Katastrophe - Nabu zählt nur noch zwölf statt ehemals 28 verschiedene Tierarten / „Jagst ist ein sensibles Ökosystem“ / Erweiterung von Schweinestall kritisiert Fünf Jahre nach Mühlenbrand: Fluss weist nur noch die Hälfte an Fischarten auf

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2015: Freiwillige Helfer sammeln in der Jagst tote Fische. Giftiges Löschwasser hatte ein großes Fischsterben ausgelöst. © Uwe Anspach/dpa

Kirchberg/Jagst. In der Nacht auf Sonntag jährt sich die Jagstkatastrophe zum fünften Mal. Am 23. August 2015 brannte die Lobenhausener Mühle bei Kirchberg/Jagst (Landkreis Schwäbisch Hall). Dort gelagerte Düngemittel mit hochgiftigem Ammoniumnitrat vermischten sich mit dem Löschwasser und gelangten in die Jagst, informiert der Naturschutzbund (Nabu) per Pressemitteilung.

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Es folgte ein dramatisches Fischsterben. 20 Tonnen tote Tiere wurden in den Tagen danach geborgen. 28 verschiedene Arten zählten Naturschutz-Aktive vor der Katastrophe – das letzte elektrische Abfischen Anfang August 2020 ergab zwölf Arten. Um fünfzig Prozent Artenverlust ergaben die Untersuchungen in den vergangenen fünf Jahren. „Ich habe noch immer die Container mit den toten Fischen vor Augen, darunter so viele Großfische“, sagt Bruno Fischer, Vorsitzender des Nabu Kirchberg/Jagst und selbst aktiver Angler. Er war nach dem Brand als einer der ersten zur Stelle und begleitete die Bergungsarbeiten. Seine Prognose damals: „Es wird 20 Jahre dauern, bis sich die Jagst erholt.“ Sind es nun 15 weitere Jahre? „Ja“, vermutet der Experte. „Das Gleichgewicht ist dahin. Es gibt kaum mehr jagsttypische Arten wie Nase oder Barbe. Döbel haben sich stark vermehrt. Sie sind Pflanzenfresser als junge Fische, werden später aber zu Räubern und fressen in dieser Überzahl viel zu viele Kleinfische.“

Das Land Baden-Württemberg stattete das Aktionsprogramm Jagst damals mit 14 Millionen Euro aus. Ufer wurden renaturiert, Kiesinseln aufgeschüttet, Eisvogelsteilwände angelegt und Altarme wiederhergestellt – der letzte erst im Herbst 2019.

Dennoch kommt die Gesundung des Flusses nur langsam voran. Woran liegt das? „Die Überdüngung der Jagst spielt eine große Rolle“, sagt Bruno Fischer. Zu viel Stickstoff im Wasser regt das Algenwachstum an und diese entziehen dem Wasser und seinen Lebewesen den Sauerstoff. Das Ausbringen von Gülle auf den intensiv genutzten Wiesen in der Umgebung verzögert also die Erholung der Jagst. Noch gravierender wirkt sich die Nitratbelastung aus, wenn der Fluss – wie bereits seit Jahren – Niedrigwasser führt. „Weniger Wasser verdünnt auch den Stickstoff weniger. Flaches Wasser erwärmt sich schneller und das heizt das Algenwachstum weiter an – ein Teufelskreis“, sagt Bruno Fischer.

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Um diese Entwicklung zu durchbrechen, müsste die Düngung des jagstnahen Grünlands drastisch sinken.

Ob das gelingt, scheint fraglich, denn oberhalb der Jagst, in Langenburg-Nesselbach, ist der Bau eines Schweinestalls mit bis zu 8000 Tieren geplant. „Gerade weil die Jagst ein so sensibles Ökosystem ist, braucht sie einen besonderen Schutz. Seit Jahren sind die Stickstoffeinträge in die Jagst zu hoch. Die geplante Erweiterung eines Schweinestalls sehen wir im Umfeld dieses sensiblen Flusses sehr kritisch. Das Gestein in der Region ist sehr durchlässig und der Güllestickstoff wandert schnell in tiefere Schichten und auch in die Jagst“, so der Nabu-Landesvorsitzende Johannes Enssle. pm