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„Trainer zu sein ist einsam und ungerecht“

Im Sommer 2021 erklärte Peter Hyballa noch die Fußball-EM als Taktik-Experte im ZDF. Seine eigene Trainerkarriere beendete er in dieser Woche zumindest vorerst. Der 46-Jährige fühlt sich ausgelaugt – und gewährt einen tiefen Einblick in sein Seelenleben u

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In Deutschland war Peter Hyballa zuletzt bei Türkgücü München tätig. © imago

Das war es jetzt. Peter Hyballa hat genug, einen Schlussstrich gezogen. Durchaus möglich, dass die nur mehrwöchige und gerade einmal zwei Punktspiele umfassende Mission beim ehemaligen slowakischen Meister AS Trencin seine letzte Station als Cheftrainer war. Vorerst. Er sagt, er fühle sich ausgelaugt, einsam, mental schwer angeschlagen. Er ist jetzt 46 Jahre alt, seit über 25 Jahren trainiert er Mannschaften,

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Anfang der Nullerjahre wurde es im Juniorenbereich ein Fulltime-Job bei Borussia Dortmund, Arminia Bielefeld und dem VfL Wolfsburg. Dann begann die Reise im Profisport mit dem Engagement 2010 bei Alemannia Aachen. Sturm Graz und RB Salzburg Juniors kamen dazu. Heute, wenige Tage nach der Trennung von AS Trencin, sagt Hyballa: „Ich musste da weg, ich war total einsam, nur so kann ich mich selbst schützen. Ich war brutal unglücklich dort, es ging einfach nicht mehr.“

Peter Hyballa

Peter Hyballa wurde am 5. Dezember 1975 in Bocholt/Münsterland geboren.

Stationen Junioren-Trainer: Borussia Bocholt (1993 bis 1996), 1. FC Bocholt (1996 bis 1998), SC Münster 08 (1998 bis 1999), Preußen Münster (1999 bis 2001), Arminia Bielefeld (2001 bis 2004), VfL Wolfsburg (2004 bis 2007), Borussia Dortmund (2007 bis 2010), RB Salzburg (2012), Bayer Leverkusen (2014 bis 2016).

Stationen als Cheftrainer oder Co-Trainer Co-Trainer Preußen Münster (2000 bis 2001), Alemannia Aachen (7/2010 bis 9/2011), Sturm Graz (5/2012 bis 4/2013), Co-Trainer Bayer Leverkusen (4/2014 bis 6/2014), NEC Nijmegen (7/2016 bis 4/2017),Dunjaska Streda (7/2018 bis 1/2020), NAC Breda (2/2020 bis 7/2020), Wisla Krakau (12/2020 bis 5/2021), Esbjerg fB (5/2021 bis 8/2021), Türkgücü München (8/2021 bis 11/2021), AS Trencin (7/2022 bis 7/2022).

Die Trennung erfolgte schnell, im gegenseitigen Einvernehmen mit dem niederländischen Club-Eigner Tscheu La Ling. Der spielte in den 70er Jahren für Ajax Amsterdam und in der niederländischen Nationalelf, war Mitspieler von Johan Cruyff. Tscheu La Ling wollte alles bestimmen, Trainer waren für den einstigen Ajacieden eher Marionetten, Handlanger, Erfüllungsgehilfen. Hyballa passte nicht in dieses Muster. Beide wussten das vorher, beiden schlossen dennoch den Vertrag. Fußball ist nun mal ein verrücktes Geschäft.

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Klaus Bergmann
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Schon nach dem Engagement in Esbjerg im vergangenen Jahr, das in eine Schlammschlacht führte, in der Hyballa praktisch für sich allein kämpfen musste, war er mental schwer angeschlagen. Einige Spieler beim damaligen dänischen Zweitligisten rebellierten gegen den deutschen Trainer, die nationale Fußballer-Gewerkschaft schaltete sich ein, Hyballa war da auf verlorenem Posten. In Esbjerg wurde er beleidigt und bespuckt, wenn er durch die Straßen ging. Es gab Morddrohungen und Anfeindungen, er sagt aus seiner Warte: „Das war rassistisches Mobbing gegen mich. Ich hatte keine Chance gegen die Spieler-Gewerkschaft und die dänischen Medien.“ Die Rollenverteilung war klar.

Schwere degressive Schübe

An die Öffentlichkeit drang wenig, aber der 46-Jährige musste schwere depressive Schübe verarbeiten, die Rückkehr in den Job bei Trencin war vermutlich auch eine Art Akt des Gegenlenkens, in der Gegenwart der letzte Versuch als Cheftrainer bei einem Proficlub zu reüssieren. Hyballa sagt dann: „Vielleicht ist das auch ein Akt der Selbst-Sabotage, weil ich gar nicht erst hätte zusagen dürfen. Und keiner denkt daran, dass man als entlassener Trainer eben keine 20 Angebote hat, die man sondieren kann. Sondern nur eines in den letzten fünf Monaten.“ Das eine war AS Trencin.

Ein Taktik-Fanatiker

Die letzten Jahre waren turbulent für den Magister der Sportwissenschaften und Fußballlehrer. Inhaltlich gilt „Mister Gegenpressing“, wie er bei Wisla Krakau genannt wurde, immer noch als Top-Trainer. Er lehrte bei Weiterbildungen für Trainer in Honduras oder bei RB Leipzig oder auch Roter Stern Belgrad, gerade unter jüngeren Coaches besitzt er eine Anziehungskraft, vor Nachfragen für Praktika oder Hospitationen konnte er sich nicht retten. In Statistiken, deshalb wurde er vom amerikanischen Investor nach Esbjerg geholt, gilt seine Art des Fußballs als modern, temporeich und erfolgversprechend. Von sich selbst sagt er, er sei ein Taktik-Fanatiker, ein Perfektionist, seine Meinung war als TV-Experte bei der EM der Männer im vergangenen Jahr beim ZDF gefragt. Und, das Gegenteil: „Für andere bin ich der Asi-Trainer. Ja, natürlich falle ich aus der Norm.“

Es gibt das andere Bild, das ramponierte, das vom Lautsprecher, vom komischen Typen am Seitenrand. Dem Verrückten mit den weit aufgerissen Augen, der am Spielfeldrand herumtobt.

Vergessen ist dann, dass er mit Dunjaska Streda 2020 noch slowakischer Vizemeister wurde, dort, in einer Art ungarischen Enklave. Mit dem Zweitligisten Alemannia Aachen stand er im DFB-Pokal-Viertelfinale gegen Bayern München. Mit Bayern Leverkusen erreichte er als Co-Trainer die Champions League, Wisla Krakau rettete er trotz aller Streitereien mit Vereins-Ikone Jakob Blasczykowski vor dem Abstieg. Bei Borussia Dortmund entwickelte er den jungen Mario Götze. Er gehört der ersten Generation von Junioren-Coaches an, die im Profi-Spitzenbereich eine Chance erhielten. Damals als U-19-Übungsleiter rangelte sich Hyballa mit Christian Streich (SC Freiburg), Thomas Tuchel (FSV Mainz 05), Markus Kauczinski (Karlsruher SC) oder Sascha Lewandowski (Bayer Leverkusen). Gute Zeiten, gute Momente, gute Erinnerungen, gute Trainer.

Nicht so gut die letzten, gehetzten Engagements wie beim niederländischen Zweitligisten NAC Breda, das Schreckenskapitel in Esbjerg oder die Wochen beim deutschen Chaos-Drittligisten Türkgücü München – und nun Trencin. Zwischenstopps. Misserfolge, aber vor allem Brandbeschleuniger seiner persönlichen Krise. Als das Magazin „11Freunde“ eine Story über „Peter Hyballa-Balla“ veröffentlichte, war der alles andere als medienscheue Sohn einer Niederländerin und eines deutschen Seemanns-Pfarrer in Rotterdam endgültig aussortiert. „Das hat mich zudem getroffen, die wenigsten wissen, wie es mir wirklich geht.“ Als Trainer darf man Schwächen auf keine Weise zeigen. Hyballa spricht nun, für ihn endlich, offen über den Druck, der bei ihm zu Depressionen, Selbstzweifeln, Ratlosigkeit geführt hat.

Aber das Bild vom durchgedrehten, vorlauten Trainer-Freak, in dem auch suggeriert würde, dass der Drogen nehme, das wäre Unsinn: „Ich habe noch nie Drogen genommen.“ Er läuft die zehn Kilometer dagegen brutal schnell unter 42 Minuten.

Fühlt sich falsch verstanden

Hyballa ist tatsächlich kein ruhiger Vertreter, er genießt gerne das Leben, wenn möglich. Aber wer ihn kennenlernt, der wird überrascht sein über die Tiefe der Gespräche, seine Gedanken. Als Mensch fühlt sich der 46-Jährige in der medialen Wahrnehmung vollkommen falsch verstanden. Er sieht sich mit Klischees überzogen, in Schubladen abgelegt, das wäre für viele einfach.

„Ja, da habe ich sicherlich einen Teil zu beigetragen, aber wie es in mir aussieht, das glaubt dann keiner. Jeder denkt, dass Fußballtrainer zu sein, ein Traumberuf ist“, resümiert er. Nein, sagt er: „Trainer zu sein ist einsam und ungerecht.“

Wie es weitergeht? Vermutlich im Fußball, seit einiger Zeit plant er mit einem Investor eine Akademie, auch in der Weiterbildung wird er wohl bleiben, vielleicht auch als Coach ein Comeback feiern. Man wird sehen, sagt er, der Trainerjob ist ganz weit weg und doch immer nah. Er kann das, die Rahmenbedingungen seiner letzten Tätigkeiten waren aber alles andere als passend. Für niemanden. Angebot und Nachfrage dürften aktuell am Nullpunkt sein, obwohl: gerade hat wieder ein Club angerufen. Er sagt, und bei allen Selbstzweifeln und den negativen Entwicklungen der letzten Zeit, ist er von sich als Coach überzeugt: „Ich komme da schon raus. Feldtraining geben, das ist das Beste, was ich kann.“

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