Museum am Dom - Würzburger Studierende setzen Ideen von Menschen mit Behinderung für Museum um Wo Kunst auf Rammstein trifft

Von 
Pat Christ
Lesedauer: 
Anne Bahr von den Mainfränkischen Werkstätten stellt ab 30. Januar im Würzburger Museum am Dom ein zweiteiliges Gemälde aus, das sich mit der Wiederkunft Jesu beschäftigt. © Pat Christ

Würzburg. Kaum sah Andreas Schütz die Skulptur, entwickelte er auch schon eine erste Idee, was er, von dem Kunstwerk angeregt, selbst künstlerisch gestalten könnte. „Ohnmacht“ nennt sich das von Andreas Kuhnlein geschaffene Werk, das Schütz im Museum am Dom entdeckte. Beim Betrachten dachte er sofort an die Natur, die sich gerade „ohnmächtig“ zerstören lassen muss. Das erste Bild, das er daraufhin schuf, zeigt einen Waldgeist, der mahnend die rechte Hand hebt: „Menschen, haltet ein!“

AdUnit urban-intext1

Dass Künstler mit geistigem Handicap in einem Museum ausstellen, ist hierzulande noch nicht üblich. Selbst als Besucher sind Menschen mit Behinderung deutlich unterrepräsentiert. Das soll in Zukunft anders werden, sagt Simone Doll-Gerstendörfer, Lehrbeauftragte an der Uni Würzburg. Menschen wie Andreas Schütz sollen Spaß daran haben, ein Museum zu besuchen. Und sie sollen die Chance erhalten, sich künstlerisch mit dem, was sie im Museum erleben, auseinanderzusetzen.

An der Frage, wie das gehen könnte, wird seit Oktober im Museum am Dom gearbeitet. Neben dem St.-Josefs-Stift sind die Mainfränkischen Werkstätten als Projektpartner beteiligt.

Thema „Ohnmacht“

Andreas Schütz, 36 Jahre alt, hat schon in seiner Jugend gern gemalt. Etwa seit 2000 kreiert er in der „Alten Waschküch“, der Kunstwerkstatt des Eisinger St. Josefs-Stift, Bilder. Sieben Werke werden ab 30. Januar im Museum am Dom gezeigt. Diese sieben Bilder variieren das Thema „Ohnmacht“. Eines zeigt einen Wolf. Viele Leute, weiß Schütz, haben Angst vor Wölfen. Sie fühlen sich ohnmächtig diesem wilden Tier gegenüber. „Es heißt, der Wolf kommt immer näher an die Ortschaften heran, doch das stimmt nicht“, sagt der Künstler: „Richtig ist doch, dass der Menschen immer näher an den Wolf rückt.“

AdUnit urban-intext2

Für Andreas Schütz ist es glatter Wahnsinn, wie räuberisch der Mensch mit der Natur umgeht. Thomas Pupkulies, der sich ebenfalls in der „Alten Waschküch“ engagiert, regt hingegen die Doppelmoral der Institution Kirche auf – was er in einem seiner Bilder zum Ausdruck bringt. Pupkulies, 41 Jahre alt, setzte sich mit dem 2009 entstandenen Gemälde „Nacht“ von Tanja Selzer auseinander. Dabei kam er auch auf die „Nachtseite“ der katholischen Kirche. Sein Bild, das unter Assistenz von Dieter Roth, Gründer der „Alten Waschküch“, entstand, ist mit einer Mullbinde umwickelt. Die zeigt rote Blutspuren auf. Die erinnern an die früheren und die heutigen Opfer einer fragwürdigen Kirchenpolitik.

Bei dem Projekt von Simone Doll-Gerstendörfer geht es konkret darum, Menschen mit Handicap anzuregen, einmal ins Kunstmuseum zu gehen, und in Erfahrung zu bringen, was sich diese Zielgruppe von einem solchen Museum wünscht. Außerdem soll gezeigt werden, wie inspirierend Kunst gerade auch für diese Menschen ist.

AdUnit urban-intext3

Nun könnten Skeptiker denken, dass die Werke, die seit Oktober entstanden, sicher nicht ganz allein von den Künstlern mit Behinderung geschaffen wurden. Doch Schummeln ist nicht möglich, da alle Gemälde in der Öffentlichkeit entstanden. Passanten waren aufgefordert, die Künstler im Museum zu besuchen und der Entstehung ihrer Werke beizuwohnen.

AdUnit urban-intext4

Auch Anne Bahr meldete sich freiwillig für das Projekt. Die Kitzingerin ist 30 Jahre alt, hat nach eigener Aussage eine leichte geistige Behinderung und arbeitet in den Mainfränkischen Werkstätten. Ihr Vater ist Prediger, und sie selbst tiefgläubig. Dies kommt in dem zweiteiligen Werk zum Ausdruck, an dem sie, assistiert von dem Veitshöchheimer Künstler José Sanchez, gerade malt. „Es zeigt die Wiederkunft Jesu“, erklärt Bahr. Anders als Thomas Pupkulies und Andreas Schütz wählte Bahr nicht nur ein Gemälde im Museum am Dom aus: „Ich betrachtete vier verschiedene Kunstwerke, die im Museum hängen, davon ließ ich mich zu meinem Bild anregen.“

Fantasie freien Lauf lassen

Den vier Künstlern machte es sichtlich Spaß, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Sie freuen sich darauf, ihre Werke am 30. Januar zu zeigen. Und sie sind gespannt, wie ihre Präsentationsideen für das Museum von den Studierenden umgesetzt werden.

Anne Bahr zum Beispiel möchte, dass die Besucher audiovisuell Frage über Jesus gestellt bekommen. Das versuchen Studenten vom Studiengang Mensch-Computer-Systeme umzusetzen. Auch Studierende der Museologie sowie Lehramtsstudenten sind am Projekt beteiligt. Lehramtsstudentin Katja Lewitz zum Beispiel wird mit Kommilitonen einige Werke des Museums nach den Ideen von Thomas Pupkulies präsentieren.

Das Werk „Nacht“ erschließt sich leichter, wenn man zu ihm eine bestimmte Musik hört, meint Pupkulies. Passend zum Thema regte er an, dass die Betrachter, in einem drehbaren Sessel sitzend, dieses sowie drei andere Werke im Museum mit düsterer Musik von Rammstein betrachten.

Grundsätzlich, sagen die Künstler, sollte ein Kunstmuseum lebendiger und, so Anne Bahr, „fröhlicher“ werden. „Alles wirkt hier so kühl, die Wände sind so hoch, man fühlt sich selbst ganz klein“, konstatiert Andreas Schütz. Genau solche Aussagen sind für die am Projekt beteiligten Studierenden Gold wert. Wollen sie doch künftig Museen gestalten, die alle Menschen gern besuchen.