Leserbrief

Austritt Großbritanniens Kanzlerin Merkel zaudert lieber weiter

Euro-Ehen und der Brexit

Einmal schon hat Großbritannien die europäischen Karten durcheinander gewirbelt, nämlich als Georges Pompidou, der nach 1968 General de Gaulle abgelöst hatte, sich für die Aufnahme Großbritanniens in die EU eingesetzt hatte. Warum? Weil der französische Präsident eine Allianz mit Großbritannien befürwortete, als Puffer gegen Willy Brandt und seiner Ostpolitik. Aber die Ehe mit den Inselbewohnern hat sich stets als recht schwierig erwiesen, man denke unter anderem an die Ära Thatcher.

Pompidous Nachfolger, Valéry Giscard d’Estaing, zog die echte Freundschaft mit Helmut Schmidt der unheiligen Allianz mit Großbritannien vor. Und jetzt unter Macron wurde in den Medien die angebliche deutsch-französische Freundschaft geradezu hymnisch als Liebesehe zelebriert.

Wer Frankreich und Deutschland kennt, die zögernde, schweigsame Kanzlerin Merkel und den drängenden Präsidenten Macron, dessen Pläne nicht nur seine Heimat, sondern ganz Europa wiederbeleben und schmieden sollten, ahnte, dass Macron mit seinen Projekten nie die Zustimmung der bremsenden Kanzlerin finden würde.

Die zweckgebundene Allianz Großbritannien-Deutschland ist für Angela Merkel zu bequem, als dass sie sich trotz Küsschen der Macron-Strategie anschließen würde. Lieber noch eine Verlängerung der Fristen genehmigen, einen Flexi-Brexit befürworten und damit ein noch größeres Chaos verursachen und die Wackelkandidaten von Ost und Süd ermuntern, den gleichen Weg einzuschlagen, den gleichen Druck wie Großbritannien auszuüben und nach 70 Jahren Frieden die Auflösung von Europa zu beschleunigen.

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag sind die Würfel gefallen. Ein Kompromiss à la Merkel hat sich durchgesetzt: Aufschub bis 31. Oktober. Ob die Rechnung der Brexit- Gegner in Erfüllung geht, ist fraglich.

Wird die Europawahl Ende Mai, an der Großbritannien beteiligt sein darf, mehr Brexit-Gegner als Befürworter ins Parlament schicken? Wenn nicht, welche Gründe werden dann vorgebracht, zu denen die 27 Europastaaten Ja und Amen sagen werden?

Christiane Loizeau-Steffen,

Eppelheim (französisches Kriegskind und deutsche Ehefrau, seit 1962 in Deutschland lebend)

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