Hockenheim

Evangelischer Frauenkreis Kaffeezeremonie gibt im Lutherhaus Einblick in die Kultur und Seele Eritreas / Ein die Gesellschaft verbindendes Band

Die erste Runde ist die kräftigste und wichtigste

Archivartikel

Mit der Bibelstelle aus Matthäus 11,28 „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“ begrüßte Helga Kurz vom Frauenkreis die Besucherinnen, die in den Genuss einen ganz besonderen Kaffeenachmittags kamen. Denn Gemeindediakonin Margit Rothe hat zwei junge Asylbewerberinnen aus Eritrea mitgebracht, die zu einer „eritreischen Kaffeezeremonie“ einluden: die 28-jährige Mebhrhit und ihre jüngere, 25-jährige Kollegin Mbrak.

Beide kommen aus Eritrea, einem Land im Nordosten von Afrika an der Küste des Roten Meeres, das sich zwar nicht im Krieg befindet, aber wo junge Frauen und Männer immer noch zu Wehr- und Wiederaufbaudienst aufgerufen sind. Das bedeutet, dass sie gegen ein Taschengeld systematisch Zwangsarbeit leisten müssen. Um dem zu entkommen, nehmen viele junge Eritreer eine lebensgefährliche Flucht nach Europa in Kauf.

Sieben Monate auf der Flucht

Mebhrhit und Mbrak, die einer christlichen Kirche angehören, erzählten, dass sie von Eritrea bis nach Deutschland sieben Monate unterwegs waren. Sie sind zu Fuß oder per Anhalter über Äthiopien, Sudan, Libyen geflüchtet, tagelang ohne Wasser und Essen. Mit dem Schiff gelangten sie nach Italien und von dort schließlich nach Deutschland. „Seit zwei Jahren wohnen sie in Hockenheim“, sagte Margit Rothe, „und sie haben einen kleinen Deutschkurs beim Roten Kreuz gemacht, mit Mebhrhit kann man sich schon ziemlich gut verständigen.“

Bohnen frisch geröstet

Während Rothe gemeinsam mit Mebhrhit die Kaffeezeremonie erklärte, sitzt Mbrak auf einem schmalen Höckerchen und röstet über einer Herdplatte die Kaffeebohnen. Bald schon durchzieht ein wunderbarer Duft den Saal im Lutherhaus. Mebhrhit macht mit der Pfanne eine Runde, damit alle vom Frauenkreis den betörenden Duft in sich aufnehmen konnten. „In Eritrea macht man den Kaffee – Bun genannt – frisch. Das ist viel Arbeit und dauert“, erklärte Gemeindediakonin Rothe.

Die anwesenden Frauen erfuhren von ihr, dass die traditionelle Kaffeezubereitung ein wichtiger Bestandteil des sozialen Lebens in Eritrea ist. Es ist die Zeit für Geselligkeit und Gespräche, zugleich ist sie auch einer der wichtigsten Aspekte der eritreischen Kultur. Sie verkörpert Respekt, Stolz und Leidenschaft.

Zum Rösten der rohen, grau-grünen Kaffeesamen wird eine langstielige Pfanne, „Menkeshkesh“, verwendet. Die Bohnen werden über dem Feuer rhythmisch geschüttelt. Das Geräusch, das dabei entsteht, wird „Keshkesh“ genannt. Sobald die Bohnen dunkel genug sind und glänzen, werden sie auf eine Binsenmatte, „Meshrefet“, gestreut. Von dort kommen sie in einen Mörser, „Maukatebune“ oder Mühle, wo sie zerkleinert, beziehungsweise gemahlen werden. Die „Meshrefet“ wird dann wie ein Trichter verwendet, um den Kaffee in den schmalen Hals eines krugartigen Gefäßes, „Jebena“, zu schütten und aufzukochen. Dabei darf er nicht überkochen, das wäre peinlich.

Wenn der Kaffee fertig gekocht ist, stopft die Gastgeberin ein Pferdehaarebüschel in den langen Auslauf des Krugs, um das heiße Getränk zu filtern. Aus einer Höhe von cirka Zentimetern wird er in eine ordentliche Reihe von kleinen Porzellantassen gefüllt. Dazu gibt es gesalzenes Popcorn. Beim Frauenkreis haben Mebhrhit und Mbrak eine Art Fladenbrot mitgebracht, deren Herstellung ebenfalls erklärt wurde.

„Tradition ist es, den Kaffee mehrmals zu loben“, sagte Margit Rothe, „und den Krug mindestens dreimal aufgießen. Die erste Tasse, auch erste Runde genannt, ist die kräftigste und die wichtigste. Sie wird gereicht bei delikaten Gesprächen wie Heiratsantrag oder geschäftlichen Verhandlungen, die zweite Tasse wird als Transformationsprozess des Geistes angesehen, der in der dritten seinen Höhepunkt findet.

Die vierte Tasse bedeutet, Zeit zu gehen, und ist dem Hausherren vorbehalten. Wer die Zeremonie früher verlässt, gilt als unhöflich.“

Das Ergebnis rechtfertigte den Aufwand. So aufbereitet schmeckte der Kaffee allen ausgezeichnet. Die Frauen genossen ihn und merkten: Bei einer Kaffeezeremonie geht es zwar um den Kaffee, aber immer auch um die Gemeinschaft.

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