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Bald wird bewusster Ballverlust trainiert

Bundesliga: Eine launische Betrachtung zur Entwicklung des Fußballs im Oberhaus und ein Blick auf die 56. Saison dort

Das frühe WM-Aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft war prima! Es hat endlich wieder eine Diskussion entfacht – eine Diskussion über Inhalte, über das Spiel und dessen Fortentwicklung. Hierfür stand der deutsche Fußball über viele Jahre und wurde von der gesamten Welt für seine Innovationen bewundert. Im entscheidenden Moment allerdings ist Joachim Löw und seinen Mitstreitern der Blick für Neues verloren gegangen.

Oder hat sich der Bundestrainer, wie das gesamte Fußball-Volk, blenden lassen, und zwar von einem nimmermüden Geplapper der Protagonisten in der Bundesliga, „wie toll“ doch alles sei. Davon ist bei der Fachkompetenz des Südbadeners nicht auszugehen. Allerdings werden die Fans seit Jahren eingelullt und an der Nase herumgeführt. So klasse, so spitze, so einzigartig, so spektakulär wie die Spiele vor allem vom Bezahlsender „sky“ gemacht werden, sind sie nicht. Mal ehrlich: Wie viele der 306 Saisonspiele der vorigen Runde würde man aufgrund der fußballerischen Qualität gerne noch einmal sehen? 20, 25, 30? Es sind garantiert keine 50. Wenn man 30 Spiele wieder gucken möchte, sind das gerade einmal knapp zehn Prozent. 90 Prozent der Spiele waren also Mittelmaß oder einfach nur schlecht.

Fetzige Torjingles, Konfettiregen, Lichtshows und witzige Maskottchen machen noch lange kein gutes Fußballspiel. Vor lauter Gewinnmaximierungsgier (schauen Sie sich mal oben die Trikotpreise an) und Showsucht haben viele Vereine die sportliche Entwicklung verpasst. Man mag ja über Matthias Sammer denken, was man will, aber er ist einer, der stets, auch im Erfolg, den Finger in die Wunde gelegt hat und auch jetzt wieder richtig liegt, wenn er sagt: „Der Fußball muss wieder im Mittelpunkt stehen.“

Aus diesem Blickwinkel betrachtet muss man der TSG Hoffenheim ein Kompliment aussprechen. Der vierte und der dritte Platz der vergangenen zwei Spielzeiten kommen nicht von ungefähr. Der kecke Julian Nagelsmann arbeitet eingebettet in ein Innovationszentrum. Fußballerisch war „Hoffe“ zuletzt wirklich die „dritte Macht“, vielleicht sogar noch besser als Vizemeister Schalke.

Nagelsmann ist zudem einer, der Lösungen mit Ball entwickelt und nicht vorwiegend „hinten rein stehen“ lässt, also den Ballbesitz will und nicht verweigert. Wo soll denn eigentlich diese Entwicklung hinführen? Trainiert man schon bald den „bewussten Ballverlust“ in bestimmten Zonen, um „die Kugel“ in einem anderen Bereich des Feldes mit „Pressing“ wieder zu erobern und ins viel gepriesene „Umschaltspiel“ gehen zu können? Wir sind nicht mehr weit von solchen Sperenzchen entfernt.

Und zur neuen Saison? Ist der FC Bayern tatsächlich so weit entrückt, um zum siebten Mal in Folge mit „zweistelligem Vorsprung“ Deutscher Meister werden? Zu befürchten ist es. Leider!