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Treffpunkt Forum - Gesprächsabend mit Altbundespräsident Joachim Gauck im ausverkauften Carmen Würth-Forum

Wieviel Toleranz verträgt Demokratie?

Von 
Werner Palmert
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Treffpunkt Forum: Die Fernsehmoderatorin und Buchautorin Bernadette Schoog unterhielt sich im „Treffpunkt Forum“ mit Altbundespräsident Joachim Gauck über dessen bewegtes Leben als Geistlicher, Politiker, gesellschaftlich engagierter Mensch, Mahner und natürlich auch über sein Buch „Toleranz: Einfach schwer“. © Werner Palmert

Beim Gesprächsabend in der Reihe „Treffpunkt Forum“ im Carmen-Würth-Forum in Künzelsau war Altbundespräsident Joachim Gauck zu Gast.

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Künzelsau. Joachim Gauck, elfter Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 2012 bis 2017, ist vielen Menschen auf unterschiedlichen Gebieten vertraut: als streitbarer Pastor in Mecklenburg und Mitinitiator des Widerstandes gegen die SED-Diktatur, der den Mauerfall 1989 zur Folge hatte. Aber auch als Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (Gauck-Behörde). Er ist ein Mann, der sich immer dem Volk verbunden gefühlt hat und eine Vita aufweist, die ihresgleichen sucht. Alleine neun Ehrendoktorwürden vereint der frühere Bundespräsident auf sich, dem man immer attestiert hat, ein politischer Präsident gewesen zu sein. „Kriegskind, Seemannssohn, ewiger Pastor“ – diese Schlagzeile charakterisiert ihn wohl ganz gut. Mit der Fernsehmoderatorin und Buchautorin Bernadette Schoog sprach er am Donnerstag im ausverkauften Carmen Würth-Forum in Künzelsau, in der Reihe „Treffpunkt Forum“, über sein bewegtes Leben als Geistlicher, Politiker, gesellschaftlich engagierter Mensch, Mahner und natürlich auch über sein Buch „Toleranz: Einfach schwer“.

Auch den Menschen beleuchtet

Schon sehr schnell wurde den Besuchern im Reinhold-Würth-Konzertsaal klar, dass es die versierte Fernsehmoderatorin an diesem Abend schwer haben würde, den unerschöpflichen Gedankenausbruch des 81-jährigen Bundespräsidenten a.D. einzudämmen. Mit dem gelegentlichen eingestreuten Hinweis „Sie müssen mich schon unterbrechen, sonst rede ich zu viel“ gelang es Bernadette Schoog dann aber doch, den prominenten Gesprächspartner aus Rostock auf dem „richtigen Pfad“ zu halten und auch den Menschen Joachim Gauck zu beleuchten.

Die Lebensentwürfe, Wertvorstellungen, religiösen und kulturellen Hintergründe der Menschen werden immer vielfältiger. Manche erleben dies als Bereicherung, nicht wenige aber als Last. Was muss die Gesellschaft, was muss der Einzelne tolerieren, wo liegen die Grenzen der Toleranz in einer Demokratie und was hält uns zusammen? Wie viel Andersartigkeit muss man erdulden? Wie viel kann man erdulden? Wie viel Kritik aushalten? Welche gemeinsamen Regeln müssen bei aller Verschiedenheit gelten? In seinem neuen Buch „Toleranz: einfach schwer“ und auch im Gespräch mit Bernadette Schoog appellierte Joachim Gauck vehement für Toleranz, weil sie das friedliche Zusammenleben von Verschiedenen überhaupt erst ermöglicht.

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Der eigenen Identität sicher sein

Toleranz, schreibt er, ist nicht Gleichgültigkeit und nicht Versöhnlertum. „Toleranz lehrt uns vielmehr, zu dulden, auszuhalten, zu respektieren, was wir nicht oder nicht vollständig gutheißen“. Dazu, so Gauck, sei es aber nötig, sich seiner eigenen Identität sicher zu sein. Denn nur, wer wisse wer er sei, könne selbstbewusst in einen Dialog oder auch in einen Wettstreit mit anderen gehen.

Im Verlauf des Abends erinnerte sich Gauck an seine Kindheit mitten in den Kriegswirren, umgeben von Sowjetsoldaten, an die Verhaftung seines Vaters, dem die Mitgliedschaft in der NSDAP jahrelange Zwangsarbeit im Gulag am sibirischen Baikalsee einbrachte und an seine Jugendjahre. Schon früh musste er daher zusammen mit seiner Mutter Verantwortung für seine drei Geschwister übernehmen und er machte auch schon damals seinem inneren Protest Luft: „Wenn ich ein Westler gewesen wäre, hätte ich bestimmt mit den 68ern sympathisiert“, beschrieb er seine damalige politische Zielrichtung. Der studierte Theologe gab in seinen Ausführungen auch einen Einblick in das „politische Seelenleben“ seiner ostdeutschen Landsleute und das daraus heute abzuleitende Verhalten an der Wahlurne. „40 Jahre hinter dem Eisernen Vorhang und einer Mauer zu leben, sind prägende Elemente, die nicht von heute auf morgen verschwinden. Das kann man nur mit einer Hornhaut auf der Seele ertragen“. Die Alternativen waren begrenzt: „Das Schwarz-Weiß-Malen akzeptieren, sich anpassen, dafür sein oder Scheitern.“ Eigenverantwortung war nicht gewünscht, der Staat regelt alles. Wer nicht parteikonform war, hatte keine Chance, so seine Zusammenfassung.

Auf die aktuelle politische Situation überleitend beleuchtete Gauck auch die großen Themen der Zeit wie das Erstarken populistischer Parteien, die Debatten in der Migrationspolitik, die Zunahme des Islam in europäischen Gesellschaften, die drohende Klimakatastrophe und die zunehmende Digitalisierung der Welt. All diese Felder bieten seiner Meinung nach viel Angriffsfläche für das Maß dessen, was ein Einzelner bereit ist zu akzeptieren und zu ertragen. Daraus erwachsen Formen des Extremismus und der Intoleranz, die der ehemalige Bundespräsident als die großen Herausforderungen unserer Zeit bezeichnete.

Über die damaligen politischen Unruhen in Prag, Ungarn und Polen schlug Gauck schließlich den Bogen zum Niedergang des DDR-Regimes und den Fall der Mauer im November 1989, was ohne die Unterstützung und Billigung aus Moskau unter dem Kreml-Chef Gorbatschow nie möglich gewesen wäre. Sein Appell zum Schluss: „Toleranz darf nicht schrankenlos werden. Es darf aber auch keine Nachsicht gegenüber jenen geben, die Pluralität und Toleranz mit Füßen treten. Nur wenn wir uns gegen die Angriffe von Intoleranten verteidigen – woher auch immer sie kommen mögen –-, kann Toleranz und mit ihr die Demokratie gesichert werden. Es wird sich immer und immer wieder lohnen, dafür zu streiten mit Verantwortungsbewusstsein, mit Mut und mit kämpferischer Toleranz.“

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