Borkenkäfer - Im Neckar-Odenwald-Kreis rechnen die Verantwortlichen mit 100 bis 120 Hektar an Kahlflächen / Bad Mergentheim einer der „Hotspots“ im Main-Tauber-Kreis „Wir rechnen mit dem Schlimmsten“

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Marcel Sowa
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Die Borkenkäfer sind nur wenige Millimeter groß, doch sie fressen sich durch das Fichtenholz und gefährden damit ganze Wälder. © Daniel Karmann/dpa

Die Förster in der Region erwarten eine regelrechte Borkenkäferplage. Der Winter, „Sabine“ und der ausbleibende Regen sorgen für beste Bedingungen für die Insekten, die jetzt ausschwärmen.

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Für die Fichtenwaldbewirtschaftung gelten drei Borkenkäfer als relevant: Der forstliche wichtigste und gefährlichste Schadorganismus ist der Buchdrucker, der den Stammbereich in mittelalten bis alten Fichtenbeständen (ab 50 Jahren) befällt. Dünnborkige Stammteile im Kronenbereich älterer Fichten sowie Jungpflanzen visiert der Kupferstecher an. Bruttaugliches Material können bereits Äste und Kronenmaterial ab drei Zentimeter Durchmesser sein. Der Gestreifte Nutzholzborkenkäfer stellt eher keine Gefahr für die Wälder dar. Er befällt eingeschlagenes Nadelholz sowie absterbende Bäume, frische Stöcke, Abbrüche und Resthölzer. Damit entwertet er jedoch das Holz.

Indem sich die Käfer durch die Baumrinde bohren, dort Fraßgänge anlegen und Larven ablegen, zerstören sie wichtiges Gewebe. Die Bäume trocknen aus und sterben.

Hochsaison haben die Tiere von April bis September. Bei Temperaturen ab 16,5 Grad und trockener Witterung schwärmen Buchdrucker und Kupferstecher aus.

Je nach Witterung dauert der Zyklus einer Borkenkäfergeneration zwischen sieben bis zehn Wochen. Pro Jahr sind mittlerweile vier Generationen möglich.

Aus der Brut einer Weibchens können bis zu über 100 000 Nachkommen entstehen. Aufgrund dieses hohen Vermehrungspotenziales kann das Übersehen eines einzigen Käferbaumes zu 8000 weiteren befallen Bäumen führen. ms

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Odenwald-Tauber. Sorgenfalten dürften derzeit eines der größten Markenzeichen der Forstrevierleiter in der Region sein. Dafür verantwortlich: der ausbleibende Regen, das durch „Sabine“ verursachte Sturmholz und die nur millimetergroßen Insekten, welche die Förster schon in den vergangenen Jahren auf Trab gehalten haben. Und es in diesem Jahr vermutlich noch stärker tun werden: Den milden Winter hat ein Großteil der Borkenkäferpopulation unbeschadet überstanden. Daher erwarten die Förster in den nächsten Wochen und Monaten eine richtige Plage. „Die Lage könnte nicht schlimmer sein“, verdeutlicht es Jörg Puchta. Der Forstbetriebsleiter des Neckar-Odenwald-Kreises weiß um die drohenden Probleme in den Wäldern, die eh schon angeschlagen sind.

Verteiltes Sturmholz

Nachdem „Sabine“ Anfang Februar über Europa hinwegfegte, fiel in den Wäldern jede Menge Sturmholz an. Im Neckar-Odenwald-Kreis wurden seitdem etwa 14 000 Festmeter aufgearbeitet. Doch noch immer liegen etwa 9500 Festmeter Sturmholz in den Wäldern. Das große Problem laut Puchta: „Die kaputten Bäume liegen an vereinzelten Stellen und es gibt keine flächendeckenden Schäden.“ Umso schwerer ist es also, das Sturmholz zu finden und aufzuarbeiten.

Das ruft jedoch die Schädlinge auf den Plan, die sich gerne in dem kaputten Holz einnisten und brüten. Die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) geht in ihrem Borkenkäfer-Monitoring davon aus, dass die derzeit warmen Temperaturen den Schwarmbeginn der Tiere auslösen. Die weiterhin hohen Populationsdichten der Borkenkäfer verbunden mit den im Februar entstandenen Sturmschäden ergeben eine besondere Gefährdungslage hinsichtlich Buchdrucker- und Kupferstecherbefall im Frühjahr und Sommer, so die FVA.

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Die Anstalt rät beispielsweise, Sturmschäden nach Prioritäten aufzuarbeiten: tiefere Lagen vor höheren Lagen, süd- vor nordexponiert, Fichte vor Tanne, anschließend andere Nadel- und Laubhölzer, Einzelwürfe und -brüche sowie kleinere Schadflächen vor großen Schadflächen.

Zudem sollten Bäume mit starken Durchmesser (größer als 20 Zentimeter) eher beseitigt werden. Befallenes Sturmholz sollte nach FVA-Angaben je nach Höhenlage und Exposition spätestens bis Ende Mai (Tieflagen) beziehungsweise Mitte Juni (mittlere und höhere Lagen) unschädlich gemacht werden, da es sonst zum Ausflug der nächsten Borkenkäfer-Generation kommt.

An der Kreisgrenze

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Im Main-Tauber-Kreis gibt es zwar weniger Fichten als im Nachbarkreis, aber wie Karlheinz Mechler berichtet, gibt es auch hier Probleme mit den Borkenkäfern. „Vor allem südlich und nördlich von Bad Mergentheim haben wir Käferschaden verzeichnet“, benennt der Kreisforstamtsleiter einen der „Hotspots“. Betroffen seien außerdem die Gebiete an den Kreisgrenzen zwischen Wertheim und Hardheim sowie Ahorn und Ravenstein.

Schwierigkeiten im Privatwald

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Problematisch seien vor allem die Privatwälder. „Häufig merken die Besitzer nicht gleich, dass sich in ihrem Gebiet Sturm- oder Käferholz befindet. Wir weisen natürlich daraufhin, aufmerksam zu sein und falls nötig die Schäden zu beseitigen“, so Mechler. Jeder Waldbesitzer sei dazu verpflichtet, Sturm- oder Käferholz aufzuarbeiten. „Aber wenn sich jemand querstellt, kann die ganze Klageprozedur so lange dauern, dass es de facto nichts mehr bringt.“

Für den Neckar-Odenwald-Kreis befürchtet der zuständige Forstbetriebsleiter Jörg Puchta, dass viele Fichten von den Borkenkäfern befallen werden. „Durch den milden Winter sind vielleicht nur zehn bis 15 Prozent der Tiere gestorben. Dagegen sind wir machtlos“, verdeutlicht er den Ernst der Lage.

Es gehe „eine tierische Angst“ unter den Revierleitern und Waldbesitzern um. Konservative Rechnungen unter seinen Kollegen gehen davon aus, dass etwa 45 000 bis 50 000 Festmeter Käferholz anfallen werden. „Das ist natürlich auch ein Blick in die Glaskugel, aber wir befürchten das Schlimmste“, so Puchta. Er selbst rechne mit insgesamt circa 100 bis 120 Hektar an Kahlflächen im Landkreis. Zum Vergleich: Vatikanstadt, der kleinste Staat der Welt, ist 44 Hektar groß.

„Ausbreitung nicht verhinderbar“

Der ein oder andere Förster sieht in dem Sturmholz auch eine Chance: Wenn der Buchdrucker vermehrt im Sturmholz brütet und die nächste Generation anlegt, könnte mit einer rechtzeitigen Aufarbeitung des Sturmholzes eine Ausbreitung noch verhindert werden. Puchta glaubt jedoch nicht daran: „Wenn wir rechtzeitig das Sturmholz entfernen, können wir die Käferbestände dezimieren, aber eine Ausbreitung ist nicht mehr zu verhindern.“

Zusätzlich zur Borkenkäfer-Problematik machen die aktuelle Trockenheit und natürlich die Folgen der vergangenen Sommer den Bäumen zu schaffen. In vielen Wäldern wurde die Frühjahrspflanzung zur Wiederaufforstung vorgenommen. Doch war es bis Mitte März noch einigermaßen feucht, hat es seitdem kaum noch geregnet.

Baumgießen in Igersheim

Das machte besondere Maßnahmen notwendig, die man so eher aus dem eigenen Garten kennt: In Igersheim mussten laut Kreisforstamtsleiter Karlheinz Mechler die Verantwortlichen die neugepflanzten Jungbäume gießen, damit diese nicht gleich vertrocknen. Ein Schritt, der nun vielleicht sogar häufiger zum Einsatz kommt. Die Sorgenfalten der Revierleiter werden jedenfalls nicht weniger.

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