Videokonferenz - Milcherzeuger befassten sich mit der kuhgebundenen Kälberaufzucht / Tagung auch digital gut besucht Tierwohl im Kuhstall fängt beim Kalb an

Von 
Ulla Brinkmann
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In den meisten Ställen werden Kuh und Kalb kurz nach der Geburt getrennt. Die „kuhgebundene Aufzucht“ geht neue, aber eigentlich altbekannte Wege. © Ursula Brinkmann

Ein großes Thema bei der 18. Fachtagung für Milcherzeuger, die aufgrund der Corona-Pandemie erstmals digital stattfand, war die kuhgebundene Kälberaufzucht.

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Neckar-Odenwald-Kreis. Milchviehwirtschaft hat einen unverändert hohen Stellenwert im Neckar-Odenwald-Kreis, wo in etwa 110 Betrieben rund 7 000 Milchkühe stehen, liegen, fressen, gemolken werden – und kalben. Um den vierbeinigen Nachwuchs ging es schwerpunktmäßig bei der 18. Fachtagung für Milcherzeuger, die erstmals nicht in Aglasterhausen real, sondern online im Netz durchgeführt wurde.

Dennoch wurden rund 90 Teilnehmern von Bürgermeisterin Sabine Schweiger begrüßt. Schon auf früheren Tagungen habe sie den Wunsch nach mehr regionalen Produkten im Hofverkauf geäußert. „Doch ist das kaum möglich wegen vieler rechtlicher Probleme.“ Eine sehr große Aufgabe sei in ihren Augen die Bewältigung des Klimawandels, bei der sie Kommunen, Bürger und Landwirtschaft in gemeinsamer Verantwortung sieht.

Wert wiederentdeckt

Zuvor hatte Dr. Ulrich Kraft vom Regierungspräsidium das Wort; die Karlsruher Behörde hatte zu der Tagung zusammen mit den Beratungsdiensten der Landwirtschaftsämter in Buchen und Sinsheim eingeladen. „Viele Verbraucher haben den Wert der regional erzeugten Lebensmittel wiederentdeckt.“ Dazu gehöre, dass die Landwirte einen entsprechenden Preis erzielten, wies Kraft auf eine baden-württembergische Initiative im Bundesrat zum Thema Dumpingpreise bei Fleisch hin. „Ich hoffe, dass sich so etwas wie ein Mindestpreis durchsetzen lässt.“ Generell mehr Wertschätzung für Lebensmittel und mehr Annäherung an die, die sie produzieren, könnte nach Krafts Ansicht durch mehr Transparenz erreicht werden. „Öffnen Sie Ihre Tore!“, so sein Appell.

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Die Zukunftsfähigkeit der heimischen Landwirtschaft zeigt sich in den Augen von Landrat Dr. Achim Brötel unter anderem mit dem Schwenk aufs digitale Format der Tagung. Die Ursache dafür, die Corona-Krise, habe andererseits zu einer neuen Nachdenklichkeit darüber geführt, „dass die Landwirtschaft ihre unverzichtbare gesellschaftliche Funktion hervorragend erfüllt“. „Wenn die Pandemie eines gezeigt hat, dann ist es doch das, dass es so wie bisher nicht mehr weitergehen kann“, so Brötel.

„So weiter wie bisher?“ Anwenden lässt sich die Frage etwa darauf, ob Kälber nach der Geburt von ihren Müttern getrennt werden, was gängige Praxis in mehr als 90 Prozent der konventionellen Milchvielbetreibe in Baden-Württemberg ist. Aber auch bei zwei Dritteln der Biobetriebe werden die Kälber spätestens nach einem Tag von den Kühen getrennt. Ein Gegenmodell, die sogenannte kuhgebundene Kälberaufzucht stellte Dr. Christoph Reiber von der Universität Hohenheim vor. Dort ist das „WertKalb“-Forschungsprojekt angesiedelt, das verschiedene Lösungsstrategien für „Kälberprobleme in der (ökologischen) Milchproduktion“ untersucht.

Lange Liste von Argumenten

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Wirtschaftliche, politische und ethische Fragen werden erörtert, wobei die Wahrnehmung der Landwirte mittels umfangreicher Befragungen einfließt. Am Ende der Präsentation zeigte sich eine positive Wirkung der kuhgebundenen Kälberaufzucht in einer langen Liste von Argumenten. Das Interesse an einer Umsetzung ist in vielen landwirtschaftlichen Betrieben wohl vorhanden, die Umsetzbarkeit jedoch wird – vor allem wegen Platzproblemen – kritisch gesehen.

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Einen Vorschlag – „Umdenken beim Stallkonzept“ – machte im nächsten Vortrag Dr. Ilka Steinhöfel, die beim Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie angewandte Forschung zur Rinderhaltung betreibt. Den Argumenten für eine mutterlose Aufzucht „von früher“ setzte sie ein „Warum?“ entgegen. In einem Vergleich stellte sie dar, dass muttergebunden und einzeln aufwachsende Kälber einen ähnlichen Wachstums- und Gesundheitsverlauf nähmen.

„Zu sehen, wie hingebungsvoll sich Kühe in einem natürlichen Umfeld um ihren Nachwuchs kümmern, macht einfach Freude!“ Steinhöfels Anregung zur natürlichen Art der Mutter-Kind-Haltung mündete in die Aufforderung: „Finden Sie Ihr System im Stall.“

„Wie weiter?“ könnte hingegen die Frage lauten, die Anne Dirksen mit ihrem Beitrag zu beantworten suchte. An der Landwirtschaftskammer Niedersachsen leitet sie das Sachgebiet Familie und Betrieb und bietet sozioökonomische Beratungen an. Die Risikovorsorge in landwirtschaftlichen Familienbetrieben ist ihr Anliegen, weil sie da immer wieder „schlimme Dinge“ erlebt.

Mit der Beispielfamilie Meyer stellte sie den Zuhörern die „Was wäre, wenn?“-Frage sehr anschaulich vor. Bauer Meyer fällt ins Koma, und nun ist guter Rat teuer. Die Ratschläge Dirksens umfassten von der Vorsorgevollmacht über die Berufsunfähigkeitsversicherung bis zur Betriebshaftpflicht die große Bandbreite möglicher Absicherung und Vorsorge. Ihr dringender Praxistipp: der Notfallordner, in dem sich alle notwendigen Unterlagen griffbereit finden. Aus der Praxis äußerten sich nach der Mittagspause Akteure verschiedener Betriebsformen dazu, wie sich Wachstum organisatorisch und arbeitswirtschaftlich bewältigen lässt, was in eine Podiumsdiskussion mündete.