Leserbrief

Frieden geht uns alle an

Ehrenmann beziehungsweise Ehrenfrau: So lautet das Jugendwort des Jahres 2018. Überrascht war ich, als ich davon hörte. Jugendliche stehen oftmals ja nicht gerade in einem guten Ruf. „Die Jugend von heute“, so ist häufig zu hören, sei faul, uninteressiert am gesellschaftlichen Leben und respektlos. Diese und ähnliche Vorurteile gegenüber der jüngeren Generation schwirren in den Köpfen mancher Erwachsenen umher. Und jetzt das: gerade die Jugend ist es, die ein Wort „wiederentdeckt“ hat, das etwas ganz Entscheidendes für unser Zusammenleben bedeutet. „Ein Ehrenmann/eine Ehrenfrau“, so die Definition, „ist jemand, der etwas Besonderes für einen anderen tut.“ Angenommen, Jugendliche verwenden das Wort in dieser positiven Bedeutung, dann kann es um unsere Jugend eigentlich nicht so schlecht stehen. Dann kann sie sogar Vorbild sein für all die anderen Generationen in unserer Gesellschaft. Gerade gegen Ende eines alten und zu Anfang eines neuen Jahres finden in vielen Städten und Gemeinden besondere Ehrungen statt. Ganz viele Ehrenmänner und -frauen werden für ihre Bemühungen um ein gutes und soziales Miteinander sowie ihr Ehrenamt ausgezeichnet. Solche Menschen treten mit ihrem Engagement einer immer stärkeren Vereinzelung und einem nur auf mich selbst gerichteten Blick entgegen. Sie sind der „Kitt“, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Ihnen allen, die sich ehrenamtlich in Vereinen, Gruppierungen, Kirchengemeinden oder Organisationen einbringen, gebührt daher der größte Respekt und Dank. „Suche den Frieden und jage ihm nach!“, so die Worte der Jahreslosung für das Jahr 2019 aus dem 34. Psalm. Frieden – wie sehr sehne ich ihn auch für das neue Jahr herbei. Frieden auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Frieden in den Herzen derer, die über Böses nachsinnen. Frieden in unserem Land. Frieden in den Gedanken unserer Politiker. Frieden für meine Lieben und mich selbst. Die Jahreslosung könnte aktueller nicht sein. Angesichts des grenzenlosen Unfriedens, der mich umgibt, fordert sie mich persönlich heraus. Frieden – das ist nicht nur etwas, das von den Mächtigen geschaffen und garantiert werden muss. Für Frieden bin ich selbst ganz persönlich mitverantwortlich. Ihn „suchen“, ihm „nachjagen“ soll ich. Nicht aufgeben, wenn meine Bemühungen auf taube Ohren oder auch Gleichgültigkeit stoßen. Nicht den Mut verlieren, wenn mir Rücksichtslosigkeit und Aggression begegnen. Friedensarbeit braucht oftmals einen sehr langen Atem. Auch die Ehrenmänner und Ehrenfrauen landauf landab sind – mit den Worten des Psalms gesprochen – Friedenssucherinnen und Friedensjäger. Mit ihrem Engagement sorgen sie dafür, dass die mitmenschliche Temperatur nicht in ein gefährliches Minus sinkt. Frieden geht uns alle an – und Ehre kommt uns allen zu. Der christliche Glaube geht davon aus, dass wir bei Gott in Ehren stehen, noch bevor wir irgendetwas dafür tun können. Seine Liebe geht unserer Leistung und unserem Tun voraus. Als ein solcher Ehrenmann oder eine solche Ehrenfrau ist mein Friedensdienst die Folge der erfahrenen Ehre. Es ist die Antwort auf Gottes Liebe, die er mir bedingungslos zukommen lässt. In diesem Sinne schenke Gott uns allen im neuen Jahr seinen Frieden.

David Reichert

Pfarrer in Ladenburg

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