Strittiges Thema - Nicht nur in der Buchener Christuskirche wird zwischen 22 und 6 Uhr der Uhrenschlag deaktiviert / Balbach: „Verbot von Läuten ginge zu weit“ Wenn nachts die Glocken verstummen

Die Glocken der Buchener Christuskirche müssen zwischen 22 und 6 Uhr verstummen. Anwohner hatten sich über den Lärm des viertelstündlichen Schlags beschwert. Ein Einzelfall?

Von 
Marcel Sowa
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Die Bewohner fühlten sich vom nächtlichen Stunden- und Viertelstundenschlag gestört. Eine Messung gab ihnen recht, seitdem verstummen die Glocken. © Marcel Sowa

Odenwald-Tauber. Normalerweise lässt einen der viertelstündliche Schlag aus dem Kirchturm erahnen, wie viel Uhr es ist. Seit 1955 war das auch bei der Christuskirche in Buchen der Fall – bis zu diesem Montag. Die Glocken verstummen seitdem von 22 bis 6 Uhr, weil sich Anwohner über den Lärm des Glockenschlags beschwert haben. „Das war schon merkwürdig, als am Montagabend nichts zu hören war“, berichtet Jens Schwingel.

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Laut dem Vorsitzenden des evangelischen Kirchengemeinderates gab es Gespräche mit den Betroffenen, doch diese führten zu nichts. „Das Thema beschäftigt uns schon seit Monaten. Wir haben alles versucht und unter anderem in einem Gutachten die Frage klären lassen, ob das Schlagen tatsächlich zu laut ist“, erzählt Schwingel. Eine erste Messung des dafür zuständigen Landratsamtes des Neckar-Odenwald-Kreises gab den Anwohnern recht: Das nächtliche Schlagen liegt über den Grenzwerten der Technischen Anleitung zum Schutz gegen Lärm (TA Lärm).

„Schweren Herzens“

„Der Kirchengemeinderat der Evangelischen Kirchengemeinde Buchen hat daraufhin schweren Herzens beschlossen, den Uhrschlag zwischen 22 und 6 Uhr in der Nacht abzuschalten. Das liturgische Glockenläuten zu Gottesdiensten, Trauerfällen und anderen Anlässen findet weiterhin wie gewohnt statt“, hieß es am Anfang der Woche in einer kleinen Mitteilung. Der Konflikt zwischen den Anwohnern und der Christuskirche ist kein Einzelfall, der sich nur auf Buchen beschränkt, wie Schwingel betont. „Mittlerweile ist das ein Trend.“

Immer wieder kommt es vor, dass der Stunden- und Viertelstundenschlag abgeschaltet wird – meistens im Zusammenhang mit Beschwerden von Anwohnern. Im katholischen Münster St. Johannes Baptist in Bad Mergentheim etwa ist dieser schon seit Jahren zwischen 22 und 6 Uhr ausgeschaltet „Damals brachte eine neue Uhr diese Programmierung der Pause mit, welche beibehalten wurde“, berichtet Arkadius Guzy von der Diözese Rottenburg-Stuttgart. In der Marienkirche, dem zweiten katholischen Gotteshaus direkt in der Innenstadt, gibt es keinen Glockenschlag.

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Die Erzdiözese Freiburg kann zwar keinen Trend bestätigen, macht aber deutlich: „Grundsätzlich betrachten wir den Uhrenschlag und Glockenläuten als unverzichtbares Bestandteil des religiösen Lebens, das wir bewahren möchten: So ruft das Glockenläuten – beispielsweise das Angelusläuten am Morgen – Gläubige zum Gebet auf. Diese lange kulturgeschichtliche Tradition wollen wir selbstverständlich unter Einhaltung der gesetzlichen Rahmenbedingungen – mit Blick auf die Immissionsrichtwerte – lebendig halten.“

Die Praxis zeige, dass bei jeder Beschwerde eine individuelle Betrachtung der Sachlage vor Ort nötig sei. Es gebe unter anderem Unterschiede bei den Immissionsrichtwerten mit Blick auf den Ort der Kirche – beispielsweise muss zunächst überprüft werden, ob es sich um ein Dorf- und Mischgebiet, ein allgemeines Wohngebiet oder etwa einen Kurort handelt.

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Aus technischer Perspektive gibt es durchaus Möglichkeiten, die Lautstärke zu reduzieren, bestätigt auch Martin Kares. Seit 1990 leitet er das Orgel- und Glockenprüfungsamt der Evangelischen Landeskirche in Baden, veröffentlichte mehrere Publikationen zum Thema Glocken und ist in ganz Europa als Gutachter gefragt. „Die Lautstärke des Uhrenschlags darf nachts bestimmte Grenzwerte nicht überschreiten. Dazu kann man die Fallhöhe der Schlaghämmer reduzieren, Bronzepuffer in deren Köpfe einpressen oder die Schallfenster des Turmes weiter schließen. Dies reduziert aber auch die Hörbarkeit des Uhrenschlags am Tag. Eine teure Variante ist, einen zweiten Satz Uhrschlaghämmer einzubauen – einen für den Tag und einen für die Nacht“, zeigt Kares einige Varianten auf.

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Im Gegensatz zum Glockenschlag ist das Läuten, etwa bei Gottesdiensten, durch die freie Religionsausübung geschützt. So entschied das Bundesverwaltungsgericht, dass das liturgische Glockengeläut „eine zumutbare, sozialadäquate Einwirkung darstellt und keine im herkömmlichen Rahmen regelmäßige erhebliche Belästigung“. Ein Verbot für das Glockenläuten würde Johannes Balbach vom Dekanat Mosbach-Buchen viel zu weit gehen. „Das wäre viel dramatischer und für mich wirklich ein Grund zu sagen: Darüber müssen wir reden“, betont der Dekan, der darauf verweist, dass es bereits in Bayern Unmut gab über das Glockenläuten bei Gottesdiensten.

Unmut auch in Hainstadt

Wie er berichtet, hat es auch bei der Kirche St. Magnus in Hainstadt eine Beschwerde gegeben. Eine Messung ergab, dass die Glocken zu laut sind. Seitdem ist der Uhrenschlag von 22 bis 6 Uhr abgeschaltet. Nachts ertönen keine Schläge in Rinschheim, Hettigenbeuern und schon länger nicht mehr in Hollerbach. Soweit Balbach weiß, gilt das für die Buchener Kirche St. Oswald schon immer. So bleiben nur noch Hettingen, Waldhausen und Götzingen als letzte „Bastionen“ übrig.

„Damals diente der Uhrenschlag vor allem den Bauern auf den Feldern als zeitliche Orientierung. Heute vermissen ihn vor allem ältere Menschen, aber man muss auch sagen: Mittlerweile hat jeder eine Armbanduhr oder ein Handy, um auf die Uhr zu schauen“, meint Johannes Balbach. Aufgrund des offenen Glockenturms hatten die Verantwortlichen der Buchener Christuskirche keine Chance, am Geräuschpegel etwas zu ändern. „Wir müssen uns den gesetzlichen Regeln beugen“, so Schwingel, „aber man sollte auch nicht vergessen, dass es viele nicht stört und sich manche sogar daran orientieren.“ Es habe auch einige Stimmen gegeben, die gegenüber den Kirchengemeinderat genau das betonten: dass der Glockenschlag wichtig ist und einfach dazugehört.

Das zeigt unter anderem eine Anekdote aus Löffelstelzen, einem Stadtteil von Bad Mergentheim. Als dort bei der katholischen Kirche eines Tages das Angelus-Läuten um 6 Uhr ausfiel, beschwerte sich eine Anwohnerin – weil ihr der morgendliche Glockenschlag fehlte.

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Marcel Sowa
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