Redaktionsbesuch - Der neue Rothenburger Oberbürgermeister Dr. Markus Naser befürwortet stärkere länderübergreifende Kontakte „Franken endet nicht an Landesgrenze“

Von 
Arno Boas
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Im FN-Gespräch: Der neue Rothenburger Oberbürgermeister Dr. Naser (links) stellte sich den Fragen von FN-Redaktionsleiter Fabian Greulich (Mitte) und Redakteur Arno Boas. Themen waren unter anderem das Krankenhaus, der Tourismus und die länderübergreifende Zusammenarbeit. © Diana Seufert

Der neue Rothenburger OB Dr. Markus Naser hat sein Amt in einer schwierigen Zeit angetreten. Die Herausforderungen sind groß für die Touristenstadt. Dr. Naser setzt auf Zusammenhalt.

Zur Person: Rothenburgs OB Dr. Markus Naser

Dr. Markus Naser wurde am 13. Januar 1981 geboren. Er lebt in seinem Heimatdorf Wolfsau, einem Teilort von Diebach. Markus Naser ist verheiratet und hat eine Tochter.

Nach dem Besuch des Gymnasiums Rothenburg hat Dr. Naser von 2002 bis 2009 in Würzburg studiert und dort auch promoviert, zum Thema „Digitale Kartographie“. 2016 und 2019 hatte er jeweils für ein Semester eine Gastprofessur in St. Augustine in Florida/USA inne.

Vor seiner Wahl zum OB von Rothenburg war Dr. Naser Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Fränkische Landesgeschichte in Würzburg.

Von 2015 bis 2020 war Naser zudem Vorsitzender des Vereins Alt-Rothenburg.

Dr. Naser gehört der Freien Rothenburger Vereinigung (FRV) an. abo

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Tauberbischofsheim/Rothenburg. Nach seinem klaren Sieg in der Stichwahl am 29. März gegen Mitbewerberin Martina Schlegl (CSU) hatte Dr. Markus Naser (Freie Rothenburger Vereinigung FRV) sein Amt Mitte Mai angetreten – in einer Zeit, die durch die Corona-Pandemie ein normales Regieren kaum zuließ und in der vor allem Krisenmanagement gefragt war. Dabei gibt es viele Themen, die unabhängig vom Tourismus auf den Nägeln brennen: bezahlbarer Wohnraum, die Weiterentwicklung Bildungsstandorts, der Erhalt des Krankenhauses oder auch die Digitalisierung der Stadtverwaltung. Bei einem Redaktionsbesuch der FN in Tauberbischofsheim sprach sich Dr. Naser auch für eine stärkere Zusammenarbeit der Bürgermeister über die Landesgrenzen hinweg aus.

In den nun schon über 100 ersten Tagen im Amt hat der 39-Jährige die „sehr sachorientierte“ Arbeit im Stadtrat schätzen gelernt. Keine der fünf Fraktionen agiere parteipolitisch, sondern sei an der Weiterentwicklung der Stadt interessiert. Dr. Naser würdigte die „sehr gute Zusammenarbeit“ mit seinen Bürgermeister-Stellvertretern Kurt Förster (SPD) und Dieter Kölle (CSU), die wichtige Bindeglieder zwischen OB und Stadtrat seien.

Ob ein Historiker der richtige Mann auf einem politischen Chefsessel ist? Ob er als ehemaliger Vorsitzender des Vereins Alt-Rothenburg vor allem auf Denkmalschutz setzt? Er könne diese Bedenken nachvollziehen – findet sie aber unberechtigt. Markus Naser ist Neuem gegenüber aufgeschlossen, seine Doktorarbeit etwa verfasste er zum Thema „digitale Kartographie“. Natürlich ist ihm der Erhalt der Rothenburger historischen Bausubstanz wichtig, doch darüber hinaus möchte er ein „modernes Rothenburg“ in den Köpfen der Menschen verankern, will die Zukunft gestalten – etwa durch die Stärkung des noch jungen Campus der Hochschule Ansbach, durch die Ausweisung neuer Baugebiete, die Schaffung preisgünstiger Wohnungen und den Ausbau der Kinderbetreuung.

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Am Herzen liegt Dr. Naser die länderübergreifende Zusammenarbeit, die auf dem touristischen Sektor zwar schon lange sehr gut funktioniere, auf kommunalpolitischer Ebene fehle der Austausch dagegen. Wünschenswert fände er regelmäßige Treffen der Bürgermeister, denn „Franken endet nicht an der Landesgrenze“. Das fränkische Bewusstsein definiert Dr. Naser ganz pragmatisch: „Franke ist, wer Franke sein will“. Die Identität entwickle sich aus einem selbst heraus, ist der Historiker überzeugt. Ganz bewusst lebt er nach wie vor in seinem Heimatdorf Wolfsau, ein Ortsteil von Diebach. Dort leben gerade mal 25 Einwohner – manchmal auch ein paar mehr, wie Markus Naser schmunzelnd anfügt. „Ich bin ein sehr verwurzelter Mensch“, sagt der 39-Jährige.

Auch wenn er nicht nach Rothenburg umziehen will: Die Stadt und ihr Umfeld findet der neue OB „unvergleichlich“. Die historische Bausubstanz auf der einen und die landschaftliche Lage auf der anderen Seite habe er so noch nirgendwo erlebt.

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Als „typischen Politiker“ sehe er sich nicht, aber irgendwann habe er erkannt, dass man nur etwas bewegen könne, wenn man sich auch politisch engagiere. Zunächst habe er sich nicht vorstellen können, für den OB-Posten zu kandidieren. Doch zahlreiche Leute hätten ihn angesprochen und gemeint: „Markus, das wäre doch etwas für dich“. Nach anfänglichem Zögern sei seine Entscheidung zur Kandidatur dann umso überzeugter gefallen. „Übrigens im Hohenlohischen, beim Martinsgansessen 2018 in der Wirtschaft in Spielbach“.

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Die Arbeitsbelastung im neuen Amt sei hoch, aber die Euphorie des Wahlsiegs trage ihn durch diese hohe Belastung. „Das ist positiver Stress“, so der OB. Wichtig ist ihm der morgendliche Start mit der Familie, das gemeinsame Frühstück mit Ehefrau Nadine („meine Jugendliebe“) und Töchterchen Anna. Bürostart ist meistens um 10 Uhr, „dafür bin ich jeden Tag der letzte, der das Rathaus verlässt“. Und nach dem Abendessen geht’s oft bis Mitternacht an den Schreibtisch. Denn Arbeit gibt es zuhauf, gerade jetzt in Corona-Zeiten. Die Gastronomie, die Hotellerie und der Einzelhandel leiden stark unter der Krise, viele sind vom internationalen Gast abhängig. Aber die Besucher aus Japan und Amerika sind fast vollständig weggebrochen, und das wird sich, so fürchtet der OB, auch 2021 kaum ändern, denn „die Gäste von Übersee buchen normalerweise immer sehr früh“.

„Besucher schätzen das Flair“

Die Mittel der Stadt, den Hotels und der Gastronomie zu helfen, sind begrenzt, aber die Stadt hat etwa die Vorauszahlungen des Fremdenverkehrsbeitrags verschoben und die Außenbewirtschaftung erweitert. Insgesamt sei die Zahl der Übernachtungen gesunken, es gebe kaum Bustouristen. Trotz der sehr schwierigen Zeiten versuche man, attraktiv zu bleiben. „Viele Besucher schätzen das besondere Flair der Stadt“. Die Corona-Pandemie sorgt auch dafür, dass ein seit vielen Jahren verfolgtes Anliegen weiter verschoben wird: der Bau eines Vier-Sterne-Hotels auf dem Gelände des ehemaligen Brauhauses. „Ich stehe hinter dem Modell, das der Stadtrat befürwortet hat“, betont der neue OB. Das Projekt werde weiterverfolgt, denn „uns würde ein solches Hotel gut tun“, ist Dr. Naser überzeugt.

Bisher gebe es in Rothenburg kaum Wellness-Optionen oder Tagungsmöglichkeiten im größeren Stil. Allerdings ist es seiner Einschätzung nach unwahrscheinlich, dass das Projekt angesichts der Corona-Pandemie in der bisher angedachten Größenordnung realisiert wird.

Ein Dauerthema ist zudem die Zukunft des Rothenburger Krankenhauses, das zum Verbund „ANregiomed“ gehört. Dr. Naser führt „viele Gespräche auf vielen Ebenen“, das sei sinnvoller als die öffentliche Auseinandersetzung. „Je mehr im Internet und in den Zeitungen die Existenzbedrohung herbei geredet wird, desto schwerer ist es, Ärzte und Pflegekräfte zu finden“, betont der OB. Schließlich konkurriere man mit anderen Kliniken um das Personal. „Die Stellen sind da, aber wir müssen auch die Leute dafür finden“.

Dr. Naser setzt in Sachen Klinik mehr auf stille Diplomatie und ist davon überzeugt, dass die in Ansbach sitzende AN-Regiomed-Leitung voll hinter Rothenburg stehe, und auch im Verwaltungsrat gebe es niemanden, der vorhabe, die Rothenburger Klinik zu schließen. Dr. Naser räumt ein, dass 2019 „nicht alles, was passiert ist, in Ordnung war“. Umso mehr aber zählten aber jetzt Erfolgsmeldungen. Eine solche wäre es aus seiner Sicht, wenn man schnell wieder einen Chefarzt für die Gynäkologie finden würde.

Die Themen, soviel steht fest, werden dem neuen OB in den nächsten sechs Jahren jedenfalls nicht ausgehen.

Redaktion Im Einsatz für die Lokalausgabe Bad Mergentheim