Geschichte - Vor 75 Jahren wurde Crailsheim fast komplett zerstört / Gedanken zum Jahrestag am 20. April „Man möchte nicht und stellt es sich vor“

Von 
Dr. Christoph Grimmer
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Im Rathausturm hatte der Oberbürgermeister einen „Aha“-Moment. © Stadt Crailsheim

In einem Gastbeitrag äußert sich der gebürtige Crailsheimer und Oberbürgermeister Dr. Christoph Grimmer. Das Thema: Die Zerstörung „seiner“ Stadt im Zweiten Weltkrieg.

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Crailsheim. Ein Sprichwort lautet: „Manchmal beginnt ein neuer Weg nicht damit, Neues zu entdecken, sondern damit, Altbekanntes mit ganz anderen Augen zu sehen.“ Dabei kann es sich um Menschen handeln – wenn man sich zum Beispiel in eine Person im Sportverein verliebt, an der einem plötzlich etwas Besonderes auffällt. Durch ein einschneidendes Ereignis kann ein ideeller Wert einen größeren Stellenwert bekommen, so zum Beispiel Gesundheit nach einer unerwarteten Erkrankung. Oder auch materielle Dinge, wenn man im Keller zufällig das Spiele-Set aus der Kindheit entdeckt, wieder ausprobiert und als Erwachsener noch mal für sich entdeckt. Voraussetzung ist jeweils, dass wir die Augen öffnen, den Blick schärfen oder die Perspektive wechseln, um dieses Gefühl zu empfinden.

Aha-Effekt – „jeder kennt ihn“

Jeder Mensch wird solche „Aha“-Erlebnisse benennen können. Ein Moment, der mich tief geprägt hat, datiert vom 31. Januar 2018. Ich wollte mit meiner Persönlichen Referentin in spe, Margit Fuchs, meinen Dienstantritt am folgenden Tag besprechen. Als ich durch die Tür ihres Büros im Rathaus trat, sprang sie plötzlich auf und sagte: „Wir gehen jetzt auf den Rathausturm“. Natürlich war ich überrascht von dieser spontanen Aktion, aber ich dachte mir, warum nicht? Schließlich war ich noch nie dort oben. Und das als gebürtiger Crailsheimer.

Unser Weg dorthin führte uns durch das Bürgerbüro, wo wir die Durchgangstür öffneten – und ich auf einmal inmitten der Ausstellung zur Zerstörung Crailsheims stand, die hinter dem großen Holztor aufgestellt ist. „Warten Sie“, sagte ich, „ich möchte mir das ansehen.“ Ungläubig schaute ich auf das, was ich sah. Fotos von Trümmern, Daten von Angriffen, Zahlen von Verletzten und Toten. So habe ich meine Heimatstadt noch nie gesehen. Ich war fassungslos, mein Hals schnürte sich zu, unmöglich zu schlucken. Ich spürte Trauer und Glück zugleich, an diesem kalten, aber sonnigen Wintertag. Es ist die Gnade der späten Geburt, dass ich nicht in eine frühere Zeit geboren worden bin. In der Schule ging es um unterschiedlichste Epochen, das Heilige Römische Reich, das Mittelalter und irgendwann auch um den Nationalsozialismus, aber irgendwie nie um Crailsheim. Die Stadt, die ich 20 Jahre gesehen hatte, bevor ich zum Studium nach Hamburg aufbrach – aber eben nie aus dieser Perspektive.

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„Wollen wir weiter?“, fragte Fuchs in ihrer herzlichen und bestimmten Art. Bewegt von den Eindrücken konnte ich nicht antworten, aber drehte mich um zum Treppenaufgang, um ihr zu folgen. Während die Holzstufen unter unseren Füßen knarzten, erzählte mir Fuchs in wenigen Worten die Geschichte der heutigen Nachbildung des Rathausturms. Denn dieser war nicht immer so, wie er sich mir immer gezeigt hatte. Was für mich selbstverständlich war, war es letztlich gar nicht. Fotos an der Wand illustrieren das Gehörte: Auf Initiative von Berta Dinkel, geborene Leiberich, sammelte die Bürgerschaft Ende der 1970er-Jahre mehr als 250 000 Mark. Rund 30 000 Menschen waren dabei, als zwei Spezialkräne den 16 Tonnen schweren Turmhelm hinauf hievten. Wahnsinn. Wo ich gerade stand, war also bis vor 40 Jahren gar nichts.

Und schließlich die letzten Stufen hinauf zur Plattform. Oben erblickte ich das Foto eines kleinen Jungen. „Wer ist das?“, fragte ich. „Kurt Marquardt“, entgegnete Frau Fuchs und erzählte mir die traurige Geschichte. Beim Luftangriff durch die Amerikaner im Februar 1945 saß er als Flakhelfer auf dem Rathausturm. Dieser wurde getroffen und der Junge hing eingeklemmt kopfüber den Turm hinab und verblutete – man möchte nicht und stellt es sich dennoch vor. Grausam. Mein Blick richtete sich auf die Altersangabe – 13 Jahre, unvorstellbar. Was habe ich mit 13 gemacht? Im Jahr 1998 besuchte ich als Sechstklässler das Albert-Schweitzer-Gymnasium, spielte Tennis und Frankreich wurde Fußball-Weltmeister im eigenen Land. Dazwischen liegen gerade mal 50 Jahre. Kurt Marquardt könnte noch leben. Er wäre heute Mitte 80.

Geschichten auf weiter Fläche

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Margit Fuchs öffnete die Tür nach draußen und die Sonne fällt auf unsere Gesichter. Ich schaue mich um und sehe mein Crailsheim von oben. Beeindruckt von diesen vielen bewegenden Geschehnissen, die alleine das Rathaus in unserer Stadt erzählt, wird mir bewusst, wie viel Geschichte und Geschichten in all der Fläche verborgen sind, die sich mir zeigt. Die Villa, der Diebsturm, die Jagst, das Jagstbrückenhochhaus, der Bahnhof, der Wasserturm, der Zeughausturm, die Johanneskirche, der Schweinemarktplatz, die Liebfrauenkirche. Meine früheren Schulen, die Sportanlagen vom TSV Crailsheim, wo ich aktiv war, der Volksfestplatz, die Bonifatiuskirche, in der ich getauft und gefirmt wurde. Ich spüre eine riesige Verantwortung und Aufgabe, eine Verpflichtung und Freude. Auf das, was kommt. Auf das, was vor uns liegt. Auf das, was ich machen darf. Vieles von dem, was uns heute selbstverständlich erscheint, war vor 75 Jahren zerstört und musste wiederaufgebaut werden. Das, was Du kanntest, ist plötzlich so besonders.

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Das ist schön, irritierend –und beklemmend. Ich habe mich immer wohlgefühlt in Crailsheim. Ich habe alles gehabt, was ich brauchte. Ich habe nie etwas vermisst. Ich fand Schwäbisch Hall, Dinkelsbühl oder Rothenburg nie schöner. Crailsheim war immer mein Crailsheim. Ich sehe es nach wie vor mit meinen Augen, aber seit diesen Momenten und Eindrücken im Rathausturm ganz anders als bis dahin. Egal, was kommen mag – ich möchte nicht tauschen mit einer anderen Zeit. Dr. Christoph Grimmer