Corona im Neckar-Odenwald-Kreis - Mehrere Faktoren lassen den Wert schneller ansteigen im Vergleich zu anderen Landkreisen „Risikopatient“ für höhere Inzidenz

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Der Neckar-Odenwald-Kreis hat landesweit pro 1000 Einwohner die meisten teil- oder vollstationären Pflegeeinrichtungen und die höchste Anzahl an pflegebedürftigen Personen solcher Einrichtungen. © DPA

Neckar-Odenwald. Einen unrühmlichen Rekord in der Corona-Krise erreichte der Neckar-Odenwald-Kreis am 19. Dezember 2020: Mit einer Sieben-Tage-Inzidenz in Höhe von 386,4 verzeichnete er den höchsten Wert aller Stadt- und Landkreise in Baden-Württemberg. Danach war der Wert innerhalb von acht Tagen um gut 150 gefallen. Worauf sind diese stark schwankenden Zahlen zurückzuführen? Und warum ist im dünn besiedelten Landkreis dieser Wert generell so hoch?

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„Corona-Zahlen steigen wieder“, meldete der Landkreis am vergangenen Donnerstag, und das trotz Lockdowns. Nach Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) lag der Neckar-Odenwald-Kreis mit einer Sieben-Tages-Inzidenz von 163,6 auf Platz drei in Baden-Württemberg hinter den Stadtkreisen Pforzheim (Inzidenz 185) und Heilbronn (168,3). Der Wert für ganz Baden-Württemberg lag bei 98,6.

Die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz berechnet sich aus der Summe aller bestätigten Coronafallzahlen innerhalb der vergangenen sieben Tage in Bezug auf 100 000 Einwohner. Im Landkreis zählte man am Donnerstag für die vergangenen sieben Tage insgesamt 235 Coronafälle. Bezogen auf die Einwohnerzahl von 143 633 errechnet sich eine Sieben-Tage-Inzidenz in Höhe von 163,6.

Von der Einwohnerzahl abhängig

Dass die Zahlen im Landkreis stark schwanken, lässt sich unter anderem auf die vergleichsweise geringe Einwohnerzahl zurückführen. Denn wenn es hier zu einem größeren Ausbruchsgeschehen kommt, zum Beispiel in einem Altenheim, wirkt sich dieses auf den Inzidenzwert wesentlich stärker aus als in einwohnerstärkeren Stadt- und Landkreisen. Der benachbarte Rhein-Neckar-Kreis zum Beispiel zählt die dreifache Einwohnerzahl des Neckar-Odenwald-Kreises und steht mit einer Inzidenz von 99,7 vergleichsweise gut da. Als am 19. Dezember im Altenheim „Domus Cura“ in Hüffenhardt für rund 100 Bewohner zuzüglich Pflegekräfte positive Coronatests gemeldet wurden, sprang allein deshalb der Inzidenzwert des Neckar-Odenwald-Kreises um mindestens 70 Punkte nach oben. Im Rhein-Neckar-Kreis wäre dies bei einem vergleichbaren Ausbruchsgeschehen nur um den Wert von etwa 23 der Fall gewesen. Wenn nach sieben Tagen ein solch hoher Wert aus der Statistik der Inzidenzberechnung herausfällt, bedeutet das automatisch ein deutliches Sinken der Sieben-Tage-Inzidenz.

Vor allem für Ältere gefährlich

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Nach Angaben des RKI ist eine Corona-Infektion vor allem für ältere Menschen gefährlich. Diese verfügen in der Regel nicht über ein so leistungsfähiges Immunsystem wie Jüngere und leiden häufiger an Vorerkrankungen. Deshalb stecken ältere Menschen sich tendenziell leichter an. Außerdem nimmt die Krankheit in dieser Altersgruppe häufiger einen schwereren Verlauf als bei Jüngeren. So waren Mitte Januar deutschlandweit 89 Prozent der an oder mit Corona verstorbenen Menschen älter als 70 Jahre. Im Neckar-Odenwald-Kreis betrug nach Angaben des Landratsamts vom 14. Januar das Durchschnittsalter der mit Corona Gestorbenen rund 82 Jahre.

Ein Blick in die Statistik zeigt, dass der Neckar-Odenwald-Kreis auch wegen seiner Altersstruktur zum „Risikopatient“ für höhere Coronawerte zählt. Denn nach Angaben des Statistischen Landesamts ist hier der Anteil von Menschen ab einem Alter von 65 Jahren mit 21,3 Prozent an der Gesamtbevölkerung höher als im Landesdurchschnitt mit 20 Prozent. Hinzukommt, dass der Neckar-Odenwald-Kreis landesweit pro 1000 Einwohner über die meisten teil- oder vollstationären Pflegeeinrichtungen und die höchste Anzahl an pflegebedürftigen Personen solchen Einrichtungen verfügt. Für das Jahr 2019 hat das Statistische Landesamt 42 solcher Heime gezählt, darunter, laut Landratsamt, 34 vollstationäre Altenheime mit 2059 Bewohnerplätzen.

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Doch nicht nur bei der Zahl der Pflegebedürftigen in stationären Heimen bezogen auf die Einwohnerzahl ist der Landkreis führend. Er befindet sich auch beim Anteil der über 65-jährigen, die voll- oder teilstationär gepflegt werden müssen, in der Spitzengruppe. Pro 1000 Einwohner werden hier 59 Personen dieser Altersgruppe stationär gepflegt. Nur in den Stadtkreisen Pforzheim (62) und Heilbronn (60) ist dieser Anteil höher. In der Statistik der von ambulanten Pflegediensten betreuten Menschen ab 65 Jahren pro 1000 Einwohnern befindet sich Neckar-Odenwald-Kreis mit dem Wert von 62 landesweit auf Platz zwei hinter dem Enzkreis (63). Das spiegelt sich auch in der Anzahl des eingesetzten Pflegepersonals wider. Hier belegen diese beiden Landkreise mit einem Wert von 15 Pflegekräften pro 1000 Einwohner gemeinsam den vordersten Platz.

Höhere Wahrscheinlichkeit

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Wo es mehr Pflegeheime gibt, wird auch mehr getestet. Wenn mehr getestet wird, ist die Wahrscheinlichkeit höher, mehr positiv getestete Fälle zu erhalten. Dies bewirkt höhere Fallzahlen in der Statistik und damit auch eine höhere Sieben-Tage-Inzidenz. Wie viele Corona-Tests bisher im Neckar-Odenwald-Kreis vorgenommen wurden, kann Landkreis-Pressesprecher Jan Egenberger nicht sagen. Die Anzahl der Testungen nahm deutschlandweit allerdings seit dem Frühjahr erheblich zu, auch weil Tests behördlich häufiger angeordnet wurden. So musste bis Mitte Januar Personal von Pflegeeinrichtung zwei Mal in der Woche getestet werden. Seit 16. Januar wird auf Anweisung der Landesregierung drei Mal wöchentlich getestet. Auch Besucher und andere externe Personen, die eine Pflegeeinrichtung aufsuchen, benötigen einen Test mit einem negativen Ergebnis, um eingelassen zu werden. Gibt es einen bestätigten Corona-Fall in einer Einrichtung, werden außerdem alle Bewohner ein Mal pro Woche getestet, unabhängig davon, ob sie Krankheitssymptome aufweisen. So sinnvoll all diese Maßnahmen sind, um Risikogruppen vor einer Infektion zu schützen: Sie tragen sehr wahrscheinlich zu statistisch höheren Fallzahlen und einer höheren Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis bei. mb