Würzburger Bahnhofsmission - Rekordsumme von 50 000 Euro gespendet / Seit der Pandemie wollen viel mehr Menschen als sonst unterstützen

Bahnhofsmission Würzburg erhält Rekordspende

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Wo geht man hin, wenn man niemanden mehr hat? Gerade in der Corona-Pandemie stehen immer mehr Menschen vor dieser Frage. Die Würzburger Bahnhofsmission hilft Menschen in Notlagen und wird von einem Förderverein unterstützt. © dpa

Würzburg. Für viele Menschen ist sie der allerletzte Rettungsanker: Die Würzburger Bahnhofsmission. Ihr Förderverein überrascht jetzt mit einer Rekordspende von 50 000 Euro.

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So erging es Adina S., deren Entsetzen die Familie, für die sie arbeitete, nicht mal mit einem Achselzucken quittierte: Als die alte Frau, die Adina S. (Name geändert) gepflegt hatte, ins Krankenhaus musste, wurde die Osteuropäerin kurzerhand vor die Türe gesetzt.

„Nachdem gerade niemand in ein Hotel gehen kann, landete sie bei uns“, berichtet Kilian Halbig. „Bei uns“, das heißt: Adina S. wandte sich in ihrer Not an die Bahnhofsmission und bat, dort über Nacht bleiben zu können. Sonst hätte sie die ganze Nacht draußen bleiben müssen.

Adina S. hatte „ihre“ alte Dame nicht nur aus reinem Pflichtgefühl gepflegt. Sie hatte wirklich gewollt, dass es der Seniorin gut ging. Und sich entsprechend engagiert. „Dass man sie dennoch einfach auf die Straße setzte, hat mich erschüttert“, sagt Kilian Halbig, der in jener Nacht, als Adina S. nicht wusste, wohin, Dienst tat.

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Drei- bis viermal im Monat arbeitet der 24-jährige Werkstudent von 21 Uhr am Abend bis 7.30 Uhr am Morgen in der Bahnhofsmission. Dafür, dass der Nachtdienst aufrechterhalten werden kann, sorgt der Förderverein der Einrichtung. Vor kurzem spendete er 50 000 Euro an die Anlaufstelle der ökumenischen Christophorus-Gesellschaft.

In die Bahnhofsmission kommen Menschen, die keinen festen Rückhalt haben – bei niemandem auf der Welt. „Einige pflegen, soweit ich weiß, zwar Beziehungen, aber die sind oft nicht gut“, schildert Marleen Kuntze, die Soziale Arbeit studiert und ebenfalls drei- bis viermal monatlich einen Nachtdienst übernimmt. Inzwischen kennt sie einige der Frauen, die hin und wieder um ein Bett nachfragen. Da ist zum Beispiel eine Mittvierzigerin, die immer dann kommt, wenn sie Zoff mit ihrem Freund hat. Offiziell lebt sie bei ihrer Mutter. Doch die beiden verstehen sich gar nicht. Auch diese Frau ist äußerst froh, dass sie, ist sie in Not, in der Bahnhofsmission schlafen kann.

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In den vergangenen Jahren gab es immer eine kleine, offizielle Feier des Fördervereins, wenn die übers Jahr gesammelten Spenden übergeben wurden. Pandemiebedingt musste die schon zum zweiten Mal ausfallen. Dabei gab der Förderverein wegen der Corona-Krise heuer sogar noch mehr Geld als sonst: 50 000 Euro. Damit stieg die Spendensumme im Vergleich zu den Vorjahren laut Vereinsvorsitzendem Helmut Fries um über 20 Prozent. Möglich wurde dies durch zahlreiche Spender: „Seit Beginn der Pandemie unterstützen uns viel mehr Menschen als sonst. Das Gefühl, dass es gut ist, mit den Ärmsten der Armen solidarisch sein zu müssen, wächst offensichtlich.“

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Es waren stürmische Tage im vergangenen Jahr, und auch heuer geht es in der Bahnhofsmission turbulent zu. „Wir sind der allerletzte Rettungsanker, nach uns kommt nichts mehr“, sagt Einrichtungsleiter Michael Lindner-Jung. Trotz Kontaktbeschränkungen wurden die Mitarbeitenden in 2020 fast 39 000 Mal um Hilfe angefragt. Über 300-mal übernachteten Frauen in der Einrichtung. Die psychosoziale Not ist laut Lindner-Jung groß. Und aufgrund der Hygienemaßnahmen schwerer als sonst zu lindern: „In vielen Fällen müssen wir damit leben, dass es einfach nicht reicht, was wir gerade machen.“ Nicht zuletzt deshalb, weil die meisten Besucher mit einem ganzen Bündel von Plagen ankommen und nach einem Kontakt mit der Bahnhofsmission sich wieder ganz selbst überlassen sind.

Psychische Belastungen sind derzeit ein vermehrtes Problem. Bei fast jedem dritten Kontakt haben es die Haupt- und Ehrenamtlichen mit einem Menschen zu tun, der unter Depressionen oder Ängsten leidet, der mit einer bipolaren Störung leben muss oder schwer traumatisiert ist. Gleichzeitig kommen Traumatisierte laut Michael Lindner-Jung mit den Bedingungen, unter denen sie derzeit leben müssen, noch schwerer als sonst klar. Der Einrichtungsleiter denkt mithin auch an eine Frau, die sich permanent durch schwierigste Lebensumstände kämpfen muss. Eine Maske zu tragen hält sie kaum noch aus. Sie fühlt sich dann fremdbestimmt, wie sie sagt. Und ihr Alltag ist geprägt vom Ringen um einen Zugang zum Leben und zu sich selbst.

Der Einrichtungsleiter hofft, dass die in der Region einzige Anlaufstelle mit Öffnungszeiten rund um die Uhr an jedem Tag des Jahres nicht in Frage steht. Mehr Menschen denn je werden in Zukunft die Bahnhofsmission brauchen, ist er sich sicher. Denn viele geraten durch die Corona-Krise erstmals im Leben in eine Notlage. Die Pandemie hat die Beziehungen vieler Menschen zu ihrer Mitwelt verändert, beobachten Michael Lindner-Jung und Helmut Fries. Der Satz: „Jeder kann abrutschen!“ erhält plötzlich eine Relevanz wie lange nicht. Das führt aber auch zum Bewusstsein, jetzt erst recht zusammenhalten zu müssen. „Ein Unternehmen, das pandemiebedingt selbst in einer schwierigen finanziellen Situation ist, spendete erst kürzlich 1000 Euro“, berichtet Lindner-Jung. Solche Zeichen machen dem Leiter der Bahnhofsmission Mut. Und sie stärken das Team für die zunehmend schwierigere Arbeit.

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