Kleinbär besiegelt von Norden den Freistaat Bayer - Bis vor wenigen Jahren war der Waschbär in Mainfranken kein großes Thema / Hochburg ist der Raum Aschaffenburg Schwarz-weißes Phantom auf Vormarsch

Von 
Michaela Schneider
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Meistens sieht man sie nicht: Waschbären werden allerdings in der freien Natur immer mehr zu Problembären.

© Patrick Pleul/dpa

Aschaffenburg. Keine Frage, putzig sehen Waschbären aus. Doch die possierlichen Tierchen mit der markanten Gesichtszeichnung entwickeln sich in Teilen Mainfrankens zunehmend zur Plage. Zum einen sind sie sehr anpassungsfähig und siedeln sich auch in Wohngebieten an. Hier entpuppen sie sich schnell als Störenfried, denn weder Essensabfälle noch Dachböden sind vor ihnen sicher. Zum anderen blickt mancher Jäger mit Sorge auf den Populationsanstieg in der Region, denn: Die kleinen Räuber fressen fast alles, vor allem plündern sie Vogelnester.

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Bis vor wenigen Jahren war der Waschbär in Mainfranken kein großes Thema. Doch erobert der Kleinbär nun von Norden her den Freistaat Bayern. Waschbären-Hochburg ist dabei der Landkreis Aschaffenburg, dicht gefolgt von Bad Kissingen, Main-Spessart und Rhön-Grabfeld. Als Grundlage für die statistische Erhebung dienen die Streckenzahlen des Bayerischen Jagdverbandes. Demnach wurden allein im Landkreis Aschaffenburg im Jagdjahr 2012/2013 347 Tiere erlegt.

Wie aber gelangte der Kleinbär ins Frankenland? Der Geo-Ökologe Kai Frobel, Artenschutzreferent beim Bund Naturschutz in Nürnberg, blickt dafür Jahrzehnte zurück. Tatsächlich stammt der Allesfresser eigentlich aus Nordamerika, dort ist er von Kanada bis Panama auf dem gesamten Kontinent anzutreffen. Möglicherweise wurden erste Paare bereits 1927 ausgebürgert, mit Sicherheit geschah dies aber im Jahr 1934 am Edersee in Hessen.

Und noch ein zweites Ereignis sollte den Vormarsch der Waschbären hierzulande fördern: In den Kriegswirren im Jahr 1945 büxten bei Strausberg in Brandenburg etwa zwei Dutzend Tiere nach einem Bombentreffer aus einer Pelztierfarm aus. Von dort, aber eben auch von Hessen aus, begannen sich die Tiere in Deutschland auszubreiten.

Ausbreitung nach Süden

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Im Fränkischen sind Waschbären letztendlich nicht neu. Bereits 1977 wurden laut Frobel erste Tiere in Lohr am Main erlegt - jetzt allerdings beobachten Experten eine offenkundige Ausbreitung von Hessen aus in Richtung Süden.

Dass ihnen dies so gut gelingt, liegt laut Frobel vor allem an zwei Punkten: Erstens sind die Kleinbären extrem anpassungsfähig und fühlen sich in Wald, Feld und Flur wohl. Selbst urbane Gebiete taugen als Lebensraum - im hessischen Kassel leben Schätzungen zufolge 50 bis 150 Tiere pro Quadratkilometer. Zweitens bewegen sich Waschbären am Boden sehr sicher, sind aber zugleich begabte Kletterer. "Dadurch konnten sie eine eigene ökologische Nische erobern, die in der Form weder der Fuchs noch der Marder benötigt", sagt Frobel. Hinzu kommt: Ohne Bären und Wölfe hat der Waschbär hierzulande kaum natürliche Feinde.

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Die Konsequenz: "Um andere Tierarten zu schützen, müssen wir ihn bejagen", sagt Christian Lintow, Berufsjäger im Naturschutzgebiet Lange Rhön. Er weiß, wovon er spricht, denn die Wildland Stiftung Bayern des Bayerischen Jagdverbandes versucht dort, mittels Lebendfallen die letzte außeralpine Birkwildpopulation in Süddeutschland zu erhalten. Als der 29-Jährige seine Arbeit bei der Wildland Stiftung im Jahr 2011 antrat, tappten pro Jahr zwei oder drei Waschbären in die Fallen. Im aktuellen Jagdjahr sind es seit 1. April 2014 bereits 33. Damit nimmt der Waschbär nach dem Fuchs Platz zwei unter den Lange-Rhön-Räubern ein.

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Ein Blick auf das Fressverhalten des Kleinbären: Kai Frobel beschreibt ihn als einen relativ harmlosen Allesfresser, der nicht aktiv jagt, sondern frisst, was ihm vor die Schnauze kommt: Vegetarisches wie Getreide, Gemüse und Obst; Würmer, Käfer und andere Insekten; Wirbeltiere wie Frösche, Mäuse, Ratten oder auch einmal Küken.

"Dem Waschbär wird gelegentlich angedichtet, er jage Niederwild wie Fasanen oder Rebhühner. Das ist so nicht belegt", sagt Frobel. Die Rückgänge der Rebhühner seien menschengemacht, lägen an der intensiven Landschaftsnutzung.

Aus Sicht des Tierschutzes für sehr fraglich hält der Ökologe, dass Waschbären theoretisch ganzjährig bejagt werden dürfen. Der Grund: Es handelt sich um keine heimische Tierart.

Das heißt unterm Strich: Selbst, wenn Waschbären den eigenen Nachwuchs aufziehen, herrscht keine Schonzeit.

Dabei ist sogar fraglich, ob Abschüsse die Tierbestände wirklich minimieren. In der deutschen Waschbären-Hochburg Kassel hatte man die Kleinbären drastisch bejagt, in der Nachbarstadt Bad Karlshafen mit ähnlichen Beständen indes nicht. Das Erstaunliche: Die Dichte an Tieren blieb in den beiden Kommunen nahezu identisch. Experten gehen inzwischen davon aus, dass die Weibchen - abhängig von den Populationsbeständen - häufiger, bzw. seltener trächtig werden.

Das Erstaunliche ist: Obwohl die Population wächst, sind auch im Raum Aschaffenburg die wenigsten Einwohner bis dato tatsächlich einem Waschbären begegnet -schlichtweg, weil der Allesfresser zum einen nachtaktiv ist, und sich zum anderen extrem unauffällig verhält. Kai Frobel spricht von "einem kleinen, schwarz-weißen Phantom in unseren Wäldern".