Leserbrief

Geschichtsfälschungen Breitenwirkung der AfD-Behauptungen sind verheerend / Die beiden Seiten der Medaille

Ideale oder Blut und Boden?

Nur wenige US-Politiker unserer Zeit werden höher geschätzt als der jüngst verstorbene US-Senator John Mc Cain. Wie kein anderer hat er Präsident Trump die Stirn geboten: „Wir leben in einem Land, das auf Idealen aufbaut, nicht auf Blut und Boden.“ Blut, also Hautfarbe, und Boden, Besitz und Herkunft, entscheiden nicht über den Wert von uns Menschen.

Im Kern geht es um unsere Würde, um Freiheit und Gleichheit. Diesen Kern unserer Ideale garantieren uns die Grundrechte unserer demokratischen Verfassungen. Und sie gelten auch für die Flüchtlinge. An diesem Maßstab gemessen, hat das vergangene Wochenende uns Deutschen in der Welt schwer geschadet: 8000 Rechtsextremisten demonstrierten am Samstag in Chemnitz gegen Flüchtlinge – mit Hitlergruß und Hetzjagden. Das wirkte wie ein Bürgerkrieg.

Die Schweiz und Kanada warnten daraufhin ihre Bürger vor Reisen nach Deutschland. Das Fernsehen bestätigte den Eindruck und „hoffte, die Polizei könne bei der nächsten Demonstration die Gewalt eindämmen“. Eindämmen! Sehr bescheiden. Die aber, die diesen Eindruck geweckt haben, redeten, als würden sie die öffentliche Ordnung schützen und warfen dem Staat vor, er sei dazu unfähig. Das war einst die Taktik der SA. Was am Ende kam, wissen wir: kein „Vogelschiss“, wie Herr Gauland bagatellisiert, sondern die Barbarei des „1000-jährigen Reiches“.

Man darf die Prognose wagen, dass sie auch in 1000 Jahren nicht aus den Geschichtsbüchern verschwunden sein wird. Chemnitz freilich schien nach dieser Gewaltorgie gelähmt. Dem Friedensaufruf der evangelischen Kirche folgten am Sonntag nur 1000 Menschen, trotz der Rede des Ministerpräsidenten!

Die Schwetzinger Zeitung fühlte sich an 1933 erinnert und forderte den Verfassungsschutz auf, die AfD zu beobachten. Gut. Aber alles, was diese Partei sich herausnimmt, ist doch bekannt und intern abgesprochen. Nach zunehmend schlimmeren Tabubrüchen rudert sie jedes Mal zurück, bevor sie erneut Grenzen überschreitet. So wie die SA vor 1933. Die Bagatellisierung der beispiellosen NS-Verbrechen, der Massenmorde und Zweiten Weltkriegs ist die eine Seite. Der AfD-Vorsitzende rechnet sie zusätzlich noch gegen die „glänzende deutsche Vergangenheit“ auf. Muss er sich dabei nicht bewusst sein, dass er die Opfer der NS-Barbarei entehrt?

Doch selbst diese Geschichte ist voll dunkler Stellen: Karl der Große hat die Sachsen abgeschlachtet, die Kreuzzüge endeten in furchtbaren Metzeleien, bei Hexenverfolgungen wurden Frauen bei lebendigem Leibe verbrannt, Millionen starben im 30-jährigen und in den Kriegen des „großen“ Friedrich. Streit um Macht, Verherrlichung von Macht und Besitzgier („Blut und Boden“) gehören zu unserer Vergangenheit.

Doch nicht alles war böse: Dank der oft verteufelten, heute immer mehr verlassenen Religion fanden große Theologen wie Meister Eckhart und Martin Luther ihre Berufung und Aufmerksamkeit. Ihnen folgten Dichter und Philosophen, Goethe und Kant, und dank der Eintracht und des Fleißes unserer Vorfahren haben wir Deutsche uns trotz der Verbrechen Ansehen erworben. Und die Fähigkeit zu beidem liegt in unseren Genen. Das Schlimmste an der Verfälschung der Geschichte ist ihre Breitenwirkung. Parteimitglieder glauben dem Vorsitzenden, weil sie sich in ihrem Antisemitismus und Rassismus gerechtfertigt fühlen. Doch Achtung! Diese Um-deutung ist voller Gefahren. Regisseur Henckel von Donnersmarck hat gewarnt: „Wer die Geschichte nicht kennt, ist verdammt, sie zu wiederholen.“ Gott möge uns und die Welt davor bewahren!

Aber was können wir tun? Wir können uns immer an die Selbstverpflichtung der 1970er Jahre halten, als wir den Holocaust verstanden haben: Wir sind nicht verantwortlich dafür, aber dafür, dass sich die NS-Verbrechen nicht wiederholen. Wer Flüchtlingen hilft, folgt den demokratischen Idealen und den Geboten der Religionen. Sie sind Opfer von Katastrophen und Grausamkeiten.

Es ist aus meiner Sicht zudem notwendig, das Klima zwischen Menschen und Staaten zu verbessern. Nur so können wir die Erde vor dem Hitzekollaps retten.

Helmut Mehrer, Brühl

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