Altlußheim

Rosa Grünstein wird 70 Seit zwei Jahren gehört sie dem Landtag nicht mehr an / 16 Jahre vertrat die Sozialdemokratin die Kurpfalz im Parlament in Stuttgart

Sie ist das „Rote Herz der Kurpfalz“

Archivartikel

Altlußheim.Ganz entspannt sitzt Rosa Grünstein in ihrem Stuhl, ein Tasse Kaffee in der Hand, Bücher zur Linken und den Blick auf den imposanten Mirabellenbaum in ihrem Garten gerichtet – man merkt, hier ist ein Mensch angekommen. Nun ist sie 70 Jahre alt und schaut immer noch mit diesem jeden Tag neuen, neugierigen Blick aufs Leben.

Angekommen ist Grünstein nur in räumlicher Hinsicht. Ihr neues Zuhause in der Beethovenstraße ist ein Idyll, naturnah, lichtdurchflutet, ein Eldorado für Kunstliebhaber und Bücherfreunde, ist Rückzugsort und Bühne für Geselligkeit gleichermaßen, ein Platz zum Leben. Doch angekommen im landläufigen Sinne ist sie schon vor Jahren, sie ist fest verwurzelt in der Kurpfalz, die ihr Heimat geworden ist. Wobei der Begriff Heimat sowohl die landschaftlichen Reize der Kurpfalz, ihres direkten, gradlinigen Menschenschlags, einschließt, wie er auch als soziales Gefüge verstanden werden will – Freundschaften sind ihr sehr wichtig.

Aktiv auch ohne Mandat

Seit zwei Jahren gehört Rosa Grünstein dem Landtag von Baden-Württemberg nicht mehr an – 16 Jahre hat sie den Wahlkreis Schwetzingen in Stuttgart vertreten, doch gram ist ihr deswegen nicht. Überzeugt, dann gehen zu sollen, wenn einem die Menschen noch eine Träne nachweinen, bezeichnet sie im Nachhinein ihren Entschluss von vor zwei Jahren, nicht mehr zu kandidieren, als richtig. Und obendrein hat sie sich nie über die Politik allein definiert. Auch wenn sich Grünstein über den Beinamen „Rotes Herz der Kurpfalz“ sichtlich freute, sie ist Sozialdemokratin durch und durch, so steht bei ihr immer der Mensch im Mittelpunkt. Und um für die Menschen da sein, dafür braucht sie kein Mandat.

Weshalb sie auf die Frage, was sie denn nun als „Ruheständlerin“ unternehme, keine Sekunde zögern muss – „das, was ich schon immer gewollt habe, nur intensiver“. Sich der Kunst und Kultur widmen und vor allem sich um ihre Freunde kümmern, die sie in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten doch sehr vernachlässigte – „das Privatleben leidet, da braucht man ein geduldiges Umfeld“, stellt sie fest. Allerdings, relativiert sie sogleich, wer auf Montage geht, dem geht es genauso. Sich selbst, seine Arbeit, im sozialen Gefüge einzuordnen, das erdet.

Wobei es schon ein enormes Pensum war, das Grünstein zu leisten hatte. Montags bis donnerstags in Stuttgart, am Wochenende im Wahlkreis unterwegs, da muss man schon zu 100 Prozent hinter seinem Beruf stehen, sonst klappt das nicht. Und Grünstein war Abgeordnete mit Leib und Seele, eine zum Anfassen, immer für die Menschen da. Immer präsent, besonders gerne dort, wo andere nicht hingehen, wo man nicht im Scheinwerferlicht baden kann, sondern mit Menschen und ihren Problemen konfrontiert wird. „Wir Sozialdemokraten gehören dorthin, wo die Menschen sind“, ist ihre Überzeugung.

Mit eine Triebfeder war ihr ihre „wilde Biografie“, wie Grünstein mit einem Augenzwinkern betont. In Berlin geboren, die Mutter aus Schlesien, der Vater ein Jude aus Warschau, aufgewachsen mit Literatur und Oper, sie mit 16 Jahren alleinerziehende Mutter und sich fortan durchs Leben schlagend, das schafft Verständnis, hilft, Notlagen nachvollziehen zu können, zu wissen, wie wichtig es ist, Menschen zu helfen.

Und die hat sie geleistet, wann immer möglich. Ganz klar, in vielen Fragen war sie kein Spezialist, aber der Türöffner. „Ich habe immer ganz oben an der Spitze angerufen und Probleme im Gespräch gelöst“, schildert sie ihren Umgang mit Behörden und Institutionen und ärgert sich noch heute, dass der Glanz des Mandats ihr Türen öffnete, die eigentlich für den „normalen“ Menschen stets offen stehen müssten.

Ihr Haus, das Wahlbüro in Altlußheim, stand den Menschen immer offen – „es ist die Aufgabe von Abgeordneten, für die Menschen da zu sein“, ist sie überzeugt und will von kleinen Problemen nichts wissen, für jeden Menschen ist ein solches ein großes und will gelöst sein.

Veranstaltungen, bei denen sich die Redner selbst feiern und auf die Schultern klopfen, waren nie ihr Ding, sie wollte Resultate erzielen. Oftmals waren es die kleinen Hilfen, über die wenig geredet wird, die dennoch bei den Betroffenen große Wirkung haben. Aber Grünstein ist auch zu Recht auf jene Erfolge stolz, die im kollektiven Gedächtnis haften bleiben. Sie, die den Spitznamen „Fracking Queen“ trägt, ist stolz darauf, dieses Verfahren im Land zu Grabe getragen zu haben, bevor es Fuß fasste. Auch das Nachtflugverbot in Friedrichshafen am Bodensee trägt ihren Namen. Oder, hat sie die Katastrophe des Brückeneinsturzes von Genua im Sinn, schon vor Jahren habe sie im Landtag eine Anfrage gestellt, wie es um die Sicherheit der Brücken stehe, woraufhin einige Bauwerke saniert wurden – „eine Abgeordnete muss sich für alles interessieren, darf sich für nichts zu schade sein“, lautet ihr Credo.

Auch wenn das Politikerleben nun hinter ihr liegt, Langeweile bleibt für sie ein Fremdwort. Wenn sie sich beispielsweise auf eine neue Reihe ihres „Bucht(r)ipps“ vorbereitet und mal zwei Stunden am Stück lesend auf der Terrasse verbringen kann, dann ist das schon Luxus. Daneben konzentriert sie sich auf die Aufgaben, die ihr wichtig sind, auf ihre Lesungen bei der VHS, sie ist in der Musikschule Hockenheim und der Mozartgesellschaft oder bei der Gedenkstätte Neustadt aktiv. Sachen, „die ich schon vorher machte, für die ich nun richtig Zeit habe.“

„Besser geht es nicht“

Und Zeit hat sie auch für ihre Freunde und ihre Familie. Gerade die sozialen Kontakte, die sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten in der Kurpfalz knüpfte, will sie nicht mehr missen, weshalb die Kurpfalz längst ihre Heimat ist. Ihren Ehrentag verbringt sie in Berlin bei ihrer Tochter und den Enkeln und feiert mit der Familie und Freunden, „eine kleine, feine Feier“.

Und wenn sie wieder im Land ist, dann öffnet sie die Türen zu ihrem Heim und feiert mit allen Freunden, mit den Menschen hier, die ihr an Herz gewachsen sind. „Besser geht es nicht“, lautet ihr Fazit.

Das Wichtigste von heute
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional