Hockenheim

Stadtgärtnerei Matthias Degen und Tom Steinmann wollen Bepflanzung zukunftssicher gestalten / Klimawandel und Schädlinge als Herausforderungen

Langfristig denken – Grundlagen schaffen

Archivartikel

Das Insektensterben beschäftigt die Fachwelt schon viele Jahre. Weil sie dabei nicht tatenlos zusehen wollen, haben die Mitarbeiter der Stadtgärtnerei beschlossen, aktiv zu werden. Unter der Führung von Stadtgärtnermeister Matthias Degen nahm bereits 2017 das Projekt „Natur nah dran“ seinen Anfang.

Um für mehr Artenreichtum in der Stadt zu sorgen, wurde im Friedrich-Ebert-Park zwischen Karlsruher- und Kaiserstraße eine Wildblumenwiese angelegt. Auch in der Eisenbahnstraße, im Talhaus und auf dem Kreisel an der nördlichen Stadteinfahrt (umgangssprachlich bekannt als „Mercedes-Kreisel“) wurde eine insektenfreundliche Umgebung angelegt. Das Umweltministerium hatte als Teil seiner Nachhaltigkeitsstrategie Fördermittel bereitgestellt. Die Hockenheimer sind am Ball geblieben und verfolgen weiter ein nachhaltiges Gestaltungskonzept für das Stadtgrün. Mittlerweile bekommt Degen Unterstützung von Tom Steinmann, der als Experte für Bäume und Gräbenpflege weitere Impulse in das Konzept der Stadtgärtnerei einbringt.

Selbsterneuernde Beete

Der Hockenheimer Biologe und Umweltschützer Uwe Heidenreich ist von der Arbeit der Stadtgärtner überzeugt – die Biodiversität, vereinfacht „Artenvielfalt“, ist ihm ein wichtiges Anliegen. „Mittlerweile gehen die Pflanzungen ins zweite Vegetationsjahr“, berichtet Matthias Degen. Schon etwas länger experimentiert man bei der Stadtgärtnerei am Südring mit mehrjährigen Pflanzungen. Vor fünf Jahren wurde dort ein Blühstreifen mit der Narzissensorte „Jetfire“ gesetzt. „Früher haben wir in unsere Wechselflorbeete händisch einzelne Tulpen gesetzt, die dann für ein Jahr blühten“, berichtet Stadtgärtnermeister Degen, „mittlerweile gibt es Firmen, die solche Setzungen maschinell erledigen können.“ Die Narzissen an diesem Standort werden nicht jährlich ausgewechselt, sondern erneuern sich quasi selbst. „Dafür müssen wir sie allerdings auch nach der Blüte stehenlassen, bis die Blätter gelb werden. Das sorgt schon manchmal für Irritationen bei der Bevölkerung“, berichtet Degen, „wenn wir den Leuten aber die Hintergründe erklären, sind eigentlich alle einsichtig“.

Auch die Wildblumenwiese im Friedrich-Ebert-Park bietet ein abwechslungsreiches Naturschauspiel. „Ich kann jedem nur empfehlen, mehrmals aufmerksamen Auges vorbeizulaufen und zu beobachten wie sich die Wiese allein im Laufe einer Woche verändert“, sagt Uwe Heidenreich. Nicht nur der Pflanzenreichtum bietet übrigens eine angenehme Umgebung für die brummenden Frühlingsboten, auch die Art und Weise der Pflege solcher Standorte beinhaltet Vorteile, beispielsweise für Wildbienen.

Ein Wechselflorbeet wird nach der Blüte abgeräumt und wieder neu bepflanzt. Die Staudenbeete, die die Stadtgärtnerei mittlerweile anlegt, werden maximal zwei Mal im Jahr gemäht. Dafür wird ein Balkenmäher verwendet, der das Schnittgut nicht auffängt. „Die Kräuter liegen dann noch rund zwei Tage und können aussaaten“, erklärt Matthias Degen den nachhaltigen Gewächskreislauf. „Wildbienen, deren Larven sich im Boden entwickeln, hätten kaum Überlebenschancen, wenn die Beete immer gleich abgeräumt würden“, ergänzt Biologe Heidenreich.

Die nächsten Aktionen der Stadtgärtner umfassen die Ansiedelung von Bodendeckern am neuen Parkplatz in der Schubertstraße und die Anlage einer Grünfläche an der neu angelegten Bushaltestelle in der Ernst-Wilhelm-Sachs-Straße.

Auch im Bereich der Bäume hat sich einiges verändert, wie Tom Steinmann berichtet. „Früher hat man die Bäume einfach eingegraben – fertig“, sagt Steinmann, „heute gibt es die verschiedensten Techniken“. Beispielsweise spezielle Pilze, die mit in den Boden gegeben werden und das Wurzelwerk bei der Nährstoffaufnahme unterstützen, oder Substrate, die genau auf die Bedürfnisse der Bäume abgestimmt sind und den Wasser-Luft-Haushalt regeln.

Standortgerechte Auswahl

Natürlich sei das alles etwas teurer, aber langfristig sei es eben unabdingbar, gute Grundlagen zu schaffen: „Die Erfolge werden wir teilweise erst in fünf oder zehn Jahren sehen“, sagt Steinmann. Bei allen Techniken und Hilfsmitteln ist das Wichtigste aber noch immer, die richtige Baumart auszuwählen. Zum einen muss das Gewächs seinem Standort gerecht werden. Einen Baum mit besonders breiter Krone direkt an eine Straße zu platzieren, bedeutete ein unnötiges Sicherheitsrisiko und viel Pflegearbeit. Ohnehin ist die Stadt ein ziemlich schwieriger Standort für einen Baum. Neben dem stark begrenzten Platz in der Baumscheibe gefährdet Hundeurin das Wurzelwerk der Pflanzen. Im Winter kommt noch das Tausalz hinzu.

Außerdem leiden die einheimischen Baumarten immer mehr am Klimawandel. Wie in der Forstwirtschaft müssen für das Stadtgebiet neue, robuste Arten gefunden und angesiedelt werden. Mit der Baumhasel werden bei solchen Versuchen etwa im Forst erste Erfolge gefeiert, wie Uwe Heidenreich erläutert. „Mit der Baumhasel wird es wegen der Nüsse allerdings an Parkplätzen wieder problematisch“, ergänzt Tom Steinmann schmunzelnd.

Eine weitere Lehre haben die Gartenfachleute beim Buchsbaumzünsler gezogen. Statt neue Buchsbäume anzupflanzen, experimentieren sie mit anderen Arten, wie dem Ilex. „Die noch bestehenden geben wir natürlich nie einfach auf“, verdeutlicht Matthias Degen. Hier wenden die Stadtgärtner biologische Bekämpfungsmittel an, Chemiekeulen gehören auch hier der Vergangenheit an, wie sie versichern.

Die Freude am Experimentieren und an einer zukunftsträchtigen Gestaltung der Stadtbegrünung ist den Männern deutlich anzuhören. Die ersten Früchte ihrer Arbeit sind bereits zu sehen – und werden in den kommenden Wochen immer mehr zum Vorschein kommen.

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