Leserbrief

Europäische Union Wer sich für Freundschaft, Offenheit und Grundrechte einsetzt, hat es nicht leicht

Es ist ein Geschenk der Geschichte

Wir vertragen fast alles, wenn wir wissen wofür.“ Dieser Einsicht des Schriftstellers Jochen Missfeldt stimmen gewiss viele von uns zu. Für „große Ziele“ engagieren wir uns gerne und sind bereit, Belastungen auf uns zunehmen. In der Vergangenheit zumindest gelang das ohne große Probleme. Drei Generationen deutscher Männer, die Väter, Groß- und Urgroßväter der in den 1930er und 40er Jahren Geborenen, sind sogar in Kriege gezogen. 1870/71 haben sie unter Bismarck für die deutsche Einheit, 1914 unter Wilhelm II für den Ruhm und die Ehre des Reiches, und 1939 sogar für Hitlers Wahnsinn gekämpft und dabei Unsägliches getan und erduldet.

1945 – am Ende dieser leidvollen deutschen Geschichte – standen über 80 Millionen Tote. Mit ihnen 6 Millionen grauenhaft ermordeter Juden und Hunderttausende Sinti und Roma. Diesem teuflischen Wüten setzte erst die Rote Armee ein Ende, als sie am 27. Januar 1945 Auschwitz befreite. Und seitdem?

Folgten Jahre der Scham und Schande? Nicht wirklich. Kaum war die Bundesrepublik entstanden und hatte sich für die Grundrechte – Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit – entschieden, fand sie freundliche Anerkennung. Im Mai 1950, gerade fünf Jahre nach dem grausamen deutschen Verbrechen in Oradour, haben uns zwei französische Politiker die Hand zu einem Friedenswerk gereicht. Jean Monnet und Robert Schuman boten eine deutsch-französische Kooperation in der Montan-Industrie an. Kurz zuvor, im November 1949, war Kanzler Adenauer bereit, die Kohle- und Stahlproduktion alliierter, insbesondere amerikanischer Kontrolle zu unterwerfen. Das hatte er im Bundestag gegen starken Widerstand durchsetzen müssen. Sechs Monate später aber, in der angespannten Lage der gerade beendeten Berlin-Blockade und dem sich abzeichnenden Koreakrieg, bedeutete Frankreichs Angebot den Beginn einer neuen Ära, das Herauslösen aus dem weltweiten Druck.

Schuman schlug vor, Kohle und Stahl, die Grundstoffe der Waffenproduktion, zur Sicherung des Friedens einer gemeinsamen Behörde zu unterstellen. In ihr sollte das besiegte und gedemütigte Deutschland gleichberechtigtes Mitglied werden. Italien und die Beneluxstaaten erhielten dasselbe Angebot. Alle nahmen es an und gründeten 1952 die „Montan-Union“. Und danach ging es rasch voran: 1957, „Römische Verträge“ mit der Europäischen Wirtschafts- und der Atomgemeinschaft, deren Aufgaben ständig zunahmen, die zur „Europäischen Gemeinschaft“ wurde und rasch nacheinander neue Mitglieder aufnahm: Großbritannien besonders beachtet, 1972, und, nach dem Zusammenbruch der UdSSR 1991, die Staaten in Ostmitteleuropa.

Dieses nun zu Ende gehende zweite Dreiviertel-Jahrhundert hat die „Kriegsgeneration“ als ein unvorstellbares Glück empfunden. Sie durfte frei reisen. In Frankreich etwa ins romantische Elsass, das reiche Paris und die strahlende Côte d’Azur. Wer das Glück hatte, Französisch gelernt zu haben, fand neue Freunde, nicht zuletzt in Gemeinden, die schon in den 1950er Jahren erste Städtepartnerschaften gründeten. Zwischen den Nachbarn entstand das Bewusstsein zusammenzugehören. Vor 56 Jahren, am 22. Januar 1963, bestätigten das Konrad Adenauer und Charles de Gaulle mit dem Freundschaftsvertrag. Es entstand das Deutsch-Französische Jugendwerk, das bis heute 9 Millionen Begegnungen gefördert hat, woran jetzt erinnert wurde. Dieser Geist der Einheit droht derzeit verloren zu gehen. Dass sie ein Geschenk der Geschichte war und ist, ahnt möglicherweise noch die Generation der im Krieg Geborenen. Für die nachfolgenden war die EU Realität. Man nahm sie hin, hielt sie aber des Nachdenkens nicht mehr wert. Und gegen ihr Zerbröckeln wehren sich, wie bei der Brexit-Abstimmung in Großbritannien, zu wenige junge Menschen.

Obendrein haben Ruhm und Ehre wieder Konjunktur. Trumps „Make America great again“ oder das drohende „England wird wie ein brüllender Löwe“ des EU-Abgeordneten Farrage sollen Einheits-Befürworter einschüchtern. Das klingt wie bei den deutschen Rechten, die Kandidaten aufstellen, die nach der Wahl die EU lahm legen wollen.

Die „großen Werte“ im weltweiten Zusammenleben aber bleiben Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit. Sie brauchen den Zusammenhalt der Bürger und die Gemeinschaft ihrer Staaten. Wer sie verteidigen will, weiß: die Grundrechte sichern den Frieden!

Wer sich für sie engagiert, hat derzeit „viel zu vertragen“. In Europa scheint der Brexit unabwendbar, in Frankreich könnte ihm der Frexit und bei uns der Dexit folgen. Überall weht eine rechtspopulistische, neo-nationalistische Stimmung. Es bahnt sich die Rückkehr in die Zeit vor 1945 an, in die Isolation der Völker und Staaten. Ihr letztes und schlimmstes Vorzeichen ist der Antisemitismus, der sich auch in Deutschland breit zu machen droht.

Heute, 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz! Alle, die sich für Freundschaft, Offenheit und Grundrechte, für Arme und Flüchtlinge einsetzen, haben es derzeit nicht leicht. Wir wissen aber, dass sie den Frieden stärken. Dafür wollen wir gerne manches „vertragen“.

Helmut Mehrer, Brühl

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