Fußball - Die 3. Liga blickt auf eine Spielzeit zurück, die es so noch nicht gegeben hat – und das aus verschiedenen Gründen In vielen Bereichen völlig ungewöhnlich

Von 
Patrick Tittl
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Nach sechs Jahren musste der selbst ernannte Dorfklub SG Sonnenhof Großaspach die 3. Liga wieder verlassen. 32 Punkte waren am Ende deutlich zu wenig. © Frank Scheuring

Mit dem viel diskutierten Ende des denkwürdigen Relegationsspieles zwischen dem FC Ingolstadt und dem 1. FC Nürnberg ist nun auch die Drittliga-Saison 2019/20 offiziell beendet. Für uns ist dies Anlass, einen Rückblick auf diese coronabedingt absolut ungewöhnliche Spielzeit zu wagen.

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Spektakel und Diskussionen

380 Spiele, 38 Spieltage und jede Menge Spektakel: Die 3. Liga hatte in der Spielzeit 2019/20 einiges zu bieten. Dabei hatte zu Beginn noch keiner geahnt, dass die zwölfte Drittligaspielzeit am Ende gar kurz vor einem Abbruch gestanden ist. Plötzlich ruhte nach dem 27. Spieltag am 7. März der Ball. Schuld daran war die Corona-Pandemie, welche auch im Profifußball erst einmal für Stillstand sorgte. Erst am 30. Mai wurde der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden – allerdings vor leeren Rängen. Zuvor musste ein außerordentlicher DFB-Bundestag die entsprechende Entscheidung bringen. Dorst stimmten 222 der 250 Delegierten (94,9 Prozent) für eine Fortsetzung der Spielzeit.

Der Antrag auf Abbruch der Verbände aus Sachsen und Sachsen-Anhalt kam wegen des klaren Votums für eine Saisonfortsetzung überhaupt nicht zur Abstimmung. Der Antrag hatte vorgesehen, dass es in dieser Saison keine Absteiger in die Regionalliga geben soll. Die Wertung hätte anhand des Tabellenstandes nach 27 Spieltagen vorgenommen werden.

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„Das klare Votum hat gezeigt, dass die Lautesten nicht immer Recht bekommen“, sagte damals DFB-Präsident Fritz Keller. Doch richtige Einigkeit unter den Vereinen stellte der Beschluss des DFB-Bundestags definitiv nicht her. Dies lag auch daran, weil im Hintergrund einige Vereine gerade das Thema Geisterspiele kritisch beäugten. So betonte zum Beispiel Magdeburgs Geschäftsführer Mario Kallnik: „Bei Geisterspielen müssen wir auf die ohnehin große Verluste durch die Coronakrise noch mindestens 740 000 Euro obendrauf legen.“

Doch nicht nur die fehlenden Zuschauereinnahmen sorgten für ein unterschiedliches Meinungsbild bei den Drittligavertretern, auch der dicht gedrängte Spielplan sorgte für viele Diskussionen. Der „Rest der Saison“ wurde durchgehend im Rhythmus englischer Wochen absolviert und endete am 4. Juli. Zudem hatten die Vereine vor der Wiederaufnahme des Spielbetriebs lediglich eine kurze Vorbereitungszeit zur Verfügung. „Was wir Spieler in dieser Zeit durchmachen mussten, war teilweise eine Schweinerei“, kritisierte dementsprechend Zwickaus Verteidiger Davy Frick.

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Dem widersprach allerdings Peter Frymuth, der DFB-Vizepräsident für Spielbetrieb und Fußballentwicklung: „So haben es wir alle gemeinsam geschafft, ein sportliches Ende der Saison herbeizuführen.“

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Premiere

Mit dem FC Bayern München II sicherte sich erstmals in der Drittligageschichte eine U 23-Mannschaft eines Profiklubs die Meisterschaft in der 3. Liga. Die Münchner sind zudem auch der erste Aufsteiger, der den Titel geholt hat. Nach 19 Partien lag der Nachwuchs des deutschen Rekordmeisters lediglich auf Tabellenplatz 15. Der Abstand zur Gefahrenzone betrug damals nur zwei Punkte. In der Rückserie bedeuteten dagegen die 43 Zähler des FCB II die mit Abstand beste Ausbeute aller Drittligisten vor dem künftigen Zweitligisten FC Würzburger Kickers (38). Zudem stellen die Bayern mit Angreifer Kwasi Okyere Otschi Wriedt (24 Tore) den Torschützenkönig.

Aufsteiger

Knapp hinter den nicht aufstiegsberechtigten Münchnern (65 Punkte) kamen der FC Würzburger Kickers und Eintracht Braunschweig auf den Plätzen zwei und drei ins Ziel. Dabei reichten beiden Mannschaften jeweils 64 Punkte zum direkten Aufstieg. In der Saison 2018/19 hatten die Aufsteiger VfL Osnabrück (76 Punkte) und der Karlsruher SC (71 Punkte) eine noch eine höhere Punktausbeute vorweisen können. Zudem reichten vor Jahresfrist dem SV Wehen Wiesbaden 70 Punkten gerade einmal für Platz drei und somit für die Teilnahme an der Relegation. Dem FC Ingolstadt reichten dafür dieses Mal 63 Punkte.

Abschied

Im Sommer 2014 hatte sich die SG Sonnenhof Großaspach als Meister der Regionalliga Südwest in den Aufstiegsspielen gegen die zweite Mannschaft des VfL Wolfsburg durchgesetzt und mit dem Aufstieg in die 3. Liga den größten Erfolg ihrer Vereinsgeschichte gefeiert. Dieses Kapitel endet nun am Ende der Saison 2019/20. Nach sechs Jahren in der 3. Liga muss die SG als Tabellen-19. mit 32 Punkten den bitteren Gang in die Viertklassigkeit antreten.

Zuschauerinteresse

Eigentlich war die 3. Liga erneut auf dem besten Weg, einen neuen Bestwert in der Zuschauerresonanz aufzustellen. Dann machte die Corona-Krise diesem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung. Trotzdem können sich die bis dato erzielten Zahlen durchaus sehen lassen. So lockten alleine die 190 Spiele der Hinrunde 1,664 Millionen Zuschauer auf die Tribünen der 20 Standorte, im Schnitt 8758 pro Partie. Im Schnitt schalteten in der Hinrunde 360 000 Personen pro Livespiel im Free-TV ein. Das bedeutete eine Steigerung von 31 Prozent gegenüber der Vorsaison.

Auswärtstorregel

In Deutschland gab es in dieser Saison drei Relegationsspiele um die Ligazugehörigkeit. Dabei wurden am Ende alle drei Partien Durch Auswärtstorregelung entschiede: Werder Bremen schaffte in der Bundesliga-Relegation gegen den 1. FC Heidenheim nach einem 0:0 zu Hause durch ein 2:2 auswärts den Klassenerhalt. Dem 1. FC Nürnberg genügte in der Zweitliga-Relegation gegen den FC Ingolstadt nach einem 2:0-Heimsieg ein 1:3 im Rückspiel in Ingolstadt. Und auch die Aufstiegsspiele zur 3. Liga fanden erst durch die Auswärtstorregel einen Sieger: Der SC Verl setzte sich gegen den 1. FC Lok Leipzig nach einem 2:2 auswärts mit einem 1:1 zu Hause hauchdünn durch.

Trainerwechsel

Trotz des Aufstiegs in die 2. Liga trennte sich Eintracht Braunschweig von seinem Cheftrainer Marco Antwerpen. Der auslaufende Vertrag des 48 Jahre alten Fußball-Lehrers nicht verlängert. Vor allem nach der Corona-Pause legten die Niedersachsen mit sieben Erfolgen, zwei Remis und nur einer Niederlage eine eindrucksvolle Serie hin und machten am 37. und vorletzten Spieltag mit einem 3:2-Heimsieg gegen den SV Waldhof Mannheim den Aufstieg in die 2. Bundesliga perfekt. Ein Jahr zuvor hatte sich die Eintracht beim Saisonfinale den Klassenverbleib in der 3. Liga gesichert.

Talente

Einen positiven Trend erlebte die 3.Liga in der abgelaufenen Saison in Sachen Talententwicklung. So haben es zum Beispiel aus dem Jahrgang 2000 gleich drei Torhüter zur Nummer eins in ihrer Mannschaft geschafft: Nico Mantl (Spvgg. Unterhaching, 35 Einsätze), Christian Früchtl (FC Bayern München II, 27 Einsätze) und Vincent Müller (FC Würzburger Kickers, 25 Einsätze). Bis zur Spielunterbrechung durch die Corona-Pandemie kamen aus der Gruppe der 2000er-Geburtsjahrgänge insgesamt 44 Akteure zu Spieleinsätzen. Davon waren 35, die für Auswahlmannschaften des DFB spielberechtigt sind.

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