Fechten - Leonie Ebert unterstreicht in der Olympia-Qualifikation ihren Status als Topfechterin der Nation / Ein Jahr unter Hochspannung / Widrigkeiten getrotzt Kindheitstraum erfüllt – mit Verzögerung

Von 
Michael Fürst
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In Aktion: Leonie Ebert war bereits als Juniorin fester Bestandteil der Frauenflorett-Nationalmannschaft. Als einzige aus diesem deutschen Team hat sie sich für Olympia in Tokio qualifiziert. Nun muss sie aber noch ein Jahr länger warten, bis ihr Kindheitstraum in Erfüllung geht. © dpa

Leonie Ebert muss sich vorgekommen sein, wie eine Bergsteigerin kurz vor dem Gipfel. Nach der langen Anstrengung war das Kreuz in Sicht; nur noch ein paar Schritte, getragen von der Vorfreude auf die gigantische Aussicht, darauf, das Ziel nach großer Anstrengung endlich erreicht zu haben. Und dann das: Plötzlich war das Gipfelkreuz weg. Zack. Eberts Berg, das war die anstrengende Olympia-Qualifikation, das Gipfelkreuz das Ticket für Tokio. Beim letzten „Quali-Turnier“ Anfang März im amerikanischen Anaheim bei Los Angeles hätte sie als aktuell Weltranglisten-Elfte „nur noch“ einen Sieg im Hauptfeld erringen müssen, um sich den erstmaligen Start „bei den Spielen“ zu ermöglichen.

Zur Person Leonie Ebert

Geboren wurde Florettfechterin Leonie Ebert am 4. Oktober 1999.

Ihr erster Verein war die TG Würzburg. von dort wechselte sie zum FC Tauberbischofsheim; 2018 schloss sie sich Future Fencing Werbach an.

Bereits als Kadettin machte sie auf sich aufmerksam: Im April 2015 wurde sie Weltmeisterin im Einzel, dazu holte sie mit der Junioren-Mannschaft die Bronzemedaille.

Schon als Juniorin erwuchs sie zum festen Bestandteil der Frauen-Nationalmannschaft.

Ihren ersten Titel als Deutsche Einzelmeisterin holte sie 2019.

Ihre beste Weltranglistenposition war Sechste, derzeit ist sie Elfte und wäre somit direkt für die Olympischen Spiele in Tokio qualifiziert. mf

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Doch dann kam das Coronavirus. Die deutsche Florettfechterin war mit ihren Mannschaftskameradinnen bereits in Los Angeles gelandet, dann wurde der Grand Prix in Amerika wegen der Pandemie noch abgesagt. Einige Wochen später folgte die Verschiebung der Olympischen Spiele ins Jahr 2021. „Es hat mir zunächst das Herz gebrochen. Ich war ein Jahr lang auf Hochspannung, um mir meinen Kindheitstraum Olympia zu verwirklichen, und dann kam das alles.“ Man kann mitfühlen mit dieser jungen Sportlerin, von der Sven Ressel, der Sportdirektor des Deutschen Fechter-Bundes, sagt: „Sie ist fest in der Weltspitze etabliert. Ihre Zielstrebigkeit und ihr unbändiger Kampfeswille zeichnen sie aus. Zudem besitzt sie eine hohe fechterische Flexibilität. Für den Verband ist sie eine Vorzeigeathletin. Sie überlässt nichts dem Zufall.“

Auf der Suche nach Struktur

„Aktuell ist es schwierig, Struktur reinzubekommen“, sagt die Gewürdigte. Das Fechtzentrum in Tauberbischofsheim, der Stützpunkt an dem die Sportsoldatin zusammen mit ihren Teamkolleginnen und Bundestrainer Giovanni Bortolaso trainiert, ist weiterhin geschlossen. Nun versucht Leonie Ebert, sich vorübergehend daheim fitzuhalten. Sie wartet dabei auf eine Entscheidung des Weltfechterbandes FIE, wie die Saison weiter geht.

Ebert möchte aber nicht, dass man ihre Gefühlswelten mit ihrer rationalen Meinung gleichsetzt. Die verhält sich gewissermaßen reziprok: „Ich finde es richtig, dass Olympia verschoben worden ist. Wir als Athleten hätten uns gegen die gesellschaftlichen Vorgaben richten müssen, um eine Chance zu haben, uns vorzubereiten. Zudem hätte es moralisch keinen Sinn ergeben, Olympia durchzuführen.“ Wettkämpfe ohne Zuschauer, abgeschottete Athleten – so hatte sich die Würzburgerin ihren Kindheitstraum sicher nicht vorgestellt. Nun besteht zumindest die Chance, dass es 2021 in Tokio zu „normalen Spielen“ kommen kann.

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Leonie Ebert ist in den vergangenen fünf, sechs Jahren durch ein Stahlbad gegangen: Schon mit 14 Jahren stach ihr herausragendes Talent heraus. Die damals beim „FC TBB“ Verantwortlichen, von denen viele noch die Beckschen Glanzzeiten live erlebt hatten, sahen in ihr die neue Anja Fichtel, die künftige Dauer-Weltmeisterin und mindestens einmalige Olympiasiegerin. Entsprechend wurde „das Mädel“ gehypt, vor allem nachdem sie 2015 Kadetten-Weltmeisterin wurde. Der italienische Startrainer Andrea Magro kam nach Tauberbischofsheim und nahm die Hochbegabte unter seine Fittiche, machte sie schon als Juniorin zum festen Bestandteil der Frauen-Nationalmannschaft. Später, als Förderer Magro gehen musste, war Leonie Ebert bitter, bitter enttäuscht. Sie sah ihre Karriere in großer Gefahr.

Abitur „zwischendurch“

Die heute 20-Jährige hielt jeglichem Druck stand; auch die Misslichkeit mit Andrea Magro steckte sie weg. Ihr Abitur baute sie „zwischendurch“, auch mittels Nachhilfestunden zwischen 23 und 2 Uhr. Zu den Abi-Prüfungen kam sie direkt vom Flug zurück aus Shanghai. Seit knapp zwei Jahren ist sie die stärkste deutsche Florettfechterin, was die Weltrangliste betrifft (Platz 11, Anne Sauer ist als Nächstbeste 33.), und die Tatsache unterstreicht, dass sie 2019 erstmals deutsche Einzelmeisterin wurde. Nun gelang die Olympia-Qualifikation – im Grunde.

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Allerdings warf die zurückliegende „Quali“ auch ein Schattenfleckchen. Mit der Florett-Mannschaft, und das war das Ziel, schaffte Ebert den Weg nicht nach Tokio. „Wir waren alle sehr enttäuscht“, blickt sie auf den finalen Teamwettkampf in Kazan zurück (wir berichteten). „Das war für mich auch eine verpasste Quali“, sagt sie heute.

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Jetzt muss sie sich also 2021 „alleine“ mit ihrem Trainer Giovanni Bortolaso auf den Weg nach Tokio machen. Leonie Eberts Gipfelkreuz war also nur kurz im Nebel verschwunden; schon bald wird es aber wieder gut sichtbar erstrahlen…

Ressortleitung Leiter der Redaktionen Buchen und Sport