Ermittlungen - 62-jähriger Lehrer der Waldorfschule Schwäbisch Hall sitzt weiter in Untersuchungshaft / Bisher zwei mögliche Opfer Schwerer Verdacht: Missbrauch auf Klassenfahrt?

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Thumilan Selvakumaran
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Schwäbisch Hall. Auch ehemalige Schüler eines 62-jährigen Schwäbisch Haller Waldorfschul-Lehrers werden von Polizeibeamten befragt. Die Staatsanwaltschaft geht derzeit weiterhin von zwei möglichen Opfern sexuellen Missbrauchs aus.

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Es gebe für die Schule keinen Grund, an den Aussagen der beiden Schülerinnen zu zweifeln, berichtet Fabian Stoermer, pädagogischer Geschäftsführer. Die Haller Waldorfschule habe sich diese Kernaussage für die weitere Aufarbeitung als Leitplanke definiert.

Hintergrund sind Ermittlungen gegen einen 62-jährigen Klassenlehrer, der sich an mindestens zwei seiner Schülerinnen vergangen haben soll. Das Besondere an Waldorfschulen: Die Klassenlehrer wechseln nicht alle zwei Jahre, sondern bleiben in der Regel von Klasse 1 bis 8. Die Ermittlungen kamen ins Rollen, nachdem sich eine Schülerin kurz vor Beginn der Sommerferien am Ende der achten Klassenstufe dem Schulsozialarbeiter anvertraut hatte. Später sagte eine weitere Schülerin bei der Polizei aus, die den Lehrer ebenso belastete.

Nach Informationen des Haller Taglatts soll es sich unter anderem um einen sexuellen Missbrauch bei einer Klassenfahrt im Grundschulalter gehandelt haben. Oberstaatsanwalt Harald Freyer, der als Leiter zugleich Sprecher der Staatsanwaltschaft Hall ist, will sich aus taktischen Gründen nicht zu den laufenden Ermittlungen äußern.

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Er lässt aber durchklingen, dass bei den Opfern zwei unterschiedliche Straftatbestände im Raum stehen. Zum einen der sexuelle Missbrauch von Kindern, zum anderen der schwere sexuelle Missbrauch von Kindern.

Die Frage, ob der Lehrer schon in der Vergangenheit straffällig geworden ist, verneint der Staatsanwalt. „Mir ist nichts Einschlägiges bekannt.“ Beamte hatten den Lehrer, nachdem die Ermittlungen im Juli angelaufen waren, nach einer Hausdurchsuchung im August festgenommen. Was die Polizei genau gefunden hat, darüber schweigt Freyer. Er erklärt nur grundsätzlich: „Wir durchsuchen in der Regel, um Beweismittel sicherzustellen.“ Mehr könne er zum Schutz von mutmaßlichen Opfern und Täter nicht sagen. Nach Informationen der Redaktion werden derzeit noch Schüler befragt, auch ehemalige, die schon vor Jahren die Waldorfschule verlassen haben. Laut Staatsanwaltschaft sind bislang aber keine möglichen weiteren Opfer bekannt.

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Die Situation beschäftigt laut Stoermer die komplette Einrichtung und die Elternhäuser. Zum neuen Schuljahr habe es eine Schulversammlung und am ersten Schultag einen Elternabend mit der Klasse der beiden Mädchen gegeben. „Es herrscht eine hohe Betroffenheit bei den Eltern.“ Manche machten sich Selbstvorwürfe, ob sie Zeichen nicht erkannt hätten.

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Aber auch die Schule stelle alle Konzepte auf den Kopf und überprüfe, wo Lücken sind. Externe Berater, die sich unter anderem mit Missbrauch und Schutzkonzepten auskennen, seien an Bord und hätten auf wertvolle Weise bei Gesprächen mit Kollegium und Eltern mitgewirkt, so Stoermer.

„Es geht um Fragen wie: Was gehört zu einem Missbrauch dazu? Was sind die typischen Verhaltensweisen der Täter? Wie gelingt es ihnen, eine Machtposition aufzubauen?“ Es gehe auch darum, die sehr konkreten Verhaltensregeln der Schule zu prüfen, auszubauen. Schon lange gelte, dass bei Klassenfahrten immer nur mindestens zwei Personen in die Schlafräume dürften. Auf Nachfrage erklärt Stoermer, dass der betroffene Lehrer bei Klassenfahrten nie alleine reiste, sondern „immer eine Vielzahl von Eltern einbezogen“ war.

Froh ist der Geschäftsführer darüber, dass der Schulsozialarbeiter, der erst seit März an der Einrichtung ist, offenbar genügend Vertrauen aufgebaut hatte und die Schülerin sich ihm anvertraute. Der Angestellte wird nun unterstützt von einer Schulsozialarbeiterin. „Die Besetzung war aber unabhängig von diesem Fall und vorher schon entschieden“, so Stoermer.

Einmal die Woche seien die Fachkräfte nun in der Klasse, um eineinhalb Stunden an diesem Thema zu arbeiten. Auch Schüler anderer Klassen würden altersgerecht aufgeklärt und sensibilisiert, „damit sie sich bei Grenzüberschreitungen melden“.

Als Ersatz für den Lehrer, der nun in Untersuchungshaft sitzt, ist bereits eine neue Lehrerin angestellt worden, so Stoermer. Sie habe anstelle des 62-Jährigen die neue erste Klasse übernommen.

„Für alle Kollegen ist das ein tiefer Einschnitt. Das wird uns lange beschäftigen und die Schule verändern.“ Manche Lehrer hätten 30 Jahre mit dem mutmaßlichen Täter im Kollegium zusammengearbeitet.

Wann die Ermittlungen gegen ihn abgeschlossen werden, sei noch unklar, so Staatsanwalt Freyer. „Bei Haftsachen gilt grundsätzlich, so schnell wie möglich eine richterliche Entscheidung zu erzielen, um die U-Haft nicht länger als nötig hinauszuzögern.“

Generell müsse die Ermittlungsbehörde die Anklage binnen sechs Monaten vorlegen – in diesem Fall vor dem Landgericht Heilbronn. „Nur in sehr besonderen Ausnahmefällen lässt sich diese Frist verlängern.“

Ziel der Staatsanwaltschaft sei es aber, noch „weit vor Ende der sechs Monate“ fertig zu sein. Thumilan Selvakumaran