Großbrand - „Insektenhof“ belieferte Fachgeschäfte und Zoos in ganz Europa / Millionen Tiere umgekommen / Polizei vermutet technischen Defekt Keine Heuschrecken entkommen

Von 
Harald Zigan
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Nur noch eine Ruine blieb von einer Zuchtanlage für Wüstenheuschrecken übrig, die in einem früheren Stall (Bildmitte) eines Aussiedlerhofes bei Onolzheim untergebracht war. Bis zu zehn Millionen Tiere verendeten bei dem Brand am Samstag. © Luca Schmidt

Die Ursache für das Feuer in einer Zuchtanlage für Heuschrecken ist nach wie vor unklar. Die Firma beliefert Fachgeschäfte und Zoos mit dem Lebendfutter.

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Onolzheim. Der Brand auf einem Aussiedlerhof bei Onolzheim südwestlich von Crailsheim sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Das lag an den Opfern der Feuersbrunst: Bis zu zehn Millionen Heuschrecken verbrannten am vergangenen Samstag in den Flammen (wir berichteten). Die Insekten wurden auf dem Anwesen professionell in einem Gebäude gezüchtet, das früher als Kuhstall diente.

In der Öffentlichkeit trat die Insektenfarm bisher nicht groß in Erscheinung. Auch viele Crailsheimer dürften überrascht davon gewesen sein, dass vor ihrer Haustüre ein hochspezialisiertes, in der Branche durchaus bedeutsames Unternehmen für den lebenden Futternachschub zum Beispiel von Echsen, Fröschen und Schlangen sorgt, die in Terrarien gehalten werden.

Experten der Polizei begaben sich am Montag in der Brandruine auf die Suche nach der Ursache für das verheerende Feuer, das von der Crailsheimer Feuerwehr bei einem Großeinsatz mit 17 Fahrzeugen und 95 Einsatzkräften bekämpft wurde. „Es gibt bis jetzt keine neuen Erkenntnisse“, sagte gestern David Ebert, Pressesprecher beim Polizeipräsidium in Aalen. Nach wie vor gehe man davon aus, dass ein technischer Defekt den Brand auslöste.

Insekten statt Rinder

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Der hohe Sachschaden von rund 400 000 Euro ist zum Großteil auf den kompletten Verlust der Insekten zurückzuführen. Vor zehn Jahren mietete eine Insektenzuchtfirma, die schon seit 27 Jahren in der Branche tätig ist, einzelne Gebäude auf dem in den Siebzigerjahren erbauten Aussiedlerhof bei Onolzheim an.

Das Unternehmen verwandelte den einstigen Rinderzucht-Betrieb in eine Insektenfarm, die über den Großhandel sowohl Tierfachgeschäfte als auch Zoos in ganz Europa mit dem proteinreichen Lebendfutter beliefert.

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Der Aussiedlerhof wurde damit zur Heimstatt der Wüstenheuschrecke (siehe Info unten). Ihre überaus komplizierte Zucht gilt in der Branche als Königsdisziplin: Die bis zu acht Zentimeter großen Insekten reagieren äußerst heikel auf Keime, aber auch auf Pestizid-Rückstände in ihrem Grünfutter – und die Tiere fühlen sich nur bei Temperaturen ab 28 Grad wohl, weshalb die Zuchtanlage mit einer Hackschnitzelheizung ausgestattet ist.

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Die Insektenfarm in Onolzheim ist zudem gut gegen eventuelle „Ausbruchsversuche“ der Heuschrecken gesichert: Die beim Brand zerstörte Zuchtanlage etwa konnte nur durch eine Schleuse betreten werden.

Nur noch Asche übrig

In der Vergangenheit gab es denn auch keinerlei Probleme mit den Heuschrecken, wie Bürger aus Onolzheim berichten. Eine nervige Geräuschkulisse von Abermillionen Insekten ist auch nicht zu befürchten: Wüstenheuschrecken zirpen nämlich nicht.

Und auch in der Brandnacht konnten keine Wüstenheuschrecken entwischen, wie in der Hohenloher Gerüchteküche zunächst behauptet wurde: Bevor sich durch das Feuer überhaupt ein Weg ins Freie aufgetan hätte, waren die Insekten allesamt schon längst erstickt und in kürzester Zeit zu Asche verbrannt. Damit kommt auf den Betrieb auch kein großes Entsorgungsproblem zu.

Spätestens in drei Monaten sollen dann in Onolzheim wieder Wüstenheuschrecken wuseln und auf der Speisekarte von Reptilien & Co. landen.

Zu den getöteten Insekten: Vor allem in Afrika und hier besonders in der Sahelzone verbreiten Wüstenheuschrecken Angst und Schrecken, wenn sie in Schwärmen mit bis zu 50 Millionen Exemplaren ganze Landstriche kahlfressen. Auf Wanderschaft begeben sich die Insekten allerdings nur, wenn die Population zu groß geworden ist und das Futter am Standort nicht mehr ausreicht. Auf dem Boden legen Wüstenheuschrecken bis zu zwei Kilometer pro Tag zurück.

Fliegend schaffen die Tiere, die im Schwarm auch ihr Erscheinungsbild farblich verändern, in Höhen von bis zu 1500 Metern locker mehrere Hundert Kilometer. Weibchen legen Eier, die Larven verwandeln sich nach fünfmaliger Häutung in geschlechtsreife Tiere, die bis zu fünf Monate alt werden können.