Tischtennis - DTTB-Sportdirektor Richard Prause kann sich im FN-Interview eine Verkürzung der Nettospielzeit gut vorstellen / Lob für die Arbeit von Bernhard Gerold: "Als Kümmerer ein sehr gutes Beispiel" Für Boll-Nachfolge "Talentsichtung intensivieren"

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Klaus T. Mende
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Richard Prause (Mitte, links Bernhard Gerold, ehemaliger Trainer der Tischtennisschule Niklashausen) brachte im Interview mit FN-Redakteur Klaus T. Mende eine Verkürzung der Nettospielzeit im Tischtennis ins Gespräch. Dies könnte einen zusätzlichen Spannungseffekt heraufbeschwören.

© Bernhard Müller

Richard Prause, Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB), sieht seine Sportart auf einem guten Weg - auch nach einem möglichen Karriereende der "Aushängeschilder".

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Im Interview mit den Fränkischen Nachrichten spricht sich der 47-Jährige, von 1999 bis 2010 Bundestrainer der Herren um Timo Boll und Co., aber dafür aus, die Sportart noch attraktiver zu gestalten. So kann er sich "eine Verkürzung der Nettospielzeit gut" vorstellen.

Herr Prause, wohin führt der Weg im nationalen Tischtennis nach einem Karriereende der Aushängeschilder Boll und Ovtcharov?

Richard Prause: Zurzeit ist es so, dass keiner ans Karriereende denkt. Wir sind derzeit sehr gut aufgestellt in Richtung 2020 und 2024. Doch wir müssen schauen, dass es junge Talente gibt, die wir nachschieben können. Diese Hausaufgabe muss erledigt werden. Allerdings ist der Weg weit - wir sprechen von Talenten, die 2025/2028 für uns an den Start gehen. Und da ist es unser Ziel, auch dann zu den Topnationen zu gehören.

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Droht im Damenbereich aufgrund der zahlreichen Einbürgerungen eine "Verchinesierung"?

Prause: Nein, absolut nicht. Wir sind froh, dass wir mit Shan Xiaona und Han Ying zwei Topspielerinnen im Nationalteam haben, die schon zehn, 15 Jahre in Deutschland leben und sehr dazu beigetragen haben, dass wir Akteurinnen wie Sabine Winter, Petrissa Solja oder Nina Mittelham dorthin entwickelt haben, wo sie sich jetzt befinden.

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Seit zwei Jahren amtieren Sie als DTTB-Sportdirektor - für Sie mehr Beruf denn Berufung?

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Prause: Der Job ist auch Berufung. Ich bin froh und stolz, beim DTTB arbeiten zu dürfen. Es ist eine interessante, abwechslungsreiche Aufgabe. Ich definiere mich als Sportdirektor mit der Betonung auf Sport, bekomme aber auch mit, dass es wichtig ist, im Hintergrund zu arbeiten und Grundvoraussetzungen zu schaffen, damit Trainer und Spieler sich voll und ganz auf ihren Sport konzentrieren können.

Wo haben Sie seither Akzente gesetzt und was sind jetzt die vordergründigsten Aufgaben, die Sie in nächster Zeit anzupacken gedenken?

Prause: Als ich 2015 angetreten bin, hatten die Olympischen Spiele in Rio schon ihre Schatten vorausgeworfen. Da war es für uns wichtig, dass wir dort eine gute Grundlage erzielen, um mit unseren Partnern, etwa vom DOSB, die Grundvoraussetzungen Richtung 2020/2024 zu schaffen. Das ist gelungen - wir haben mit den Herren Bronze und mit den Damen sogar Silber errungen. Wir haben einige Ausrufezeichen gesetzt. Jetzt versuchen wir mit den Landesverbänden, uns weiterzuentwickeln, auch ein wenig neu zu erfinden. Es gibt die neuen Generationen, die Talentsichtung - wir haben viele Baustellen und wollen alle weiterentwickeln.

Trotz jüngster guter Leistungen von Boll und Co., unter anderem bei der WM in Düsseldorf, ist die Medienpräsenz unbefriedigend. Hat das Tischtennis ein Vermarktungsproblem?

Prause: Wir gehören nach wie vor, was die olympischen Sportarten angeht, zu den Top-Ten in Deutschland. Doch wir würden uns wünschen, wieder mehr Mitglieder zu bekommen. Ich hoffe, dass die WM mit den guten Leistungen uns in Sachen Nachhaltigkeit unterstützt. Insgesamt präsentiert sich das Tischtennis gut. Es wäre aber schön, wenn wir häufiger im Fernsehen wahrgenommen werden würden - etwa regelmäßig in Form von Sondersendungen, in denen man Tischtennisstars öfter sieht. So könnte der Wiedererkennungswert erhöht werden. ARD und ZDF haben ohnehin den Auftrag, den Sport in seiner gesamten Breite darzustellen. Tischtennis wäre da eine zusätzliche positive Beimischung.

Wie wollen Sie eine bessere öffentliche Wahrnehmung der Sportart erreichen, um die internationale Konkurrenzfähigkeit des deutschen Tischtennissports zu fördern?

Prause: Wir haben seitens des Präsidiums und des DTTB, unterstützt von den Verbänden, die Grundausrichtung, regelmäßig große Wettbewerbe in Deutschland auszurichten. Wir hatten 2009 die EM in Stuttgart, 2012 die WM in Dortmund, 2017 die WM in Düsseldorf, wir tragen regelmäßig die German Open aus - alles auf sehr hohem Niveau stattfindende Wettbewerbe. Es ist für den DTTB wichtig zu versuchen, solch eine Nachhaltigkeit Jahr für Jahr darzustellen.

Wie ist es augenblicklich um den Nachwuchs in Deutschland bestellt?

Prause: Das ist eine echte Herausforderung. Man darf nicht davon ausgehen, dass es immer Normalität ist, einen Boll, einen Ovtcharov, eine Solja zu haben. Vielmehr müssen wir daran arbeiten, diese Strukturen in Zukunft beizubehalten. Auch 2028 und 2032 wollen wir zu den Medaillengewinnern gehören. Dazu ist es notwendig, die Talentsichtung weiter zu intensivieren, früh genug damit anzufangen, noch mehr Trainer zu finden.

Demzufolge gehen Sie nicht von einem Leistungsvakuum in Deutschland aus, wenn die großen Namen abtreten?

Prause: Davon sind wir ein ganzes Stück entfernt. Es ist aber schwierig, eine genau Prognose zu stellen, was nach 2025 passiert. Wir wissen, dass wir neue Talente finden müssen, wir wissen, dass wir unsere heutigen Zehn-, Zwölf-, 14-Jährigen weiterentwickeln müssen. Es ist unser Wunsch, die Nachfolger von Boll und Ovtcharov zu finden - aber es ist eine Herausforderung.

Wie beurteilen Sie das jetzige Sichtungs- und Förderungssystem hierzulande?

Prause: Insgesamt sind wir gut aufgestellt, doch man muss es weiter optimieren. Es wäre zum Beispiel zu überlegen, wie man noch früher mit Kindergärten und Grundschulen kooperieren kann. Es ist ganz wichtig, Vereine, Verbände und DTTB mit im Boot zu haben, früh genug zu sichten, früh genug Kontakt mit Eltern, Vereinen und Verbänden aufzunehmen. Es gibt in jedem Fall Nachholbedarf.

Wird der EM-Titel, den zuletzt die Jungen geholt haben, dem deutschen Tischtennis neue Flügel verleihen?

Prause: Ein wenig sicherlich. Dies zeigt aber auch, dass wir mit der derzeitigen Generation im europäischen Vergleich gut aufgestellt sind. Wir sollten den Jugend- und Schülerbereich nutzen, um technische Grundvoraussetzungen zu schaffen. Tischtennis in Europa entwickelt sich dahin, dass die Topspieler erst häufig in der zweiten Hälfte der "20-er" ihren Leistungshöhepunkt erreichen. Hierzu müssen die Rückmeldungen, die man auch von einer Jugend-Europameisterschaft erhält, ins tägliche Training mit einbezogen werden.

Muss der DTTB eine Reform in Sachen Stützpunkte in Erwägung ziehen, indem er noch mehr in Diaspora-Gegenden geht, wozu auch die Region Odenwald-Tauber gehört, um dort die Talente abzuschöpfen?

Prause: Derzeit befinden wir uns in der Phase der Leistungssportreform durch den DOSB, von der auch der OSP Tauberbischofsheim betroffen ist. Dies ist ein ganz spannendes Thema, und wir arbeiten mit unseren Partnern vom DOSB sehr eng zusammen. Alle Sportarten haben erkannt, dass es eine Reform benötigt - dies ist fast einstimmig so beschlossen worden. Hierbei muss es aber das Ziel sein, neben einem Bundesstützpunktsystem keine weißen Flecken zu schaffen, bei denen Sportarten, die erfolgreich sind, nicht mehr gefördert werden.

Wie stehen Sie zu einem verbandsübergreifenden Stützpunktwesen?

Prause: Manchmal wird hier ein gewisser Pragmatismus an den Tag gelegt. Es ist aber so, dass wir eine funktionierende Stützpunktstruktur haben.

Wie beurteilen Sie die Arbeit von Bernhard Gerold in den vergangenen Jahren in der Tischtennisschule Niklashausen?

Prause: Bernhard Gerold ist einer, der als Kümmerer ein sehr gutes Beispiel ist - ein Modellbeispiel, wie es theoretisch überall funktionieren könnte. Die Vereine und deren Kümmerer sind ein bisschen die Keimzelle, aus der sich letztlich der gesamte Sport entwickelt. Ohne diese Kümmerer gäbe es keine funktionierende Vereinsstruktur, ohne die gäbe es keine funktionierende Verbandsstruktur, ohne die gäbe es keine funktionierende Spitzenverbandsstruktur. Dies baut aufeinander auf. Leute wie Bernhard Gerold sind da ganz wichtig.

Ein Beispiel, das Schule machen könnte?

Prause: Es muss immer wieder Personen geben, die solch gute Entscheidungen treffen. Zielsetzung ist, genügend Kümmerer in den Vereinen zu haben, um die Vereine weiterzuentwickeln.

Kaum etwas ist so beständig wie Veränderungen - dies gilt auch im Tischtennis. Was wird da künftig noch auf die Aktiven zukommen? Wird es auch auf Verbands- und Bezirksebene zu Viererteams kommen?

Prause: Ich glaube nicht, dass die Viererteams nach unten durchgereicht werden. Doch das ist im Augenblick schwer zu prognostizieren. Womit man jedoch ein bisschen liebäugelt, ist, die Nettospielzeit zu verkürzen, in der Herren-Bundesliga oder auch bei internationalen Wettbewerben mit mehreren Bällen zu spielen, statt nur mit einem. Es gibt zudem Experimente mit Balljungen, um die Nettospielzeit kurz zu halten. Des Weiteren gibt es die "T2", eine Turnierserie in Malaysia, in der 24 Minuten auf Zeit gespielt wird. Hier ist die Meinung der Spieler ganz interessant - das sorgt aus ihrer Sicht für einen zusätzlichen Spannungseffekt. Das eine oder andere ist da noch in der Pipeline - lassen wir uns mal überraschen.

Sehen Sie noch weitere Ansätze, um die Attraktivität einer ganzen Sportart zu forcieren?

Prause: Ich denke, Tischtennis an sich ist durchaus attraktiv. Wir müssen bestrebt sein, unsere Sportart so zu präsentieren, wie sie es verdient hat. Dazu sollten wir die Rahmenbedingungen schaffen - hier war die WM in Düsseldorf ein schönes Beispiel, an dem man sich orientieren kann.

Haben Sie Visionen, was die Zukunft des Tischtennissports in Deutschland angeht?

Prause: Ich hoffe, dass das Tischtennis es schafft, sich auf dem Niveau der letzten Jahre zu stabilisieren. Und dann wäre es schön, wenn wir uns irgendwann der Zahl von einer Million Mitglieder nähern könnten - das ist meine Vision. Dies bedeutet zum einen, Tischtennis im leistungssportlichen Bereich zu entwickeln, auf der anderen Seite aber auch, Tischtennis für eine ganz große Breite interessant machen.

Redaktion Mitglied der Main-Tauber-Kreis-Redaktion mit Schwerpunkt Igersheim und Assamstadt