Fahrradgeschäfte - Große Nachfrage sorgt für Wartezeiten bei aufwendigen Reparaturen und enorme Belastungen bei den Mitarbeitern Wer sein Rad liebt, der wartet

Von 
Marcel Sowa
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Auch Familien griffen in den vergangenen Wochen immer häufiger auf Fahrräder zurück, um Ausflüge in die Natur zu unternehmen und der Langeweile daheim zu entkommen. © Frank Rumpenhorst/dpa

Fahrradgeschäfte gehören eigentlich zu den Gewinnern der Corona-Krise. Die Nachfrage ist jedoch so groß, dass die Mitarbeiter und Mechaniker am Limit arbeiten – und teilweise darüber hinaus.

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Neckar-Odenwald-Kreis. Während sich manche Branchen über jeden Euro freuen müssen, den sie derzeit einnehmen, erleben andere eine wahre Umsatzexplosion. In der Corona-Krise radeln immer mehr Menschen durch die Natur. Auf manchen Feld- und Radwegen herrscht scheinbar mehr Verkehr als auf einer Bundesstraße. Zwangsläufig ein positiver Effekt für die Fahrradgeschäfte der Region, die jedoch mit der enormen Belastung zu kämpfen haben – und manchmal auch mit ungeduldigen Kunden.

Täglich 30 bis 40 Anfragen

„Uns wurde die Bude eingerannt. Damit haben wir nicht gerechnet“, berichtet etwa Manuel Bühler, Inhaber des Bike House Bühler in Mosbach. Bis August kann er in seiner Werkstatt keine neuen Termine für größere Reparaturen vergeben – es gilt ein Aufnahmestopp. Täglich müssen seine Mitarbeiter 30 bis 40 Anfragen bearbeiten. Zum Stress kommt auch noch das ungeduldige Verhalten mancher Kunden, die meckern, weil sie nicht schnell genug beraten werden. „Wir können nicht mehr, es geht nicht mehr“, macht Bühler klar.

Die Nachbestellungen seien ein weiteres, kritisches Thema: Da die Produktion bei den Zulieferern stillstand, rechnet der Inhaber des Bike House nicht damit, dass er schnell genug neue Teile bekommt. „Ich muss meinen Kunden mittlerweile schon sagen: Was ihr jetzt noch im Laden findet, könnt ihr haben, Nachschub kommt erst 2021 wieder.“ Normalerweise reicht das Lager bis Ende September, doch: „Die ganzen Teile sind jetzt schon alle weg“, erzählt Bühler.

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Die Fahrradgeschäfte durften im Zuge der Lockerungen ab dem 20. April wieder öffnen. Unabhängig von anderen Läden spielte bei ihnen die maximale Verkaufsfläche von 800 Quadratmetern keine Rolle. Viele Menschen nutzten die Chance und suchten auf der Flucht vor dem „Lagerkoller“ Zuhause den Weg ins Freie. So wurden alte Fahrräder aus dem Keller herausgekramt oder gleich komplett neu gekauft.

„Der Trend wird dahin gehen, im Odenwald zu wandern oder mit dem Fahrrad unterwegs zu sein“, ist sich Marco Dosch sicher. Ihm gehört das Geschäft 2-Rad-Dosch in Buchen. Wie viele seiner Kollegen verzeichnete auch er einen Anstieg an Kunden. „Wir haben beispielsweise die Service-Reparatur für Kinder vorgezogen, um den Kleinen entgegenzukommen. Es war schon mehr los, aber insgesamt hat es unsere Branche nicht so schlimm getroffen wie andere“, findet er.

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Auch bei Zweirad Kreis in Walldürn mussten die Angestellten Schwerstarbeit leisten. Es sei wesentlich mehr los gewesen als sonst, teilt das Geschäft auf Anfrage mit. Nach der Öffnung habe ein regelrechter Ansturm geherrscht. Die Mitarbeiter würden viele Überstunden aufbauen. Zusätzliche Unterstützung käme aus dem Freundeskreis und durch Aushilfen. Denn „es gibt auch viel drumherum zu erledigen: Ersatzteile bestellen, Pakete annehmen, Waren einräumen und vieles mehr.“

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Oft haben die Angestellten einen Spagat zu bewältigen: Einerseits müssen zeitintensive Beratungen durchgeführt werden, anderseits will man möglichst schnell alle Kunden zeitgleich betreuen. Diese werden zum Teil ungeduldig, wenn sie warten müssen – keine leichte Situation. „Wir haben alles abgewägt, werden aber weiterhin die Beratungen anbieten, um über die Runden zu kommen. Auch der Ersatzteilverkauf läuft gut“, so die Verantwortlichen des Fahrradladens.

Kleinere Schäden wie platte Reifen versuche man schnellstmöglich zu beheben, doch größere Reparaturen würden derzeit zwei bis drei Wochen dauern. Vor allem ältere Menschen würden auf das Zweirad umsteigen, weil es von der körperlichen Verfassung her nicht mehr zum Wandern reiche. Dementsprechend sind auch E-Bikes gefragt. „Auch Familien kamen zuletzt immer häufiger, etwa um mit den Kindern in die Natur zu fahren und zu picknicken.“

Dass dieser positive Trend anhält, hofft auch Andreas Größler vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). Der Sprecher des Kreisverbandes mit Sitz in Mosbach bemerkt, „dass deutlich mehr Fahrrad gefahren wird. Die Leute kommen auf den Geschmack, das bleibt hoffentlich so“. Größler drängt darauf, dass der Landkreis nun die Chance nutzen muss, nachhaltig für Radtourismus zu werben und sich dafür einzusetzen. „Die Menschen müssen motiviert werden, weiterhin auf das Rad zu setzen“, fordert er.

Dass sich die Fahrradbranche derzeit nicht beklagen darf, weiß auch Manuel Bühler. „Wir machen momentan 50 Prozent mehr Umsätze als im gleichen Zeitraum im Vorjahr.“ Der Inhaber des Mosbacher Bike House befürwortet es, dass vor allem im privaten Bereich immer häufiger Reparaturen angeboten werden. Dies entlaste zwar die Geschäfte, aber die Radler müssten auch aufpassen, nicht über den Tisch gezogen zu werden.

Bühler befürchtet jedoch: „Im Vergleich zu anderen Branchen stehen wir gut da. Das Problem ist: Die Umsätze sind geballt auf die aktuelle Phase. Im August haben wir dann ein riesiges Problem, weil die Nachfrage nicht mehr vorhanden ist und die Einnahmen einbrechen.“

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