Leserbrief

Flügel wie ein Adler

Schwerelos dahingleiten, alles unter sich klein werden lassen, schwebend die Dinge wahrnehmen: einfach fliegen. Ein Menschheitstraum, der auch heute in Zeiten von Flugzeugen nichts von seiner Faszination verloren hat.

Viele Filme und Lieder beschreiben in ihren Bildern und Texten die Sehnsucht des Menschen, ganz leicht und beflügelt zu sein. Beispielsweise im Film „Titantic“, in dem zwei Liebende am Bug die Arme ausbreiten oder das Lied von Reinhard Mey mit dem Titel „Über den Wolken“.

Vieles aber hält uns davon ab, federleicht und unbeschwert durchs Leben zu gehen beziehungsweise zu fliegen: Da gibt es Mächtige, die willkürlich ihre Macht einsetzen, oder Bürgerbewegungen, die mit Gewalt neue Gesetze schreiben wollen. Unsicherheiten im Beruf und in der Familie, die belasten. Misstrauen und Unverständnis, die das Leben untereinander schwer machen. Oder etwa Krankheiten, die buchstäblich zu Boden drücken.

Kann man das Fliegen lernen?

Wie können wir das Fliegen lernen, wenn es so vieles gibt, das uns davon abhält? In der Bibel heißt es im Prophetenbuch Jesaja 40,31: „Die aber, die dem Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft, sie bekommen Flügel wie Adler.“ Nach dieser Aussage, ist der Schlüssel zum Fliegen im Vertrauen zu finden. Wer sich etwas traut, hat Mut, ist entschieden, der wagt etwas. Er gibt Kontrolle ab, verlässt sich auf andere, macht sich verletzlich.

Das hört sich ganz einfach an - ist es aber nicht. Das mit dem Vertrauen – in mich, in andere, ins Leben – ist aber doch eine schwierige Sache. Oft haben schlechte Erfahrungen in Kindheit und Jugend unser Vertrauen ins Leben zerstört oder uns zumindest argwöhnisch werden lassen.

Vertrauen schöpfen

Es kommt der Wunsch auf, das Leben im Griff zu haben, vorbereitet zu sein, andere Lebewesen zu kontrollieren. Nur hält genau dieser Wunsch nach Berechenbarkeit des Lebens uns davon ab, zu vertrauen. Sich gegenüber dem Leben abzuschotten oder es in Ketten zu legen, verhindert die „Leichtigkeit des Seins“. Die Ketten, die wir dem Leben anlegen, fesseln uns selbst.

Vielleicht ist ein Weg im Vertrauen zu wachsen, dass wir uns weder der Lebenssituation ergeben, noch versuchen dagegen anzukämpfen. Es schützt vor Selbstüberforderung und vor der Idee, alles kontrollieren zu müssen. Das bringt Gelassenheit und die Erkenntnis, dass nicht alles von unserem Tun beziehungsweise vom Nichttun abhängt. Der Dichter und Theologe Arno Pötzsch hat sein Vertrauen so formuliert: „Du kannst nicht tiefer fallen, als nur in Gottes Hand.“

Gott zeigt sich in Jesus

An Weihnachten feiern wir die Geburt Jesu. Etwas Neues kommt auf die Welt. Gott zeigt sich. Der Geburtsmoment wird zum Heiligen Abend. Neues Leben gibt Hoffnung, stößt neue Perspektiven auf, kann Dinge nachhaltig verändern.

Vielleicht wachsen uns Flügel wie Adler, wenn wir in Momenten der Hilflosigkeit und Begrenztheit bereit sind, eine andere Erfahrung machen zu wollen. Wenn wir wider unserer bisherigen Kenntnissen uns auf das Leben neu einlassen, neu anfangen, neu beginnen. Im Vertrauen darauf, dass Gott zu uns kommt und bei uns ist, so wie wir es jedes Jahr an Weihnachten feiern.

Raphael Brantzen,

Dekanatsreferent,

Katholisches Dekanat

Heidelberg-Weinheim

Das Wichtigste von heute
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional