Amtsgericht Würzburg - Freiheitsstrafe für 72-Jährige und für ihren Neffen Senioren besucht, „belabert“ und bestohlen

Von 
Franz Barthel
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Würzburg/Bad Kissingen. Eine 72-jährige Rentnerin (mit 23 Vorstrafen) aus Gelsenkirchen hat mit ihrem Neffen in Würzburg und Bad Kissingen „wildfremde“ alte Menschen in Senioren-Wohnheimen „besucht“und bestohlen. Deswegen sind beide vom Amtsgericht Würzburg zu Freiheitsstrafen von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt worden, weil es besonders schäbig sei, so Richter Thomas Behl, „alte Leute erst zu belabern und dann zu beklauen“.

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Der Neffe (58 Jahre) kam aus Augsburg und hat nur halb so viele Vorstrafen wie die Tante. Wo sie sich getroffen hatten zu vorweihnachtlichen „Besuchen“ in Altenheimen, war nicht zu ermitteln, da beide vor Gericht keine Angaben machten.

Die Angeklagten hatten scheinbar „gute Karten“: Das Opfer aus einem Würzburger Altenwohnheim, eine zur Tatzeit 74 Jahre alte Frau, ist inzwischen gestorben. Ein Mann aus einem Seniorenwohnheim in Bad Kissingen verfügt nur noch über fünf Prozent seiner Sehkraft. Um sagen zu können, ob die beiden bei ihm in der Wohnung waren, müsste man für ihn, so der Zeuge, einen Scheinwerfer auf ihr Gesicht richten. Das haben die jedoch abgelehnt. Dennoch hatte das Gericht nicht den geringsten Zweifel, die Richtigen vor sich zu haben: Überwachungskameras aus beiden Altenwohnheimen haben zur Tatzeit Tante und Neffe „festgehalten“, und dann gab es noch Aufnahmen aus einer Tankstelle in Würzburg. Dort waren die Angeklagten mit ihrem späteren Opfer ins Gespräch gekommen, zwei Tage später standen sie vor der Tür, mit Blumen zur Begrüßung.

Überwachungskameras

Der 80-Jährige aus Bad Kissingen konnte sich, obwohl das unerfreuliche Erlebnis bereits über zwei Jahre zurückliegt, gut erinnern: Er habe um die Mittagszeit das Haus kurz verlassen, da sei eine ihm unbekannte Frau gezielt auf ihn zugegangen und habe gesagt, dass sie ihn besuchen wollte.

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Auf seine Frage, ob sie von der Caritas sei, sagte sie ja, sie habe ein Geschenk für ihn. Da sei er mit ihr ins Haus gegangen, wollte der Besucherin einen Kaffee anbieten und habe plötzlich festgestellt, dass ihnen ein Mann folgte. Ein neuer Pfleger, soll die Frau gesagt haben, und er heiße Dieter. Während er dem wunschgemäß sein Schlafzimmer zeigte, sei die Frau höchstens zwei Minuten allein im Wohnzimmer gewesen, und in der Zeit müsse sie an seinem Geldbeutel gewesen sein, der in einer Jacke steckte. Der Schal, den die tatverdächtige Frau auf den Aufnahmen um den Hals trug, ist später bei der Durchsuchung ihrer Wohnung in Gelsenkirchen sichergestellt worden. 50 Euro sind dem Mann in Bad Kissingen gestohlen worden , um die 150 Euro und Schmuck im Wert von etwa 500 Euro der Frau in Würzburg. Beim bayernweiten Austausch vergleichbarer Straftaten hatte ein Kripo-Beamter in Augsburg auf dem Bildmaterial den Neffen erkannt, und von dem führte über gemeinsame Vorstrafen die Spur zur Tante in Gelsenkirchen. Dass beide Angeklagte keine Bewährung erhielten, hat das Gericht begründet: Die Chance erhalte nur, wer ein Geständnis ablegt und Reue zeigt. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.