Leserbrief

Terror Alle Gläubigen und Atheisten sind gefordert

Verantwortung übernehmen

Ein Australier, Bürger einer Demokratie, wohlsituierter Sportlehrer aus Sydney, hat letzte Woche in Neuseeland 50 Muslime ermordet. Bei seiner Festnahme gab er an, er habe verhindern wollen, dass Christen durch Muslime verdrängt würden. Klingt das nicht nach Angst?

Die aber ist völlig überzogen. Muslime bilden auf dem fünften Kontinent nur eine winzige Minderheit, verglichen etwa mit den Asiaten, die Sydneys und Melbournes Straßen bevölkern. Sie ist bei den „Aussies“, sogar völlig absurd, denn ihre Heimat besteht, wie Neuseeland auch, vorwiegend aus Einwanderern. Andere Motive müssen stärker sein. Vielleicht sind es das Unverständnis und die Unsicherheit, die von den Attentaten und Anschlägen in Syrien, Afghanistan und im Irak ausgelöst werden. Viele dort lebende Christen suchen Schutz in demokratischen Ländern. Aber unter den Flüchtlingen befinden sich deutlich mehr Muslime. Verständlicherweise: Sie stellen die bei Weitem größte Gruppe unter den Opfern islamistischer Terroristen. Es sind also alle Religionen betroffen, deshalb scheidet der Glaube als Beweggrund aus.

Um die unmenschliche Tat dieses Mannes zu verstehen, müssen wir weitersuchen. Er kommt zwar aus einer Demokratie mit ihren Grundrechten, der Menschenwürde und mit ihr der Nächstenliebe. Er muss aber in eine Gegenwelt abgerutscht und von abgrundtiefen Gefühlen des Hasses und der Verachtung erfüllt gewesen sein.

Viele Deutsche, die das lesen, denken in diesen Tagen gewiss an die 15 jungen Menschen von Winnenden, die ein Schüler im März 2009, also vor zehn Jahren, erschossen hat. Dort fehlte freilich das Element des Rassismus. Das aber war 2011 auf der norwegischen Insel Utoya das Motiv für den Mord an 77 vor allem jungen Menschen, vorwiegend aus Migrantenfamilien. Auf den Tag genau fünf Jahre später tötete in München ein junger Nachahmungstäter neun Gleichaltrige, weil er sie für Einwanderer hielt. Ebenso viele Menschen, afroamerikanische Christen, fielen 2015 einem Attentäter in einer Kirche von Charleston/South Carolina zum Opfer. Und schließlich ist es gerade ein halbes Jahr her, dass am 27. Oktober 2018 elf jüdische Gottesdienstbesucher in einer Synagoge von Pittsburgh/Pennsylvania ermordet wurden.

Rassisten und Antisemiten, Täter mit weißer Hautfarbe, scheuen also nicht davor zurück, ihre Bluttaten in Kirchen zu begehen. Mit ihrer weißen Hautfarbe nehmen sie sich das Recht, anderen Menschen das Leben zu nehmen. Sie werden gefasst und bestraft. Das soll abschreckend wirken. Es ist aber zu bezweifeln, dass es ausreicht, um verirrte und verwirrte Weiße von ihrem Überlegenheitsgefühl abzubringen.

Was die Welt braucht, ist eine bewusste Umkehr. Juden, Muslime und Christen dürfen nicht länger zögern, wenn es darum geht, andere für Gottes Gebote, Nächstenliebe und Barmherzigkeit zu gewinnen. Realistisch gesehen, kann die Initiative nur von der katholischen Kirche und ihrem weltweit geachteten Papst ausgehen. Es müssen aber alle Menschen, Gläubige wie Atheisten, ins Boot geholt werden und mitrudern. Denn nur gemeinsam wird es ihnen gelingen, eine Atmosphäre der Verantwortung aller und der gegenseitigen Achtung zu schaffen.

Helmut Mehrer, Brühl

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