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Subjektive Informationsverarbeitung - Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass Menschen Informationen nicht immer objektiv verarbeiten

Studie an der Uni Würzburg belegt: wir glauben, was wir wollen

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pm
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In Italien wurde die Maskenpflicht im Freien Ende Juni aufgehoben. Das Thema Maskenpflicht polarisiert nach wie vor in der öffentlichen Debatte. Eine Studie hat jetzt herausgefunden, dass Menschen in ihrer Informationsverarbeitung von ihren Einstellung beeinflusst werden. © dpa

Würzburg. Warum wir glauben, was wir glauben wollen – und was sich dagegen tun lässt, hat jetzt eine Studie der Universitäten Würzburg und Regensburg herausgefunden.

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Menschen verarbeiten Informationen nicht immer objektiv, sondern abhängig von ihren Einstellungen und Zielen. Das gilt auch in der Corona-Pandemie, wie ein Forschungsteam der Universitäten Würzburg und Regensburg gezeigt hat. Wie aber lässt sich vernünftiges Nachdenken über Regeln und Maßnahmen fördern? Die Antwort: Wissen über Statistik hilft.

Mit der Bahn dürfen auch Ungeimpfte fahren, Mindestabstände müssen dabei nicht eingehalten werden, dafür gibt es eine Maskenpflicht. In Clubs gilt seit Kurzem die 3G-plus-Regel – zumindest in Bayern. In Schulen wiederum wird regelmäßig getestet und mal mit und mal ohne Masken unterrichtet. Ganz schön schwer, da noch den Überblick zu behalten. Und noch schwerer, zu entscheiden, wie sinnvoll die jeweiligen Regelungen sind. Da wäre es nicht schlecht, wenn jede und jeder einzelne den aktuellen Stand der Forschung kennen und verstehen und sein Verhalten danach ausrichten würde.

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Eine aktuelle Studie zeigt allerdings, dass Menschen Informationen im Zusammenhang mit der Coronapandemie allzu oft nicht objektiv verarbeiten. Vielmehr beeinflussen ihre Einstellungen ihr Denken: Manchmal glauben Menschen, was sie glauben wollen. Rationales Denken scheint nicht einfach zu sein. Glücklicherweise hält die Studie auch eine gute Nachricht bereit: Je besser die Teilnehmenden mit Zahlen und Statistiken umgehen konnten, umso genauer und zutreffender war ihr Urteil.

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Verantwortlich für die Studie sind Dr. Fabian Hutmacher und Prof. Markus Appel von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg sowie Dr. Regina Reichardt von der Universität Regensburg. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung sind soeben in der Fachzeitschrift „Public Understanding of Science“ erschienen.

„Um zu untersuchen, wie Menschen pandemiebezogene Informationen verarbeiten, haben wir ein Thema gewählt, das in der öffentlichen Debatte polarisiert: die Maskenpflicht“, erklärt Fabian Hutmacher die Vorgehensweise des Teams. 417 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den USA haben an der Studie teilgenommen. Sie deckten das gesamte Einstellungsspektrum ab: von radikalen Maskengegnern bis hin zu eindeutigen Befürwortern einer Maskenpflicht. Ihre Aufgabe war es, die Ergebnisse von zwei Studien über die Wirksamkeit des Maskentragens in Schulen zu bewerten. Dabei wurde ihnen zwar gesagt, dass es sich um echte Studien handele; in Wirklichkeit waren diese jedoch fiktiv. Eine der Studien zeigte, dass Maskentragen in Schulen zur Eindämmung von Infektionen beitragen kann, während die andere genau das Gegenteil belegte.

Konkret sah der Ablauf der Untersuchung so aus: Die Ergebnisse der beiden fiktiven Studien wurden in Form einer Tabelle dargestellt, die zwischen der Anzahl der Schulen mit und ohne Maskenpflicht sowie zwischen der Anzahl der Schulen, in denen die Zahl der Infektionen gestiegen und in denen sie gesunken ist. Die Teilnehmer mussten nun angeben, ob diese Zahlen die Schlussfolgerung stützen, dass eine Maskenpflicht an Schulen zu einem Anstieg oder einem Rückgang der Infektionszahlen führt. Tatsächlich könnte man nach einem kurzen ersten Blick auf die Tabelle zu dem Schluss kommen, dass die Maskenpflicht in Schulen kontraproduktiv ist. Schließlich gibt es deutlich mehr Schulen mit einer Maskenpflicht und steigenden Infektionszahlen (223) als Schulen mit Maskenpflicht und einem Rückgang der Infektionen (75). Mehr noch: Die Zahl der Schulen mit Maskenpflicht und steigenden Infektionszahlen ist größer als die Zahl der Schulen ohne Maskenpflicht und ebenfalls steigenden Infektionswerten (107).

Irreführender erster Eindruck

Dieser erste Eindruck ist jedoch irreführend. „Um zu einer korrekten Schlussfolgerung zu gelangen, muss man Verhältnisse vergleichen“, erklärt Fabian Hutmacher. Dann nämlich sieht das Ergebnis so aus: In 25,2 Prozent der Schulen mit Maskenpflicht (75 von 298 Schulen) nahmen die Infektionen ab, während nur in 16,4 Prozent der Schulen ohne Maskenpflicht (21 von 128 Schulen) die Infektionen abnahmen. Die Ergebnisse dieser fiktiven Studie deuten also tatsächlich darauf hin, dass eine Maskenpflicht eine wirksame Gegenmaßnahme ist. Zusätzlich zu dieser Pro-Masken-Studie bewerteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch eine Anti-Masken-Studie mit umgekehrten und leicht veränderten Zahlen.

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Anhand der Bewertung der beiden fiktiven Studien konnte das Forschungsteam berechnen, wie voreingenommen die Studienteilnehmer waren und wie ihre Voreingenommenheit mit ihrer allgemeinen Einstellung zu einer Maskenpflicht zusammenhing. Das Ergebnis: Die jeweilige Einstellung beeinflusst die Bewertung maßgeblich. Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einer Pro-Masken-Einstellung überschätzten die in den beiden fiktiven Studien dargestellten Belege für die Wirksamkeit einer Maskenpflicht, während die Angehörigen der Anti-Masken-Fraktion die Belege für die Wirksamkeit einer Maskenpflicht unterschätzten.

„In der Literatur wird ein solches Muster üblicherweise als Ergebnis motivierten Denkens interpretiert“, sagt Hutmacher. Motiviertes Denken bezeichnet die Beobachtung, dass menschliche Informationsverarbeitung nicht immer rational und objektiv ist, sondern von den Motiven, Zielen und Einstellungen des Einzelnen beeinflusst wird. Einfach ausgedrückt: Wir neigen dazu, zu den Schlussfolgerungen zu gelangen, zu denen wir gelangen wollen. Da die erfolgreiche Eindämmung der Pandemie jedoch rationale Entscheidungen und Verhaltensweisen erfordert, könnte dies besorgniserregend sein – so Fabian Hutmacher.

Dennoch bietet die Studie auch einen Grund, optimistisch zu bleiben: Teilnehmer mit besseren Fähigkeiten im Umgang mit Zahlen und Statistiken bewerteten die beiden fiktiven Studien mit größerer Wahrscheinlichkeit richtig. Statistikkenntnisse helfen also. Dies habe wichtige praktische Auswirkungen: „Kurzfristig scheint es wichtig zu sein, wissenschaftliche Ergebnisse im Rahmen von Covid-19 so zu kommunizieren, dass sie auch für diejenigen leicht verständlich sind, die Schwierigkeiten im Umgang mit Zahlen haben“, lautet das Fazit des Forschungsteams. Und langfristig könne es entscheidend sein, die Ausbildung in Statistik zu verbessern, um so Verzerrungen in der Informationsverarbeitung etwas entgegenzusetzen. pm

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