Historischer Moment - Durch den Austritt Großbritanniens wird der Veitshöchheimer Ortsteil Gadheim zum Mittelpunkt der EU Eine Ehre, die keiner wollte

Von 
Christopher Kitsche
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Ein rot-weißer Vermessungsstab symbolisiert das neue geografische Zentrum der europäischen Staatengemeinschaft. © Christopher Kitsche

Veitshöchheim. Es ist ein Alleinstellungsmerkmal, auf das Veitshöchheim und dessen Bürgermeister Jürgen Götz gerne verzichtet hätten: Mit dem EU-Austritt Großbritanniens zum 31. Januar wird die Stadt am Main, genauer gesagt der kleine Ortsteil Gadheim, zum geografischen Mittelpunkt der Europäischen Union.

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„Das macht uns auf der einen Seite natürlich stolz, andererseits ist das auch ein trauriger Anlass, weil mit Großbritannien zum ersten Mal in der Geschichte ein Land aus der Europäischen Union austritt“, sagte Jürgen Götz am Dienstag bei einer von großem Medienecho begleiteten Pressekonferenz im Veitshöchheimer Rathaus. Die Geschichte, wie die Stadt von ihrem „Glück“ erfuhr, ist kurios: Ein lokaler Radiosender berichtete im März 2017 zum ersten Mal davon, dass Gadheim bei einem Verlassen der Briten der EU zum geografischen Zentrum der Staatengemeinschaft wird.

„Ich habe das zuerst für einen Aprilscherz gehalten“, erinnerte sich Götz. Das Nationale Geografische Institut Frankreichs (IGN) in Paris bestätigte dann die Berichte.

Großer Medienhype

Das verursachte einen großen Hype in der unterfränkischen Gemeinde. Chinesische, japanische und finnische Fernsehsender, der „Guardian“ und viele weitere Medienvertreter berichteten über Veitshöchheim. Die BBC scheiterte beim ersten Versuch, Gadheim zu finden, und landete in einem Dorf in der Nähe von Schweinfurt.

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Ob der Weiler tatsächlich zum neuen EU-Mittelpunkt wird, war wegen der Hängepartie um den Brexit aber bis zuletzt offen und brachten die Gemeinde in ein kleines Dilemma:. „Wir wollten natürlich nicht vorschnell handeln und Geld zum Fenster rauswerfen für etwas, das noch nicht endgültig feststeht. Gar nichts zu tun wäre aber auch falsch gewesen“, sagte Götz. Die Gemeinde fand eine Lösung: Bleiben die Briten in der Union, sollte Gadheim ein Mahnmal für Zusammenhalt darstellen. Verlässt das Land die Gemeinschaft, ist es der neue geografische Mittelpunkt.

Wer sich zu dem Ortsteil, der etwa drei Kilometer nordöstlich von Veitshöchheim liegt und seit 1976 zu der Stadt gehört, aufmacht, merkt schnell, dass der künftige EU-Mittelpunkt mit einem eigentlichen Zentrum so gar nichts gemein hat: Rund um das Landstück, auf dem nun die Flaggen Veitshöchheims, Deutschlands und der Europäischen Union wehen, befindet sich nur Ackerfläche.

Gemeinde pachtet Grundstück

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Die Gemeinde hat es von der Landwirtin Karin Kessler gepachtet. Auch sie bekam die historische Veränderung ganz zufällig mit. „Ich war beim Bäcker im Nachbarort und wurde dann darauf angesprochen. Auch ich hielt das zunächst für einen Scherz. Mein Sohn hat sich dann die Koordinaten besorgt und so erfuhren wir davon“, erzählt Kessler. Bauhofmitarbeiter begannen das 1000 Quadratmeter große Landstück zu bepflanzen. Sie legten zudem einen kleinen Weg an und stellten eine Bank mit Blick in das Maintal auf.

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Den exakten Mittelpunkt symbolisiert ein rot-weißer Vermessungsstab, der aus einem Muschelkalkgestein ragt.

Schon steht dort eine Informationstafel zum Thema Artenvielfalt, bald sollen auch Schilder zur Europäischen Union folgen.

Einweihung mit Markus Söder

In der Nacht auf den 1. Februar, in der Gadheim die unterfränkische Gemeinde Westerngrund als EU-Mittelpunkt ablöst, sei keine größere Veranstaltung geplant, so Bürgermeister Jürgen Götz.

Zur offiziellen Einweihung wird voraussichtlich Ministerpräsident Markus Söder nach Gadheim kommen. „Wir sind bereits in Gesprächen mit der Staatskanzlei“, sagte Götz. Auch Vertreter aus Westerngrund haben sich angekündigt.

Zur Fußballeuropameisterschaft von Juni bis Juli, die in ganz Europa stattfindet, wird der WDR live aus dem 80-Einwohner-Dorf übertragen.

Außerdem gibt es schon Überlegungen für spezielle Führungen für Bus- und Motorradgruppen. „Wir wissen, dass das eine Ehre auf Zeit ist“, stellte Jürgen Götz klar und betonte noch einmal: „Wir leiden mit den Briten. Beim Brexit gibt es aus wirtschaftlicher Sicht nur Verlierer.“