Leserbrief

Gesellschaftsfragen Realitätsvermeidung hält immer stärker Einzug in die virtuelle Welt

Wollen wir so leben?

Unter dem Titel „Deutschlands große Clans“ berichtet das Fernsehen zur Zeit über die Aldi-Story sowie die Entstehung anderer großer Familienunternehmen, die Deutschland geprägt haben. Beim Drehen dieser Dokumentationsreihe dachte man sicher kaum an jene (arabischen) Clans, die aktuell immer öfter Polizeirazzien unterzogen werden.

Dass solche Strukturen jenseits jeglicher demokratischer Gesetze über so lange Zeit wachsen und gedeihen konnten, kommt nicht von ungefähr. Für mich ist dies nur ein Beispiel der vielen „Parallelwelten“, die durch zu langes Wegsehen entstanden sind (Stichwort: Scharia). Ist das vielleicht eines jener Puzzleteile, was uns zu den Ursachen zunehmender Intoleranz führen könnte?

Wenn völlig überzogene Toleranz gegenüber jenen, die es nicht verdienen, derartige bizarre Blüten treibt, dürfen wir uns nicht wundern, dass viele über den Begriff „Political Correctness“ erzürnt sind, weil dieser, derart inflationär angewandt, bis zur Bedeutungslosigkeit verkommt.

Da wundert’s auch nicht, dass das PC-Programm „Word“ neuerdings das Wort „Vertreibung“ als problematisch anmahnt, wie SZ-Mitarbeiter Benjamin Jungbluth unter der Rubrik „Übrigens“ die zunehmende Realitätsvermeidung wegen skurriler politischer Korrektheit zurecht kritisierte.

Gerade auch die Politik selbst glänzt immer wieder durch abschreckende Beispiele für den zunehmenden Realitätsverlust: Ein Jahr nach Merkels wunderlichem Kommentar zum herben Stimmenverlust der GroKo („Ich wüsste nicht, was wir hätten anders machen sollen“) wurde die Beförderung von Verfassungsschutzpräsident Maaßen mit folgenden Worten zurückgenommen: „Wir haben nicht bedacht, wie das bei den Menschen draußen ankommt.“

Auch die Chefetagen mancher Banken und Konzerne kümmert die Folgen ihres Handelns wenig. Erstere bescherten uns eine Finanzkrise, deren Damoklesschwert im Dunst halbherziger Konsequenzen immer noch über uns schwebt.

Und was die Konzerne angeht, da gibt es eben solche, die ihre Gewinnmaximierung mit skrupelloser Menschenverachtung durchsetzen und sogar das Menschenrecht auf Trinkwasser in Frage stellen. Dass fast 80 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind, ist auch die Folge von solch pervertierter „Wirtschafts-Ethik“.

Umfassende totale Transparenz und Überwachung, sowie absolute soziale Kontrolle durch allmächtige Internetkonzerne werden zunehmend Realität. Die Masse mutiert immer mehr zu Marionetten, die nicht nur den letzten Rest an Privatsphäre, sondern auch an sozialer Kompetenz verliert, da sie zwischen realer und virtueller Welt kaum noch zu unterscheiden vermag.

Wobei Letztere, eben das Internet, mit seinen (a-)sozialen Netzwerken gerne als moderner Pranger oder zur Belustigung über Menschenschicksale missbraucht wird, dass sogar Rettungsdienste von Smartphone-Voyeuren an ihrer Arbeit gehindert werden. Die Datenschutzgrundverordnung führt eher zu skurrilen Auswüchsen, bei denen beispielsweise die Gesichter von Kindergartenerinnerungsfotos geschwärzt werden oder bei deren Umsetzung Vereinsvorsitzende ins Schwitzen kommen, während die Silicon-Valley-Konzerne klammheimlich in Sachen virtueller Weltherrschaft voranschreiten.

Denn sie bestimmen immer mehr unsere Gesellschaft und sagen uns, wie wir künftig leben werden. Ob wir so leben wollen, danach fragt uns aber leider keiner.

Herbert Semsch, Brühl

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