacht von Spiegeln fasziniert Fragile Kostbarkeiten sind ein Blickfang

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Der barocke Spiegel (rechte Bildhälfte) ist ein besonders prachtvolles Stück, das im Audienzzimmer des Grafen Carl Ludwig von Hohenlohe-Weikersheim hängt. Er ist eines der Lieblingsstücke von Schlossführerin Sabine Mittnacht. © SSG/Peter Keßler

Sie sind fragile Kostbarkeiten aus dem 18. Jahrhundert und im Weikersheimer Schloss gut erhalten: prachtvolle Spiegel wie der im Audienzzimmer des Grafen Carl Ludwig.

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Weikersheim. Voller Geschichten und Schätze ist Schloss Weikersheim. Wie alle Monumente im Land, ist die einstige Grafenresidenz derzeit wegen der Corona-Pandemie geschlossen, und nur das Weikersheimer Team der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg ist jeden Tag im Schloss unterwegs. Wenn man fragt, stellt man fest: Alle haben ihre Lieblingsstücke. Schlossführerin Sabine Mittnacht etwa ist fasziniert von den barocken Spiegeln im Schloss – vor allem von einem besonders prachtvollen Stück, das im Audienzzimmer des Grafen Carl Ludwig von Hohenlohe-Weikersheim hängt.

„Mein Lieblingsstück im Schloss, das sind eigentlich gleich mehrere“, sagt Sabine Mittnacht. Sie ist begeistert von den historischen Spiegeln im Schloss, die in Schloss Weikersheim eine absolute Besonderheit sind: Hier sind mehrere dieser fragilen Stücke erhalten. Gläserne Spiegel gehören zu den Ausstattungsstücken, die sich in vielen Fällen in den Schlössern nicht erhalten. Das liegt zum einen daran, dass der eigentliche Spiegel aus zerbrechlichem Glas oft längst zerbrochen ist.

„Trickreicher Einfall“

Zum anderen wurden Spiegel mit dem Alter oft „blind“, der spiegelnde Metallüberzug der Rückseite ging Stück um Stück kaputt oder die Spiegel verloren ihren Nutzen und wurden weggeworfen. Und schließlich waren sie auch Mobiliar ihrer Zeit und damit an den Geschmack einer Generation gebunden. Jede Generation richtete sich neu ein, die altmodischen Stücke wanderten auf den Dachboden und verschwanden schließlich.

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In Schloss Weikersheim aber haben sich gleich mehrere der fragilen Kostbarkeiten aus dem 18. Jahrhundert erhalten. Der Spiegel, der Sabine Mittnacht am besten gefällt, hängt im Audienzzimmer des Grafen Carl Ludwig. „Was für ein trickreicher Einfall, die ohnehin überbordende Pracht und Exklusivität der barocken Räume durch die Reflexe im Spiegel noch größer und prächtiger wirken zu lassen!“ Sabine Mittnacht weiß, dass Spiegelglas an sich extrem teuer war, und die geschliffenen Spiegelflächen, wie sie im Schloss zu sehen sind, „die waren nur etwas für den ganz großen Geldbeutel“, so die Schlossführerin.

Der Spiegel im Audienzzimmer des Grafen Carl Ludwig ist besonders prächtig, „ein Blickfang für fast alle unserer Gäste“. Der einzigartige Spiegel stammt vom Kunstschreiner Johann Heinrich Vogt (1683 – 1733). Er baute am Beginn des 18. Jahrhunderts für das kostbare Stück einen ebenso kostbaren Rahmen: kompliziert aus schwarz gebeizten Holzprofilen, Spiegelflächen und feinen silbernen Ornamentbändern. Die Bekrönung aus vergoldetem Silberblech ist beeindruckend und rahmt selbst eine weitere geschliffene Spiegelfläche: Die feine Silberarbeit kaufte die Grafenfamilie in Augsburg, das berühmt für seine Luxusgüter war. Erstaunlich: Die Unterlagen im Archiv belegen, dass die Grafen von Hohenlohe-Weikersheim für die kostbaren Spiegel ihr private Schatulle, ihr persönliches Vermögen, einsetzten.

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Von Johann Heinrich Vogt, einem sehr begabten Tischler aus Langenburg, stammen viele einzigartige Möbel im Schloss. Vogt führte den Titel eines Hofschreiners. Seine Werkstatt war zuerst in Langenburg, ab 1717 in Öhringen. Die Rechnungsbücher nennen ihn „Silbertischler“ – er schuf vor allem kostbares Mobiliar mit Einlegearbeiten und Ornamenten aus Silber. Vogt arbeitete immer zusammen mit seiner Schwester Magdalena. In den Rechnungsbüchern ist sie jeweils ausdrücklich genannt.

Kerzenlicht verstärkt

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Wozu brauchte man die vielen Spiegel in den Schlössern? Spiegel gehörten zur luxuriösen Grundausstattung im barocken Schloss. Das hatte praktische Gründe: Sie verstärkten das Licht der Kerzen, aber der Spiegel im Audienzzimmer zeigt auch noch etwas anderes: Mit den verschiedenen Glasflächen und Facetten sorgte er für eine vielfältige Reflektion, ließ den Raum größer erscheinen – und verwirrender. Deshalb liebte man im Barock auch Spiegelkabinette, in denen die Wände voller kleiner Spiegel vollends den Raum unklar und traumhaft erscheinen ließen.

Dass der Spiegel – wie alle in Schloss Weikersheim – wieder in seiner ganzen Pracht glänzt, ist den kürzlich abgeschlossenen umfassenden Restaurierungen durch die Fachleute der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg zu verdanken.

Schon allein das Grundmaterial war ein Stück Prestige für die Grafen: „Die Spiegelherstellung war enorm aufwändig und teuer. Die feinsten Spiegelgläser stammten damals aus Murano in Italien, wo man das Geheimnis der Herstellung besonders beherrschte – und jahrhundertelang hütete“, erklärt Sabine Mittnacht. „Natürlich war nicht nur die Herstellung schwierig, sondern vor allem der Transport, bei dem die Gläser nicht beschädigt werden durften. Deshalb sind für mich hinter dem Spiegelglas viele Geschichten verborgen, vom Leben der Kunsthandwerker, aber auch von Spionage und Bestechung!“