Würzburger Domkreuzgang - Bewegende Ausstellung "Friedhelm Welge - Projekt 14" eröffnet "Warum sind wir Menschen so?"

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Würzburg. In Stücke zerbrochen liegt die heilige Katharina auf dem kalten Boden des Domkreuzgangs. Über ihr spannt sich ein rostiger Stahlbogen wie das Rad, mit dem sie der Legende nach gefoltert wurde. Der heilige Dionysius hält seinen abgeschlagenen Kopf in den Armen, aus dem Leib von Erasmus bohren sich Spiralen aus Metall. "Ich aktualisiere das allgegenwärtige Leid", sagte der Bildhauer Friedhelm Welge (Krefeld) bei der Eröffnung der Ausstellung "Friedhelm Welge - Projekt 14" in der Sepultur des Würzburger Kiliansdoms.

Folter thematisiert

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Ausgehend vom Kanon der 14 heiligen Nothelfer schuf der Künstler 14 eindrucksvolle Skulpturen, in denen er das Thema Menschenrechtsverletzung durch Folter thematisiert. Ausgestellt sind sie im Kreuzgang des Kiliansdoms. Die Werke werden in Würzburg erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

Der Künstler schlage mit seinen Skulpturen eine Brücke vom 15. Jahrhundert in die heutige Zeit, sagte Domkapitular Dr. Jürgen Lenssen, Kunstreferent der Diözese Würzburg, in der Sepultur des Kiliansdoms bei der Einführung in die Ausstellung. Die 14 Nothelfer hätten das Leid der Menschen auf sich genommen und mitgetragen. "Sie stehen für das Leid, das Menschen auch heute noch zutiefst erfahren." Der Abschied von einem Menschen lasse die eigene Bemessenheit der Zeit verspüren. "In diesem Projekt stehen uns Menschen in einer Grenz- und Verzweiflungssituation vor Auge, fernab der schönen Geschichten, die sich um sie ranken", sagte Lenssen.

Mit seinem Projekt mische sich Welge in die "leider allgegenwärtige Diskussion um die Menschenrechtsverletzungen der Folter" ein, erklärte Dr. Wolfgang Schneider, stellvertretender Leiter des Kunstreferats und Kurator der Ausstellung. In seinen Texten, welche die Skulpturen begleiten, deute Welge immer wieder auf aktuelle Parallelen zu den spätantiken Märtyrerlegenden hin.

Wut und Frustration

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Die Werke spiegelten aber auch die Wut und Frustration, das "Sich-Abarbeiten" des Künstlers an der Wirklichkeit wider. "Man spürt, dass er die Hoffnung nicht aufgegeben hat, dass Kunst tatsächlich etwas bewegen kann in den Menschen, eine Erschütterung auslösen und einen Impuls setzen kann hin zum Besseren oder gar Guten", sagt Schneider.

Das Foto eines gedemütigten irakischen Gefangenen, nackt, die Hände hinter den Kopf gebunden, sei der Auslöser für das Projekt gewesen, erzählte Welge. "Das Bild hat mich an die Geschichten der 14 Nothelfer erinnert."

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Fast zehn Jahre lang, von 2004 bis Ende 2013, habe er an dieser Ausstellung gearbeitet. Er wolle mit seinen Skulpturen zeigen, was der Mensch mit dem Menschen macht.

Viele Fragen

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"Wenn es so etwas wie Gott gibt, warum? Warum sind wir Menschen so?" Diese Fragen hätten ihn nicht mehr losgelassen. Die Skulpturen seien "im Bewusstsein von Folter" entstanden.

"Es steht einer Institution gut zu Gesicht, sich mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen", dankte er dem Museum am Dom für den "Mut, diese Ausstellung zu machen".

Am Beispiel der Skulptur "Projekt 12", die sich mit der Legende der heiligen Margareta beschäftigt, erläuterte Welge einige seiner Gedanken. Ein zerbrechlich wirkendes Relief aus weißem Marmor, mit roter und blauer Farbe bemalt, die an manchen Stellen wie geronnen wirkt, liegt auf einem schwarzen Tisch. "Der Tisch erinnert an einen Seziertisch", sagte Welge.

Das Bildhauerwerkzeug, das vor dem Relief ausgebreitet ist, lässt an Folterwerkzeuge denken. "Es ist unglaublich, was der Mensch mit dem Menschen macht, und es hat sich nichts geändert", sagte der Künstler.

Zudem sei die Skulptur aufgrund der Zerbrechlichkeit des Materials problematisch gewesen. Man könne "nicht einfach draufhauen", sondern müsse vorsichtig und planvoll vorgehen - im Gegensatz zum Christopherus aus grünem Marmor aus Guatemala. Der Stein sei rund 30 Jahre lang gelagert und dadurch sehr hart geworden. "Er hat mich so viel Kraft gekostet." Und auch manches Bildhauerwerkzeug sei daran zerbrochen.

Die Eröffnung wurde musikalisch begleitet von Matthias "Clarino" Ernst mit Improvisationen auf der Klarinette, unter anderem über das Passionslied "Oh Haupt voll Blut und Wunden". pow