Fränkisches Mundartfestival - Besucher hatten mit drei Bühnen in Burgbernheim die Qual der Wahl / Neuauflage denkbar Premiere wird gleich zum vollen Erfolg

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Dieter Balb
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Lyriker Manfred Kern und Gitarrist Harry Düll - ein starkes Duo, das von sich Reden macht. Eine Streuobstwiese auf dem Burgbernheimer Kapellenberg war Freilichtort für Text und Musik.

© Dieter Balb

Burgbernheim. Literatur, Musik, Kleinkunst und Theater in einer bunten Mischung von Profis und Amateuren durchweg in fränkischer Mundart dargeboten - das war das Programmrezept beim 1. Fränkischen Mundart-Festival.

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Der Erstversuch wurde gleich ein Erfolg, es kamen einige tausend Besucher. Die Mundart lebt und sie zeigt eine ungeahnte Stärke lautet die eindeutige Botschaft vom Burgbernheimer Kapellenberg, dort wo Aischgrund und Frankenhöhe aufeinandertreffen. Dem virtuosen Mundart-Schriftsteller Helmut Haberkamm kam dort letztes Jahr der Gedanke bei einer Wanderung durch die Streuobstwiese mitten im Naturparadies Künstler aus ganz Franken zusammenzubringen, die eines verbindet: der Dialekt und zwar mit den regionalen Unterschieden aus Unter-, Mittel- und Oberfranken.

Der Besucher hatte die Qual der Wahl, denn rund 70 Künstler verteilten sich auf drei Bühnen, wobei das Hauptprogramm am Sonntag ab Mittag stattfand. Was beabsichtigt war, das ist mehr als geglückt: nicht nur der fränkischen Mundart aus allen Gauen eine breite Plattform zu geben, sondern zugleich Info-Börse zu sein und für netzwerkartige Kontakte untereinander zu sorgen.

Abgesehen von den bekannten Zugpferden wie Mäc Härder oder Klaus Karl-Kraus sowie vor allem dem mundartlich gnadenlos direkten Egersdörfer (der am Samstagabend sein Publikum aufmischte) oder etwa dem Nürnberger Urgestein der Mundartszene Günter Stössel gab es manche positive Überraschung an noch weniger bekannten Künstlern. Bis ins Hohenlohische reichte der Bogen nicht, aber dafür war es ja auch erstmals ein fränkisches Festival dieser Art, wobei es höchste Zeit dafür ist, denn andere Regionen haben da schon Vorreiter gemacht.

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Bei allen beeindruckenden "Live-Aufführungen" der Könner war es wichtig auch die Schulen wie z.B. das Windsheimer Gymnasium engagiert auf der Bühne zu sehen. Da zeigte die Jugend, dass Mundart richtig Spaß machen kann und sogar als "cool" gilt. "Wir findens prima" antworteten auch mehrere Jugendliche überzeugt auf die Frage, was sie vom Mundartsprechen und dem Festival halten. Die Frage ist, wie man das Thema nahebringt und da hatten Initiator Helmut Haberkamm, selbst herausragender Dialektdichter, und die Organisatoren mit Bürgermeister Matthias Schwarz alles richtig gemacht. Vor allem die künstlerische Mischung Haberkamms paßte.

Akustisches Roadmovie

Zu den noch neueren Entdeckungen der Mundart- und Musikszene gehören der Lyriker Manfred Kern und der Gitarrist Harry Düll aus Rothenburg. Beide kennt man auch schon von Auftritten im Hohenlohischen. Mit ihrer CD "Habbag auf dem Highway" als akustisches Road Movie haben sie sich selbst eine hohe Meßlatte gesetzt und auf dem kapellenberg am Sonntagnachmittag bewiesen, wie ernthaft, nachdenklich, einfühlsam und auch magisch das Fränkische sein kann. "Baby dess woars" betitelt Kern ein Gedicht: "Dess is bloaß,/wallis nidd iwwer die Libbe bring./ drum schreiwis,/und in Mundard, unsrer Geheimsproach,/ dia außer uns ball kanner mehr redd,/und wer außer dir will dess lese?" Doch das Festival macht Hoffnung, dass es auch künftig genug gibt, die "es reiide un lese welle".

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Der souveräne Moderator beider Veranstaltungstage Klaus Karl-Kraus, ernsehbekanntes Zugpferd, zeigte sich beeindruckt von dem, was hier auf die Beine gestellt wurde. Er sprang auch noch für den ausgefallenen Fitzgerald Kusz auf der Hauptbühne als Kabarettist ein. Zuvor hatte die aus Bayreuth stammende Mia Pittroff mit ihren Erzählungen aus dem täglichen Leben fasziniert. Bei ihr kommen die Pointen auf leisen Sohlen und manchmal richtig charmant, aber dann unheimlich eindringlich daher. So auch bei ihrer "Best-Ager-Geschichte" und der Schilderung heutigen Rentnerwahnsinns, "braungebrannt, durchtrainiert, Mountainbike fahren, heutzutage wirst Du nicht mehr einfach so alt".

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Singen und Texten kommen bei einigen Künstlern ideal zusammen. Von den Kerwa-Buam über Johann Müller bis zu den fetzigen Songs der Band von Winni Wittkopp reicht der Bogen. "Das Derabeudische Orkester" aus Oberfranken bereichert ebenso wie die fränkische Landmusigg mit Sigfried Michl die Musikszene. Und der "Gankino Circus" ist als Konzertkabarett einsame Spitze! Auf der Familienbühne wird abschließend mit der Songkreation aus "Ka Weiber, ka Gschrei", dem Theaterstück von Helmut Haberkamm, nochmal ein Höhepunkt gesetzt.

Ortspfarrer mit Dialektpredigt

Vielleicht eine Chance für die Kirchen ihre Schäflein zu halten, wenn von der Kanzel im Dialekt der Heimat gepredigt wird? Für den Ortspfarrer Wolfgang Brändlein (Liturgie) war es ein Erstversuch, der Nürnberger Pfarrer Heinrich Weniger hielt nicht zum erstenmal eine Mundartpredigt zum Thema Barmherzigkeit. Eine Kostprobe: "Halt Brouder, wos iech dou grod siech/ in dein Äuchla steckt a Spieß!/ A Splitter, ja soog, spürstes net?"

Das Problem des Publikums bei diesem Festival ist zugleich das des schreibenden Kritikers: bei drei Bühnen mit vollem Programm möchte man sich zerteilen können, um alles genießen zu können.

In zeitlich einigen Jahren Abstand, so meinte der Initiator, könne man sich vielleicht eine Wiederholung beziehungsweise Fortsetzung denken. Schön (und zur Dialektförderung auch nötig) wäre es sicher. Genügend Impulse sind jedenfalls gegeben.

Autor Redakteur, Wort- und Bildjournalist, Video