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Stopp beim Tischgebet

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Zu seinem 95. Geburtstag im Juli dieses Jahres hat der Benediktinermönch David Steindl-Rast, eine der großen spirituellen Persönlichkeiten unserer Zeit, sein Vermächtnis vorgelegt: Die Dankbarkeit ist zum Kern seiner Spiritualität geworden. So erklärt er zum Beispiel: „Wenn wir den neuen Tag als Geschenk begrüßen, trägt uns ein Dankbarkeitsgefühl durch die darauf folgenden Stunden. Der Tag ist uns angeboten als etwas, das wir Stunde um Stunde an andere verschenken können.“ Der Schlüssel zur Dankbarkeit liegt für ihn in den Begriffen stop – look – go! Innehalten – Schauen – Handeln! Was steckt für Steindl-Rast dahinter? Wenn wir nicht auf Stopp gehen und innehalten, schlittern wir direkt in den nächsten Augenblick weiter und die Gelegenheit, den gegebenen Moment wertgeschätzt zu haben, ist vorüber. Nach dem Stopp braucht es ein genaues Hinschauen, das heißt für mich mit möglichst vielen Sinnen wahrnehmen, was sichtbar vor mir liegt. Erst dann können wir ins Handeln übergehen. Das konkreteste Beispiel für stop – look – go ist in meinem Alltag das Tischgebet. Vor dem Essen lege ich – am liebsten in Gemeinschaft mit anderen Menschen – einen Stopp ein. Nun versuche ich bewusst hinzuschauen und wahrzunehmen: Die Speisen stehen auf dem Tisch, es duftet und dampft, die Augen wandern die Farbkombination der Zutaten ab, das Wasser läuft schon mal im Mund zusammen und der Appetit wächst und macht Lust aufs Kosten und Genießen. Doch bevor es losgeht, folgt der dritte Schritt hin zur Dankbarkeit: das Handeln. Dies bedeutet für mich nun nicht, mir den Teller vollzuladen, sondern erst mal eine Gebetshaltung einzunehmen – das müssen nicht immer die gefalteten Hände sein – und Gott zu danken. Dadurch erahne ich tagtäglich, dass so vieles nicht aus meiner Hand kommt und schon lange vor meinem Zutun den Einsatz von anderen Menschen benötigt hat. Dadurch verbinde ich mich solidarisch mit den Menschen, deren Mägen und Herzen gerade hungern. Dadurch erinnere ich mich, wie sehr ich vom Wachsen und Gedeihen und den vielen Zusammenhängen in der Schöpfung abhängig und in den Kreislauf des gesamten Lebens eingebunden bin. Und schließlich wende ich mich Gott zu, dem Schöpfer allen Lebens; aus seiner Hand kommt mir so viel Gutes zu. Indem ich für das Essen danke, spüre ich, wie sehr ich mein Leben verdanke. Das erdet mich, macht mich klein und demütig. Und ich erfahre mich eingebunden in den großen Kreislauf, dass alles mit allem verbunden ist, wie es Papst Franziskus in der Sozialenzyklika Laudato Si (LS) ausdrückt. Am Sonntag wird in vielen Kirchen das Erntedankfest gefeiert. Wir danken dann für die „Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit“. Neben den farbenprächtig geschmückten Erntealtären finden sich in vielen Kirchen auch wieder die Boxen des Tafelladens, die mit Lebensmittelspenden gefüllt werden können. Vielleicht mischen sich in unsere Gebete ja diesmal auch die Bilder der Hochwasserkatastrophe im Juli oder des weltweiten Klimastreiks der jungen Menschen vom letzten Wochenende. Viel mehr klingt in uns an, als nur der bäuerlich-traditionelle Dank für die eingebrachte Ernte. Eine zeitgemäße Schöpfungsspiritualität weiß um die Herausforderungen für eine gerechte Verteilung der Güter und eine notwendige ökologische Umkehr. Statt einer Kultur der Gleichgültigkeit sollte unsere Einstellung zum gemeinsamen Haus von „Zärtlichkeit, Dankbarkeit und Unentgeltlichkeit“ geprägt sein (LS 220). Die Motivation dafür können wir aus unserem Glaubensschatz holen: Stimmen wir ein in den Lobpreis über die Schönheit der Schöpfung, danken wir für all die Wohltaten aus Gottes Hand und für die Verbundenheit mit allem, was lebt – und das nicht nur zu Erntedank.

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Luise Reiland, Gemeindereferentin der katholischen Kirchengemeinde MOSE Mosbach-Elz-Neckar

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