Uniklinikum Würzburg - Mittelohrimplantat wird unter der Haut getragen / Keine äußerlich sichtbaren Komponenten Neues voll implantierbares Hörgerät

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Ein von außen unsichtbares Hörsystem: Professor Dr. Rudolf Hagen, Uniklinikum Würzburg, präsentiert das neue Mittelohrimplantat, dessen Komponenten vollständig unter der Haut getragen werden.

© Helmut Korder/Uniklinikum Würzburg

Würzburg. Nach der Pilot-Operation im Juli dieses Jahres hat jetzt die Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten, plastische und ästhetische Operationen des Uniklinikums Würzburg ein vollimplantierbares Hörgerät neu im Therapieangebot. Dessen Besonderheit: Im Unterschied zu anderen Hörimplantat-Systemen und Hörgeräten ist es vollständig unter der Haut des Trägers verborgen, es gibt keine äußerlich sichtbaren Komponenten.

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Für die meisten Menschen mit Hörverlust sind Hörgeräte sehr hilfreich und millionenfach erprobter Standard.

"Es gibt jedoch auch Fälle, in denen Patienten mit Hörgeräten einfach nicht zurecht kommen", erläutert Professor. Dr. Rudolf Hagen. Dazu zählen laut dem Direktor der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten, plastische und ästhetische Operationen des Uniklinikums Würzburg (UKW) solche Mittelohrdefekte, die mit einem Hörgerät grundsätzlich technisch nicht zu beheben seien.

Bei anderen ist nach seinen Beobachtungen der Gehörgang so empfindlich, dass er sich durch das Tragen des Schallschlauchs und des Lautsprechers des Hörgeräts ständig entzündet. "Last but not least scheuen manche Patientinnen und Patienten davor zurück, durch die externen Elemente von Hörgeräten oder teilimplantierten Hör-Systemen ihr körperliches Defizit nach außen sichtbar zu machen", weiß Prof. Hagen.

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Als Alternative entwickelte das international tätige Medizintechnik-Unternehmen Cochlear das Mittelohrimplantat "Carina", das vollständig unter der Haut des Trägers verborgen wird. Das System ist seit diesem Jahr auf dem Markt und wird seither von ausgewählten HNO-Kliniken bei den ersten Patienten eingesetzt. Am UKW hatte "Carina" Anfang Juli 2017 Premiere: Professor Hagen implantierte das System erfolgreich bei einer 34-jährigen Patientin.

So funktioniert "Carina"

Hörgeräte verstärken die Töne und leiten sie durch den Gehörgang zum Trommelfell. Im Gegensatz dazu koppeln Mittelohrimplantate direkt an die Mittelohrstrukturen an, was einen sehr natürlichen Höreindruck ermöglicht. Auch "Carina" arbeitet nach diesem Prinzip.

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Die Signalverarbeitung erfolgt bei dem Gerät vollständig subkutan, also unter der Haut. Ein hinter dem Ohr implantiertes Mikrofon erfasst den Ton durch die Haut und sendet ihn an den internen Prozessor. Dieser verarbeitet das Signal und überträgt es an das Mikroantriebssystem des Implantats, das fest im Schädelknochen verankert ist. Ein Wandler übersetzt die elektrischen Signale in mechanische Vibrationen und stimuliert die Gehörknöchelchen. "Wie man sich leicht vorstellen kann, ist speziell die Ankopplung an die Gehörknöchelchen Mikrometerarbeit, welche die Operation vergleichsweise kompliziert gestaltet", berichtet Professor Hagen. Knapp drei Stunden dauerte sein Piloteingriff im Juli. Der Klinikdirektor und seine Techniker konnten die Leistung des Geräts noch im OP-Saal testen. "Was auch sehr wichtig ist, denn spätere Korrekturen wären bei einem Vollimplantat natürlich extrem aufwändig", so Hagen.

Aufladen per Induktion

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Ein Akku versorgt das System mit Energie. Aufgeladen wird er per Induktion. Dazu legt der Träger einfach die Spule eines Ladegeräts am Kopf über dem Akku auf. Das Laden dauert etwa 40 Minuten und sichert nach Herstellerangaben eine Hörleistung von bis zu 32 Stunden. Dem Akku wird eine Betriebsdauer von 4000 Ladezyklen bescheinigt, was einer Einsatzzeit von mehr als zehn Jahren entspricht. Über eine Fernbedienung haben die Patientin oder der Patient die Möglichkeit, das System ein- und auszuschalten, Programme zu wechseln oder die Lautstärke zu regulieren.

"Carina" ist bislang das einzige Mittelohrimplantat-System, das vollständig unter der Haut getragen wird und dort dauerhaft verbleibt. Dadurch hat es eine ganze Reihe von Vorteilen: Es arbeitet auf Wunsch rund um die Uhr, kann nicht herunterfallen und auch nicht verloren gehen. Im Gegensatz zu Hörgeräten ist Nässe kein Problem: Ob im Regen, im Schwimmbad oder beim Duschen - Wasser kann "Carina" nichts anhaben. Und von außen sieht einem niemand an, dass ein Hördefekt ausgeglichen werden muss. "Auch wenn noch keine breiten Langzeiterfahrungen mit dem neuen System vorliegen, bin ich zuversichtlich, dass ,Carina' auf Dauer eine weitere sinnvolle Ergänzung unseres Therapieangebots darstellt", sagt Professor Hagen. Er rechnet pro Jahr an seiner Klinik zunächst mit bis zu 20 Fällen, in denen das mit rund 30 000 Euro vergleichsweise teure System die von der Indikation her passende und auch von den Krankenkassen finanzierte Lösung sein kann.