Haller Freilichtspiele - „Der Zauber von Oz“ als aufgeklärtes Theater für Kinder und Erwachsene / Begeisterter Applaus für Premierenvorstellung Einfach voranschreiten mit Kopf, Herz und Hand

Von 
Michael Weber-Schwarz
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Hinreißend: Die Globe-Truppe von „Der Zauberer von Oz“; das Stück ist noch bis Ende August zu sehen. © Ufuk Arslan

Tolles Kindertheater auch für Erwachsene: Im Haller „Neuen Globe“ feierte „Der Zauberer von Oz“ nach dem bekannten Buch von Lyman Frank Baum Premiere – unbedingt sehenswert.

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Schwäbisch Hall. Die Verfilmung „The Wizard of Oz“ aus dem Jahr 1939 mit Judy Garland (Dorothy) – in Deutschland auch als „Das zauberhafte Land“ bekannt – kennt eigentlich jeder. Das Buch wiederum (verlegt etwa bei Knesebeck Kinderbuch Klassiker) zählt bis heute zu den Geheimtipps der Vorlese-Literatur. Die Musiknummern aus dem Garland-Film, zu denen beispielsweise „Over the Rainbow“ zählt, sind oft gecoverte Ohrwürmer.

In Schwäbisch Hall kommt jetzt eine frische, absolut mitreißende Inszenierung (Eva Veiders, die auch für den Text verantwortlich zeichnet) auf die Bühne des Neuen Globe – eine ideale Spielstätte mit Amphitheater-Effekt. Man ist einfach nah dran, drüber, drin. Den „Rainbow“ gibt’s nicht, dafür Livemusik von der Gitarre und Gesang (Leitung Michael Ruchter) samt finaler Mitsing-Aufforderung.

Bei der Premiere am Samstag setzt Starkregen ein, so heftig, dass man die Schauspieler trotz Verstärkung kaum hört. Doch irgendwie passt das: Dorothys (Mona Georgia Müller) Farmhäuschen wird im Sturm weggeweht und landet im Wunderland, genau auf dem Kopf einer bösen Hexe. Und der Regen hört ebenso plötzlich wieder auf, wie er eingesetzt hat, szenisch wie bestellt jedenfalls.

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Im fantastischen Land Oz schließt Dorothy Freundschaft mit einem Löwen ohne Mut, einer Vogelscheuche ohne Verstand und einem Blechmann ohne Herz. Gemeinsam machen sie sich auf die abenteuerliche Reise zum mächtigen Zauberer von Oz.

Flackerndes Gottesauge

Soweit das Märchenhafte, das aber genial entzaubert wird, ohne dem Stück den Zauber zu nehmen: Der Allmächtige (bildhaft als flackerndes Gottesauge im Bühnenzenit) ist auch nur ein armes Würstchen, der das Volk mit technischen Spielereien bei Laune hält und den vom Himmel gestiegenen Gott nur spielt.

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Die Erlösung von ihren Nöten, die sich Dorothy, der Löwe, die Vogelscheuche und der Blechmann wünschen, wird zum Verweis auf die eigenen Fähigkeiten. „Hilf mir, es selbst zu tun“, Maria Montessori lässt grüßen.

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Dabei kommt die Inszenierung ohne religiöses (oder gezielt „märchenhaftes“, wahlweise auch theosophisches) Geschwurbel aus. Mehr noch: Sie ist im besten Sinne säkular, aufgeklärt. Der Mensch soll, muss, seine Dinge selber regeln, seine Ängste und die Umweltprobleme. Und er kann, muss, weil er für seine Dilemmata selber verantwortlich ist.

Wer’s durchaus ein wenig spirituell braucht, nunja: Nutze Kopf, Herz und Hand (das hat der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi vor christlichem Hintergrund schon vor 200 Jahren formuliert) und schreite voran, dann hilft Dir auch der Zauberer von Oz. Im Zweifelsfall ist Bildung ein probates Mittel für menschlichen Fortschritt und fürs Erwachsenwerden (die strohköpfige Vogelscheuche bekommt vom Zauberer beispielsweise ein Buch).

Liebevoll (mit Herz) ausgestattet ist die Inszenierung außerdem (Kathrin Hauer) – es fehlt dem Stück wirklich an nichts. Dafür gibt’s von den Premieren-Zuschauern begeisterten Applaus. Absolut verdient.

Redaktion Im Einsatz für die Lokalausgabe Bad Mergentheim