Nach der Unwetterkatastrophe - Bürgerversammlung in Braunsbach / Verwaltung und Experten berichten / Landrat würdigt Einsatzbereitschaft "Die Dörfer schöner wieder aufbauen"

Lesedauer: 

Aufräumen in Braunsbach: In zwei, drei Wochen, so der Bürgermeister, sind die gröbsten Arbeiten erledigt. Dann kann mit dem Wiederaufbau begonnen werden.

© Michael Weber-Schwarz

Braunsbach. Am frühen Mittwochabend sind viele Menschen in Braunsbach unterwegs in Richtung Kulturinsel. Die Theaterscheune ist bestuhlt für 200 Zuhörer, doch das wird nicht reichen. Einige bleiben vor dem Scheunentor stehen. Am Ende werden es rund 300 Braunsbacher sein, die der Einladung der Gemeindeverwaltung gefolgt sind, sich bei einer Bürgerversammlung über den Stand der Dinge rund zweieinhalb Wochen nach dem verheerenden Unwetter informieren zu lassen. Bürgermeister Frank Harsch steht neben dem Rednerpult und unterhält sich mit Landrat Gerhard Bauer. "Heute habe ich das erste Mal wieder Turnschuhe an", sagt Harsch. Dann eröffnet er die Versammlung.

AdUnit urban-intext1

Seit den Ereignissen in der Nacht des 29. Mai sei man im "Katastrophenmodus". "Schäden gibt es in nahezu allen Teilorten und Weilern unserer Gemeinde", so Harsch. Laut Definition handele es sich bei dem Unwetter nicht um eine Katastrophe, sondern um ein Großschadensereignis. Daher unterliege das gesamte Management der Gemeinde Braunsbach. "Viel Schlaf haben die Mitarbeiter der Verwaltung in den vergangenen Wochen nicht bekommen", so Harsch. Er geht kurz auf die unterschiedlichen Möglichkeiten für Soforthilfen ein, über die man sich auch auf der Homepage der Gemeinde informieren kann. "Wir wollen nicht, das irgendjemand finanzielle Schwierigkeiten bekommt", so Harsch. "Kommen Sie ins Rathaus oder rufen Sie uns an!" Dafür erntet Harsch Applaus.

Danach spricht Landrat Bauer. Er drückt sein Mitgefühl mit den besonders schwer Betroffenen aus: "Wir lassen Sie nicht allein." Fest stehe, dass Braunsbach für die Zukunft Hilfe vom Land Baden-Württemberg benötigt. Man stehe deshalb im ständigen Gespräch mit dem Innenministerium wegen erster finanzieller Hilfen für die bislang angefallenen Kosten der Schadensbeseitigung.

Unglaubliches geleistet

"Ich richte nochmals die nachdrückliche Bitte an das Land, jetzt schnell unbürokratische Hilfe für Braunsbach zu leisten und sämtliche Kosten für die entstandenen Schäden an der Infrastruktur der Gemeinde zu übernehmen", so Bauer. Braunsbach zähle zu den angriffsschwächsten Gemeinden des Landkreises und könne die notwendigen Sanierungen unmöglich aus eigener Kraft leisten. Er habe aber schon "positive Signale" aus der Landesregierung erhalten, dass man Braunsbach als Sonderfall behandeln will.

AdUnit urban-intext2

"In den vergangenen Wochen ist hier unglaublich viel geleistet worden", so Bauer. "Unsere Gesellschaft hält zusammen, wenn es drauf ankommt." Besonders drückte er seinen Respekt für die Bürger Braunsbachs aus: "Sie haben nicht den Kopf verloren. Ich bin beeindruckt, wie Sie sich dieser Katastrophe gestellt haben."

Martin Ziegler von der Baufirma Leonhard Weiss aus Satteldorf ist an der Reihe. Er berichtet von den Aufräumarbeiten. Man habe direkt am Montag nach dem Unwetter angefangen, zeitweise seien neun Bagger -darunter ein sogenannter Saugbagger, mit dem Kanäle freigepumpt werden können - und bis zu 15 Lkw im Einsatz gewesen. "Wir konnten nicht jeden gleich bedienen", sagt Ziegler. Mittlerweile sei man aber einen Riesenschritt weiter. "Wir wollen alles so gut wie möglich machen." Die Abstimmung mit der Einsatzleitung klappe bestens. "Ein großer Dank an die Freiwilligen, die die Verpflegung organisieren. Die ist hervorragend", so Ziegler. Außerdem lobt er seine Leute, die oftmals "einfach eine Stunde draufgelegt haben". Er geht davon aus, dass man noch mindestens weitere zwei bis drei Wochen vor Ort sein werde.

AdUnit urban-intext3

Sein Kollege Hermann Fischer von Fischer Bau und Technik aus Enslingen berichtet von der Unwetternacht. Über Enslingen und Geislingen habe er sich bis Braunsbach durchgekämpft. Unterwegs mussten schon zahlreiche Hindernisse wie die ganzen Baumstämme an der Grimmbachbrücke weggeräumt werden. "Nach zehn Stunden Arbeit in Braunsbach selber mussten wir dann feststellen, dass das alles nicht so schnell geht", erinnert er sich.

AdUnit urban-intext4

"So ein extremes Niederschlagsereignis ist höchst selten", sagt im Anschluss der Ellwanger Geologe Gregor Zeiser. Bei der Katastrophe in Braunsbach habe es sich um ein Zusammenwirken verschiedener Faktoren gehandelt. "Fast in jedem Bach rund um Braunsbach hat es Abrutschungen und Stauungen gegeben", so Zeiser. Als Sofortmaßnahmen zum Schutz der Gemeinde habe man eine Abflachung im mittleren Bereich des Orlacher Bachs gebaut und Geröllfänge installiert. Ein digitales Warnsystem messe die Wasserhöhe. "Wenn es Einstauungen gibt, werden Bauhof und Rettungsleitstelle alarmiert", so der Geologe.

Bachbett kaum her zu finden

Dann sind die Braunsbacher am Zug. Bürgermeister Harsch bittet um Fragen. "Der Orlacher Bach muss doch noch mindestens 1,5 Meter tiefer liegen", sagt ein Anwohner der Orlacher Straße. "Wir müssen da dranbleiben", sagt Martin Ziegler von Weiss. Es sei nicht einfach, das Bachbett zu finden. "Müssen noch weitere Häuser abgerissen werden, die das Ortsbild prägen?", will eine junge Frau wissen. "Zwei Scheunen müssen noch weg", antwortet Bürgermeister Harsch, Weiteres sei ihm nicht bekannt. Wie es weitergeht, will der nächste Frager wissen. "Es wird noch zwei bis drei Wochen dauern, bis wir alles abgearbeitet haben", so Harsch. Dann beginne der Wiederaufbau. Wie lange es noch dauern wird, bis man über die Landesstraße wieder nach Orlach fahren kann, lautet die nächste Frage. "Wir hoffen, bis in 14 Tagen eine provisorische Asphaltschicht auf der Orlacher Straße aufzubringen", sagt Martin Ziegler. "Ob die Straße dann aufgemacht wird, kann ich nicht beantworten." Die letzte Frage dreht sich um den Sportplatz, bei dem es auch zu Hangrutschungen gekommen ist. "Darüber werden wir schnell im Gemeinderat entscheiden", verspricht der Bürgermeister.

Bei der Bewältigung anderer Katastrophen in den vergangenen Jahren sei viel schiefgegangen, sagt Harsch zum Abschluss. In Braunsbach klappe die Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten aber gut. Jeder Einzelne habe dazu beigetragen, dass man schon sehr weit vorangekommen sei. Dann sagt er: "Wir werden unsere Dörfer wieder aufbauen. Schöner als zuvor". Die Braunsbacher applaudieren. noa