Paukenschlag an der Crailsheimer Musikschule - Neue Leiterin und Stadt lösen Arbeitsverhältnis einvernehmlich auf Dubioser Doktortitel wird Stolperstein

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Die Crailsheimer Musikschule hat keine Leiterin mehr. Alexandra Hänisch und die Stadt haben das Arbeitsverhältnis aufgelöst. Grund ist wohl auch ein dubioser Doktortitel.

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Crailsheim. Die Stelle der Musikschulleitung in Crailsheim muss neu ausgeschrieben werden und ist für "voraussichtlich mindestens ein halbes Jahr verwaist", teilt die Stadtverwaltung mit. In der Zwischenzeit werde die Stadt "mit dem Kollegium eine Interimslösung erarbeiten".

Alexandra Hänisch bekleidete die Stelle als Leiterin der städtischen Musikschule nicht lange. Nach Crailsheim war sie erst im Herbst 2016 als Nachfolgerin von Christina Riedesel gekommen. Jetzt heißt es in einer Mitteilung der Stadt: "Frau Hänisch und die Stadt Crailsheim haben einvernehmlich das Arbeitsverhältnis zum 31.3.2017 aufgelöst".

Über die Gründe will sich die Verwaltung nicht auslassen und macht Persönlichkeitsschutz geltend: "Weitere Angaben sind im Sinne der Bewerber nicht zulässig", heißt es auf Anfrage der örtlichen Zeitung Hohenloher Tagblatt, wobei Alexandra Hänisch in diesem Fall natürlich keine Bewerberin ist, sondern eine Mitarbeiterin war. In Pressemitteilungen hatte die Verwaltung ihre neue Musikschulleiterin zuvor als "Dr. h. c. Alexandra Hänisch" präsentiert. Zuweilen fiel das "h. c." sogar ganz weg. Die Abkürzung bedeutet "honoris causa" und bezeichnet einen Doktorgrad, der ehrenhalber, also nicht einer wissenschaftlichen Arbeit wegen, verliehen wird.

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Auch auf der Homepage der Musikschule stand Hänisch zuerst mit dem Ehrendoktor, dann nur noch mit ihrem Namen. Dass der Doktorgrad weggefallen ist, hat einen guten Grund: Sie hätte ihn überhaupt nicht führen dürfen. Denn dieser Doktorgrad wurde ausgestellt von einer "RV Church & Institute Inc." mit Sitz in Miami, USA. Das Land Baden-Württemberg erkennt diese "RV Church & Institute" aber nicht als Institution an, die Doktorgrade verleihen darf. Deshalb ist die Führung dieser Grade "ausdrücklich ausgeschlossen", heißt es im aktuellen "Merkblatt zur Führung ausländischer Grade, Titel und Bezeichnungen" des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Stuttgart.

Wer googelt, versteht auch gleich, warum: "RV Church & Institute" hatte vor einigen Jahren Doktorurkunden gegen eine Spende von rund 50 Euro verkauft, offenbar auch per Spam-Mail. Woher Hänisch ihre Urkunde hat, ist der Zeitung nicht bekannt. Doch keinesfalls hätte sie sich in ihrem Bewerbungsschreiben vom 15. April 2016 als "Dr. h. c. Alexandra Hänisch (M. A.) of RV Institute & Church, Ministry/USA" bezeichnen dürfen. Dass die Bezeichnung nicht ganz mit ihrer Doktorurkunde vom 3. März 2014 übereinstimmt, spielt da keine Rolle. Hänisch hat der Zeitung diese Unterlagen zur Verfügung gestellt, weil sie glaubte, sie habe sich nichts zuschulden kommen lassen. Sie wollte sich später nicht mehr dazu äußern.

Gemeinderat wusste Bescheid

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Aufgeflogen ist die Sache mit dem falschen Ehrendoktor beim Faktencheck nach einem Gespräch zwischen Alexandra Hänisch und einer Zeitungsmitarbeiterin vor gut drei Wochen. Damals ging es um ein Porträt, das in der Zeitung über die Musikerin veröffentlicht werden sollte und für das konkret nach dem Anlass der Ehrendoktorwürde gefragt wurde.

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Dass dieser Dr. h. c. kein akademischer Grad war, wusste der Gemeinderat. Das war auch "kein Auswahlkriterium und kein Ausschreibungsmerkmal", schreibt die Stadt in ihrer Mitteilung. Deshalb fiel wohl auch weder dem Gemeinderat noch dem Komitee, das die Vorauswahl aus 28 Bewerbern traf, auf, dass der Ehrendoktor von dubioser Herkunft ist und in Baden-Württemberg nicht geführt werden darf. Dem Komitee gehörten Mitglieder des Gemeinderats, der Stadtverwaltung und des Personalrats an.

Hätten die Gremien in Crailsheim misstrauischer sein müssen? Auch der Städtetag hilft in Sachen Personalauswahl nicht weiter. "Eine entsprechende Handreichung des Städtetags für Kommunen gibt es nicht", teilt die Pressesprecherin des Städtetags, Christiane Conzen, mit. Aber es stehen auch die Bewerber in der Pflicht: "Sie sichern mit ihrer Unterschrift auf dem Lebenslauf zu, dass ihre Angaben der Wahrheit entsprechen", so Conzen. usch