Interview - Die schwedisch-ungarische Opernsängerin Clarry Bartha äußert sich zu ihrer neuen Aufgabe in Italien und bleibt bei ihrer Kritik zu den „DSDS“-Dreharbeiten im Kloster Bronnbach

„Andere Interessen gewannen die Oberhand“

Von 
Felix Röttger
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Die schwedisch-ungarische Opernsängerin Clarry Bartha ist auf vielen Bühnen der Welt zuhause. Doch ihre Heimat hat sie in Boxberg gefunden. Kürzlich wurde sie als Casting Director des Festival Puccini in Torre del Lago und Leiterin der Academy Pucciniana für junge Künstler berufen. Ein Gespräch über ihre neue, spannende Aufgabe, aber auch ihre Kritik an „Deutschland sucht den Superstar“, dessen gerade beendete 18. Staffel teilweise im Kloster Bronnbach gedreht worden war.

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Frau Bartha, kürzlich war Bronnbach mit der TV-Sendung „Deutschland sucht den Superstar“ in den Blickpunkt von Millionen Zuschauern gerückt. Sie haben kritisiert, dass dieses denkmalgeschützte Kloster vom Landkreis für die Aufzeichnung zur Verfügung gestellt wurde. Für Dieter Bohlen war es „die beste Location, die wir in 18 Jahren DSDS gefunden haben“. Ist es für Sie keine Werbung, wenn er in der Fruchtscheune begeistert von der „geilsten location ever“ spricht?

Opernsängerin Clarry Bartha. © Debut

Clarry Bartha: Diese Bemerkung habe ich nicht mitbekommen. Ist das wirklich eine passende Werbung für unser Kloster?

Die Casting-Show wurde schon im Oktober letzten Jahres produziert. Warum waren damals noch keine kritischen Töne zu hören?

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Bartha: Ich bin als Vorstandsmitglied des Freundeskreises Kloster Bronnbach nicht darüber informiert worden. Als ich es am Rande mitbekommen habe, hielt ich es für eine dieser Fake News.

Sie sind ausgebildete Opernsängerin und waren auf vielen Bühnen zu hören. Wie stehen Sie persönlich zu anderen Musikgenres wie Pop, Rock’ n’ Roll oder Jazz?

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Bartha: Ich bin ein großer Fan aller dieser Stilrichtungen, auch weil es mich interessiert. Ich genieße sie, tanze gerne dazu, wenn auch mehr gerne als gut, entdecke immer etwas Neues. Nicht zu vergessen sind französisch-italienische Chansons, Motown Music, Soul und R&B Music. Ich habe in Bronnbach viel variiert, zum Beispiel mit Fado,Tango, französischen Chansons, aber mit hoher Qualität, nicht mit Effekthascherei.

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Schmerzlich vermisst werden nicht erst seit Corona-Zeiten Konzertreihen wie der Bronnbacher Musikfrühling, „Meister von morgen“ oder Neujahrs- und Herbstkonzerte, die untrennbar mit dem Namen Ihres verstorbenen Mannes und von Ihnen selbst verbunden sind. Warum haben Sie dieses Engagement auch im Förderkreis nach 18 Jahren beendet?

Bartha: Es freut mich sehr, dass so viele Menschen es vermissen; mir geht es nicht anders. Andererseits war alles erreicht, was ich mir vorgenommen hatte. Zudem wurde die Zusammenarbeit mit dem Landratsamt immer schwieriger.

Fehlte Ihnen persönlich die notwendige Unterstützung?

Bartha: Ich fühlte mich tatsächlich oft genug alleingelassen. So gerne ich Veranstaltungen geplant, Künstler betreut und mit begeisterten Zuhörern die Auftritte genossen habe – immer deutlicher habe ich gespürt, dass andere Interessen die Oberhand gewannen.

So kam es bedauerlicherweise zur Auflösung des von mir geführten Förderkreises.

Rückblickend haben mich die künstlerischen Erlebnisse und das dankbare, für Neues sehr aufgeschlossene Publikum für manche Enttäuschung entschädigt.

Dass es so niveaulos wie mit Dieter Bohlen enden würde, habe ich mir nicht mal in meinen Alpträumen vorstellen können.

Sie sind seit 2016 Künstlerische Leiterin des Gesangswettbewerbs Debut, der im letzten Jahr in der TauberPhilharmonie in Weikersheim mit dem zehnten Galakonzert ein kleines Jubiläum feierte. Hatten Sie genügend Fürsprecher, um in Corona-Zeiten diesen Wettbewerb durchführen zu können?

Bartha: Natürlich haben wir gebangt, aber nachdem wir hoffen durften, dass sich das Fenster für eine solche Veranstaltung öffnen könnte, waren wir alle dafür und begeistert, dass wir Debut unbedingt jetzt aufführen mussten. Wann – wenn nicht jetzt! Ich danke allen, dass Debut in diesen schwierigen Zeiten trotzdem stattfinden konnte.

Kürzlich wurden Sie als Casting Director des Festival Puccini in Torre del Lago und Leiterin der Academy Pucciniana für junge Künstler berufen. Welche Aufgaben kommen dabei auf Sie als gleichzeitige künstlerische Leiterin von Debut zu?

Bartha: Es ist ein günstiger Umstand, dass es in diesem Jahr keinen Gesangswettbewerb gibt. Bei der Besetzung von Rollen geht es darum, welche Stimme passt zu welcher Rolle; dafür muss ich nicht nach Italien fahren, wenn ich die Solisten und ihre Fähigkeiten kenne. In mancherlei Hinsicht ist das Festival eine ideale Ergänzung von Debut. Besonders begeistert mich die intensive Zusammenarbeit mit Giorgio Battistelli, dem nicht nur von mir hochgeschätzten Komponisten und Direttore Artistico des Festival Puccini.

Kann dann ein Preisträger von Debut vielleicht auch mit einem Engagement in Torre del Lago rechnen?

Bartha: Warum nicht? Schon in diesem Jahr singen Kartal Karagedik, Debut-Gewinner 2012, als Marcello und Maria Chabounia-Karagedik, Debut-Siegerin 2014, als Musetta in „La Bohème“. Diesen Sommer nehme ich die letztjährige Debut-Gewinnerin Maria Bengtsson in die Academy Puccini auf.

Schätzen Sie die Opern des italienischen Komponisten Giacomo Puccini besonders, die jährlich im Sommer in Torre del Lago aufgeführt werden?

Bartha: Puccini hat nicht so viele Werke komponiert; zwölf Opern sind es geworden, die für mich ohne Ausnahme sehr reizvoll sind, besonders wegen der starken und mutigen Frauenfiguren in allen Facetten. Ich habe in Italien studiert und entsprechend auch Rollen in seinen Opern gesungen. Die Musik ist sehr melodiös und geht sehr zu Herzen. Am Festival reizt mich besonders, dass es am Seeufer neben seinem Haus stattfindet, in dem Puccini einige Werke geschrieben hat.

Wird die Durchführung dieses renommierten Festivals in diesem Jahr trotz Corona geplant?

Bartha: Im August letzten Jahres leitete ich trotz Pandemie zur Vorbereitung eine kleine Masterclass.

Ich kann und will es mir nicht vorstellen, dass dieses renommierte Festival nicht stattfindet. Ein unschätzbarer Vorteil in Corona-Zeiten ist die Aufführung auf der Seebühne im Freien. Für mich wäre eine Absage ein unvorstellbares Desaster.

Wie erleben Sie junge Künstler in dieser schweren Zeit der Pandemie? Können Sie Ratschläge geben?

Bartha: Ich kann nur dankbar sein, dass ich selbst eine solche Pandemie mit einem kulturellen Stillstand während meiner Bühnenkarriere nicht ertragen musste. Umso mehr blutet mein Herz, wenn ich mit jungen Solokünstlern und vielen Selbständigen im Kultursektor spreche. Wir alle vermissen so viel. Dabei geht es nicht nur um die Einnahmen, sondern um Auftritte, die alle wie die Luft zum Atmen herbeisehnen.

Geht es also weniger um das finanzielle Überleben?

Bartha: Unsere junge Künstlergeneration hat hart studiert und will sich endlich wieder vor Publikum beweisen. Ich vertraue dabei allen Kräften in unserer Gesellschaft, den Musikliebhabern und Sponsoren, dass die Solokünstler genügend Unterstützung erfahren. Leider sind bisher bei mindestens der Hälfte der Bedürftigen die versprochenen finanziellen Zuschüsse noch nicht angekommen.

Nicht aufgeben und durchhalten ist mein Rat. Denn wir können nicht eine ganze Künstler-Generation abschreiben, die nur sehnsüchtig darauf wartet, wieder vor einem dankbaren Publikum auftreten und sich verwirklichen zu können. Da sind wir alle gefragt.

Auf den Kult um „DSDS“-Pseudostars, die nach den Sendungen gleich wieder in der Versenkung verschwinden, kann ich jedoch gerne verzichten.

Man wird es mir nachsehen, dass ich jedenfalls dem vom Sender gekündigten Dieter Bohlen und seinem „mega ätzenden“ Wortschatz keine Träne nachweine.