Im FN-Gespräch - Abgeordneter Georg Nelius zieht nach knapp 14 Jahren Bilanz seiner Arbeit im Landtag / Politik wird wieder zum Hobby Ziele sachlich, aber mit Empathie verfolgt

Nach der dritten Wahlperiode ist Schluss: Georg Nelius tritt nicht mehr an. Knapp 14 Jahre saß der Sozialdemokrat für den Neckar-Odenwald-Kreis im Landtag in Stuttgart.

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Sabine Braun
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Neckar-Odenwald-Kreis. Der Mosbacher Realschullehrer Georg Nelius zog am 18. Mai 2007 für die SPD und den Neckar-Odenwald-Kreis in den Landtag ein. Seiner Schule blieb er danach noch sechs Jahre mit einem kleinen Deputat treu, bis er 2013 Vollzeitabgeordneter wurde. Zweimal bestätigten die Wähler ihn als Abgeordneten. Letztes Jahr gab Georg Nelius bekannt, bei der Landtagswahl im März nicht mehr antreten zu wollen. Die FN sprachen mit ihm über die Gründe und über seine Arbeit im Landtag.

Für die Verbesserung des Radwegenetzes machte sich Georg Nelius immer stark. Ab Mai hat er für sein Hobby Radfahren mehr Zeit: Der Landtagsabgeordnete tritt nach 14 Jahren im Parlament bei den Wahlen im März nicht mehr an. © Sabine Braun, Sabine Braun
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Herr Nelius, im Mai haben Sie bekanntgegeben, dass Sie nicht mehr kandidieren. Warum?

Von der Realschule in den baden-württembergischen Landtag

Georg Nelius ist seit 1970 Mitglied der SPD. Er vertritt die Partei im Mosbacher Stadtrat seit 1984 und steht seiner Fraktion im Gemeinderat seit 1992 vor – bis heute.

Im Jahr 1999 wurde der Sozialdemokrat erstmals in den Kreistag gewählt und wurde seitdem bei jeder Wahl als Kreisrat bestätigt.

Von 1999 bis 2004 war Nelius Mitglied der Verbandsversammlung des Regionalverbands Unterer Neckar, ehrenamtlicher Vertreter des Landrats und des Oberbürgermeisters von Mosbach.

Am 18. Mai 2007 rückte Georg Nelius, damals Ersatzbewerber, für den plötzlich verstorbenen SPD-Abgeordneten des Neckar-Odenwald-Kreises, den Walldürner Karl-Heinz Joseph, in den Landtag nach. Zweimal wurde er über die Landesliste als Abgeordneter des Wahlkreises 38 (Neckar-Odenwald) bestätigt. Die dritte und letzte Amtsperiode des Sozialdemokraten endet im April.

Geboren wurde Georg Nelius am 28. Juli 1949 in Mosbach; er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.

Dem Realschulabschluss folgte 1966 eine Ausbildung und Tätigkeit im Landesjustizdienst.

Von 1970 bis 1973 besuchte Nelius das Wirtschaftsgymnasium in Mosbach, dem folgten 1973 bis 1977 das Studium an der PH Heidelberg (Deutsch und Geschichte) und das Referendariat an der Realschule in Walldorf. Dort war der Mosbacher bis 1983 Lehrer.

Es folgten einige Jahre an der Realschule in Walldürn (1983 bis 1989). Von 1989 bis 2013 unterrichtete Nelius an der Pestalozzi-Realschule in Mosbach, bis er den Beruf zugunsten des Mandats ruhen ließ.

Nelius war 15 Jahre lang Kirchengemeinderat, ist seit 1976 Mitglied der Gewerkschaft „Erziehung und Wissenschaft“ und in vielen Vereinen engagiert, darunter der FV 1919 Mosbach, die AWO und der Verein KZ-Gedenkstätte Neckarelz. sab

Georg Nelius: Da ist einmal das Alter. Mit 71 fühle ich mich zwar fit, aber man hat schon den einen oder anderen Einschlag erlebt. Wäre ich jetzt noch einmal angetreten, säße ich mit 77 noch im Landtag. Das möchte ich nicht. Und nach der Hälfte der Amtsperiode zurücktreten, das war für mich auch keine Option. Ich möchte zudem einfach mehr Zeit für mich und meine Familie haben. Da wurde in den letzten 14 Jahren doch einiges aufgeschoben.

Wie kann man sich die Arbeit eines Abgeordneten in Corona-Zeiten vorstellen? Wie viel Präsenzarbeit in Stuttgart war möglich?

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Nelius: Digitales Tagen wie beim Kreistag oder den Gemeinderäten – das ist durch eine Änderung der jeweiligen Hauptsatzung ja möglich, nachdem der Landtag die Gemeindeordnung geändert hat – geht beim Landtag selbst nicht. Die Abgeordneten müssen körperlich anwesend sein. Absichern kann man sich durch Schnelltests. Keine Landtagssitzung ist bisher ausgefallen. Das gilt auch für die Sitzungen der Ausschüsse, Arbeitskreise und der Fraktionen. Da sind allerdings digitale Tagungen möglich. So vermindert man natürlich das Corona-Risiko, denn man „spart“ sich die Fahrten im öffentlichen Nahverkehr und die Übernachtungen. Im Wahlkreis gab es zuletzt kaum noch öffentliche Termine.

Wie oft werden Sie in den nächsten Monaten noch in Stuttgart präsent sein?

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Nelius: Regulär wären die letzten Sitzungen im Februar. Aber der Landtag wird bis Ende April sicher noch mehrmals zusammentreten müssen, weil eine Vielzahl von gesetzlichen Maßnahmen noch in der Amtsperiode zu Ende gebracht werden muss. Zumal im Rahmen der Corona-Krise gesetzliche Bestimmungen auf den Weg zu bringen sind. Das geht auf die Dauer nicht über Verordnungen. Die Debatte über die mangelnde parlamentarische Beteiligung ist ja bekannt.

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Sie sind auch Betreuungsabgeordneter für den Main-Tauber-Kreis. Wie sieht das aus?

Nelius: Ich bin für die Bürger ansprechbar und halte Kontakte auf Parteiebene. Wichtige Termine nehme ich ebenfalls wahr, allerdings in überschaubarem Rahmen, weil es zeitlich gar nicht anders möglich ist. Aber zum Beispiel der Oberbürgermeister von Bad Mergentheim weiß, wo ich bin, wenn es um die Gartenschau geht, oder um die Duale Hochschule. Oder wenn über die Zukunft der Bäcker- und Metzgerausbildung diskutiert wird.

Der Landtag war ja eigentlich nicht Ihr berufliches Ziel …

Nelius: So ist es. Ich rückte 2007 für den plötzlich verstorbenen Karl-Heinz Joseph nach. Ich weiß das noch wie heute: Herbert Kilian rief mich an, ich war gerade mit einer Schulklasse in Berlin. Ich hatte nie geplant, Abgeordneter zu werden. Und ich hätte nie gedacht, dass ich es so lange bleibe. Ich war sehr zufrieden mit meinem Beruf als Lehrer, war aber auch schon früh kommunalpolitisch aktiv. Das war eine gute Kombination, da hat mir nichts gefehlt.

Trotzdem sind Sie 14 Jahre Abgeordneter geblieben.

Nelius: Ich habe mich im Abgeordnetenamt sehr wohl gefühlt. Diese Arbeit ist sehr sinnvoll. Natürlich kann man als Einzelner nicht oft sagen „Das habe ich durchgesetzt, das ist mein Erfolg“. Man erreicht die Ziele als Fraktion oder im Kompromiss. Das ist unheimlich viel Kleinarbeit. Sehr oft wenden sich die Bürger an mich, suchen Unterstützung bei Problemen mit der Verwaltung zum Beispiel in Bausachen. „Könnten Sie mal…“, heißt es dann. Ich war ja auch im Petitionsausschuss, auch dort werden nicht nur große, sondern auch viele „kleinere“ Anliegen behandelt, meist im Sozialen, die aber für den Betroffenen sehr wichtig sind.

Was würden Sie als einen Ihrer Erfolge bezeichnen?

Nelius: Ein solcher Erfolg war der Erweiterungsbau der Dualen Hochschule in Mosbach (DHBW). Ich habe mitgewirkt, dass die Mittel dafür endlich freigegeben wurden. Die Einrichtung des Studiengangs „Öffentliches Bauen“ an der DHBW hat die SPD-Fraktion erreicht. Weiter wurden Straßenbau- und Radwegprojekte realisiert. Auch die Ermöglichung von G 9 an ausgewählten Gymnasien war eine Forderung, welche die SPD durchsetzen konnte. Das waren richtig gute Momente.

Und was war ein schlechter Moment?

Nelius: Als wir die Maßnahmen wegen der Corona-Pandemie treffen mussten.

Würden Sie manches im Nachhinein anders entscheiden? Zum Beispiel bei Stuttgart 21? Oder die Polizeireform?

Nelius: Die Polizeireform war gut, wenn auch umstritten. Wir haben die Schlagkraft der Polizei erhöht. Bei Stuttgart 21 würde ich bei gleicher Datenlage wieder so entscheiden, auch wenn ich über die Entwicklung nicht glücklich bin. Dass die Kostenbeteiligung des Landes bei 900 Millionen Euro gedeckelt wurde, war gut so. Die Kostensteigerungen treffen nicht das Land.

Konnten Sie insgesamt umsetzen, was Sie sich beim Amtsantritt vorgestellt hatten?

Nelius: Mein Interesse und Ziel war es, unseren ländlichen Raum zu vertreten. Er hat andere Strukturen als die städtischen Gebiete. Und deren Vertreter sind auch in unserer Fraktion in der Mehrheit. Da müssen oft dicke Bretter gebohrt werden. Zum Beispiel wenn es um die Schließung „kleiner“ Krankenhäuser geht. Da muss ich dann verdeutlichen, dass die NOK-Kliniken mit fast 400 Betten kein kleines Haus sind. Ich habe mir den Ruf erarbeitet, meine Meinung mit Nachdruck zu vertreten.

Dabei sind Sie wahrscheinlich ein hartnäckiger, aber eher ruhiger Gesprächspartner?

Nelius: (lacht) Sie würden sich wundern. Ich kann auch laut werden!

Was prägt Sie im Leben und in der Politik?

Nelius: Ich sehe mich nicht nur als Parteimenschen und werde sicher auch so nicht gesehen. Dennoch: Für mich sind die sozialdemokratischen Grundwerte prägend, also Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität mit den Schwachen und Benachteiligten. Das ist mir sehr wichtig. Christliche Grundwerte haben in meiner politischen Arbeit ebenfalls immer eine große Rolle gespielt. Ich habe versucht, diese Werte in meiner Arbeit umzusetzen. Mein Grundsatz ist: Man muss die Leute, mit denen man sich umgibt, mögen. Die Grundhaltung muss positiv sein. Wenn ich helfen kann, dann helfe ich. Oder ich bemühe mich darum.

Wie würden Sie Ihren Politikstil charakterisieren?

Nelius: Sachliche Grundlagen herstellen und dann mit großer Empathie versuchen, mein Ziel durchzusetzen. Ich habe mit 57 Jahren als Abgeordneter angefangen, ich musste mir nichts vormachen lassen. Ich musste mich nicht verbiegen, um etwas zu werden.

Ändert sich das Klima im Landtag gerade? Durch AfD, Querdenker oder Fake News?

Nelius: Tatsächlich hat sich der Politikstil mit dem Einzug der AfD geändert. In den Plenumssitzungen wird Propaganda gemacht. Eine positive Erfahrung ist für mich, dass die demokratischen Parteien zusammengerückt sind. Man wendet sich gemeinsam gegen Nationalismus und antidemokratische Strömungen.

Was wünschen Sie sich für die SPD bei der Wahl im März?

Nelius: Ich will unserer Kandidatin Dr. Dorothee Schlegel nicht vorgreifen. Aber ich wünsche mir, dass meine Partei, die in ihrer ganzen Geschichte Werte wie Frieden, Gewaltfreiheit und Solidarität in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellte, wieder Fuß fasst. Und ich hoffe, dass die SPD nicht schlechter abschneidet als beim letzten Mal.

Warum sollte man im März SPD wählen?

Nelius: Die SPD hat in den letzten Jahren gute Politik gemacht. Bildung, Kinderbetreuung, Soziales, Arbeitnehmerrechte – diese Themen vertritt die SPD am besten. Außerdem ist es wichtig, dass der Neckar-Odenwald-Kreis neben dem erwartbar direkt gewählten CDU-Abgeordneten einen weiteren Vertreter im Landtag hat. Das stärkt das Gewicht des Landkreises. Einer ist nicht so effektiv wie zwei. Und als Oppositionsabgeordneter kann ich Druck ausüben auf den direkt Gewählten, auch wenn er Minister ist.

Was haben Sie sich für die Zeit nach der Politik vorgenommen?

Nelius: Ich will keine Weltreise antreten oder ähnliches. Nein, ich möchte einfach mehr Zeit für meine eigenen Interessen haben. Mehr Zeit für die Familie, besonders die Enkeltöchter und für meine Freunde haben. Natürlich bleibe ich der Kommunalpolitik treu, als Kreisrat und als Mosbacher Gemeinderat, solange ich gesund und munter bleibe. Die Politik ist das Hobby, das ich mir zum Beruf gemacht habe. Jetzt wird die Politik wieder zum Hobby.

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