Barrieren im Bahnverkehr - In Neckarelz soll ein Bahnsteig umgebaut werden, um Rollstuhlfahrern die Mitfahrt in der Stadtbahn Nord zu ermöglichen „Mit Rolli hast du da keine Chance“

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Sabine Braun
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Die S-Bahn-gerecht gebauten Bahnsteige in Neckarelz sind 76 Zentimeter hoch, die Türen der vor gut fünf Jahren gestarteten Stadtbahn Nord, die zwischen Mosbach und Heilbronn verkehrt, sind aber auf 55 Zentimeter Bahnsteighöhe ausgerichtet. Rollstuhlfahrer wie Justin Drescher haben keine Chance, mitzufahren. © Sabine Braun

Neckarelz. „Rot ist gut, weiß klappt einigermaßen, gelb geht gar nicht“. So beschreibt Justin Drescher bei einem Treffen in Neckarelz die Züge, die im südwestlichen Neckar-Odenwald-Kreis unterwegs sind, aus der Sicht eines Rollstuhlfahrers. Konkret bedeutet das: In die roten Wagen der S-Bahn Rhein-Neckar kommt er problemlos rein, weil die Bahnsteige vor 17 Jahren genau für die Einstiegshöhe dieser Fahrzeuge gebaut wurden – 76 Zentimeter hoch.

„Barrierearm ist besser als gar nichts“

In Neckarelz und Mosbach haben Rollstuhlfahrer, die die Stadtbahn-Nord nutzen wollen, ein Problem. Doch wie sieht es an den anderen Stationen zwischen Mosbach, Walldürn undOsterburken aus?

Informationen im Internet

Auf einer prinzipiell sehr guten Internetseite der Bahn bekommt man über jede Station Informationen zur Barrierefreiheit, zur Ausstattung insgesamt und zu den Zugängen – samt Fotos. Nur leider ist diese Seite nicht für alle Haltepunkte auf dem aktuellen Stand. Eine Rundfahrt ergab – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – folgende Eindrücke: Wenig Probleme gibt es für Rollifahrer, die auf der S-Bahn-Strecke zwischen Mosbach und Osterburken unterwegs sind: Die Bahnsteige dort wurden eigens für die S-Bahn-Fahrzeuge umgebaut – mit Kostenbeteiligung der Kommunen. Schwierig wird es allerdings, wenn man in Seckach auf die Madonnenlandbahn umsteigen will: Dort passen die Einstiegshöhen nicht immer. Auf der Madonnenlandbahn zwischen Miltenberg, Walldürn, Buchen und Seckach ist ausschließlich die Westfrankenbahn unterwegs, und die hat in den letzten Jahren stark in die Modernisierung und Barrierefreiheit der Haltepunkte investiert. Eine Bordrampe ist im Zug, mit der Spalten überbrückt werden können.

Die Station Rosenberg an der Frankenbahn wartet noch auf den barrierefreien Umbau.

Aufzüge müssen funktionieren

In Neckarelz, Seckach und Adelsheim-Ost können Rollstuhlfahrer vor einem besonderen Problem stehen. Dort gibt es Fahrstühle, und die waren speziell in Seckach, aber auch in Neckarelz in der Vergangenheit nicht immer zuverlässig funktionstüchtig. „Und dann steht man natürlich blöd am Bahnsteig“, so Rollstuhlfahrer Justin Drescher.

Osterburken hat mehrere Bahnsteige mit unterschiedlichen Höhen, die zu den unterschiedlichen Fahrzeugtypen von Abellio, Go Ahead, S-Bahn und Westfrankenbahn passen – wenn es der Fahrplan erlaubt, dass jeder Zug an „seinem“ Gleis hält.

Dadurch sind die Wege teilweise etwas weiter. Für Justin Drescher ist das kein Problem, denn „barrierearm ist immer noch besser als gar nichts.“ sab

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Die Züge des Unternehmens Abellio, das seit Dezember 2019 die Neckartalstrecke bedient, sind auf Bahnsteige mit 55 Zentimetern Höhe ausgelegt. Allerdings kann man eine Rampe anfordern, die dann vom Lokführer ausgelegt wird, berichtet Justin Drescher. So wird Rollstuhlfahrern in Neckarelz der Zugang ermöglicht. „Das geht durch einen Wink zum Lokführer oder man muss sich vorher bei der Bahn anmelden. Das ist zwar nicht perfekt, aber machbar“, findet Justin Drescher.

Rechtliche Grundlagen zur Barrierefreiheit

Im Neckar-Odenwald-Kreis gibt es (Stand 31. Dezember 2019) 21 941 Menschen mit einer Schwerbehinderung, so die Behindertenbeauftragte Jutta Schüle. Das sind Menschen, die aufgrund ihrer Beeinträchtigungen mindestens mit einem Grad der Behinderung (GdB) von 50 in ihrem Alltagshandeln oder ihrer Teilhabe eingeschränkt sind.

Daneben sind 8465 Menschen mit einer Beeinträchtigung bis GdB 49 im Kreis erfasst. Zusammen sind das 30 406 Personen.

Die wenigsten Menschen sind von Geburt an beeinträchtigt. Meist entstehen Behinderungen durch Krankheiten und Unfälle.

Die rechtlichen Grundlagen zur Barrierefreiheit finden sich im Landesbehindertengleichstellungsgesetz (LBGG), Paragraf 4: „Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe auffindbar, zugänglich und nutzbar sind.“

Für einige Bereiche gibt es eine Verpflichtung der Stadt- und Landkreise zur Schaffung von Barrierefreiheit. So muss der ÖPNV mit Bussen bis 2022 barrierefrei sein. Ausnahmeregelungen bestehen bei finanziellen Engpässen einer Kommune. Das muss aber ausreichend begründet werden, so Jutta Schüle.

Für Barrierefreiheit sollte aber nicht nur im ÖPNV gesorgt sein. „Es geht ebenso um leichte Sprache, um Barrierefreiheit im Gesundheitswesen und auf dem ersten Arbeitsmarkt sowie um digitale Barrierefreiheit“, so Jutta Schüle, die bemängelt, dass in Corona-Zeiten viele Angebote beispielsweise in Bädern nur online gebucht werden können. Ziel der Inklusion müsse eine gleichberechtigte Teilhabe aller sein. sab

Bei der Stadtbahn Nord, die zwischen Heilbronn und Mosbach pendelt und von der AVG betrieben wird, geht dagegen an den Haltepunkten in Neckarzimmern, Neckarelz, Mosbach-West und Mosbach gar nichts: Der Einstieg in die gelben Fahrzeuge ist ebenfalls auf die Bahnsteighöhe von 55 Zentimetern ausgelegt, aber die Fahrzeuge haben keine Rampe. Man steht also vor einer Stufe von gut 20 Zentimetern. Räder und Kinderwagen kann man grad so hinein- und hinaustragen. Aber: „Als Rollifahrer hast du da keine Chance“, so der 25-Jährige.

Geht es nach Jutta Schüle, seit 2016 Kommunale Beauftragte für Menschen mit Behinderungen im Landkreis, sollte sich das ändern: „Das kann doch nicht wahr sein, dass durch den Landkreis immer noch Züge fahren, in die man als Rollstuhlfahrer nicht reinkommt“, ärgert sie sich bei dem Treffen in Neckarelz. Tatsächlich hatten der Landkreis und die Stadt Mosbach schon bei der Planung der Stadtbahn Nord darauf hingewiesen, dass die damals relativ neuen Bahnsteige an den S-Bahnhaltepunkten des Neckar-Odenwald-Kreises nicht zur künftigen Heilbronner Stadtbahn Nord passen würden. Doch im Karlsruher und Heilbronner Raum waren die 55 Zentimer schon länger Standard, und so startete das System 2014 unverändert – und das befürchtete Problem kam ebenfalls. Es besteht überall dort im Land, wo die Verkehrssysteme mit ihren verschiedenen Einsteigs- und Bahnsteigshöhen aufeinandertreffen.

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Für Mosbach und Mosbach-West ist gar keine Lösung absehbar. Dort „passt“ nur die S-Bahn-Rhein-Neckar zum Bahnsteig. Und der kann nicht ohne sehr großen finanziellen Aufwand verlängert und angepasst werden. Neckarzimmern muss noch komplett umgebaut werden, ein Großprojekt. In Neckarelz jedoch wäre eine Anpassung relativ einfach möglich, berichtet Klaus Kühnel, bei der Stadt Mosbach für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zuständig. An den rund 320 Meter langen, 38 Zentimeter hohen Bahnsteigen hielten schließlich früher Schnellzüge, die über 400 Meter lang waren. Nur etwa 280 Meter der Bahnsteige wurden 2003 für die neue S-Bahn-Rhein-Neckar auf die in der Metropolregion üblichen 76 Zentimeter erhöht.

Neue Dynamik für einen Umbau

Im Rahmen des 2017 beschlossenen Mobilitätspakts Heilbronn habe der Stadtbahn-Betreiber AVG einen früheren Vorschlag der Stadt Mosbach aufgegriffen: Das brachliegende Reststück des Bahnsteigs der Gleise 2 und 3 könnte auf einer Länge von 120 Metern auf 55 Zentimeter erhöht werden, so Kühnel. Bauherr wäre der Eigentümer, die Bahn. Die Kosten für den Umbau des Bahnsteigs in Neckarelz sind offiziell noch nicht beziffert, es dürfte sich aber um einen sechsstelligen Betrag handeln. Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten werden aktuell ausgelotet. Eine mehrjährige Planungs- und Genehmigungsphase ist zu erwarten. Trotzdem erscheint das Projekt nicht unmöglich.

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Die Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie, welche ein externes Fachbüro aktuell im Auftrag der Stadt Mosbach anfertigt, sollen demnächst vorliegen. Mit dem „Mobilitätspakt“ habe das Thema eine neue Dynamik erhalten, so Kühnel.

Keine perfekte Lösung

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Wird der Neckarelzer Mittelbahnsteig wie geplant verlängert, dann hält die Stadtbahn Nord 100 Meter weiter nördlich. Alle Fahrgäste, ob mit oder ohne Handicap, müssen zum Umsteigen oder zum Verlassen des Bahnhofs weitere Wege zurücklegen. Jutta Schüle relativiert diesen Schwachpunkt: „Da geht es für die einen um wenige zusätzliche Sekunden. Für Menschen mit Behinderung macht man das Bahnfahren dadurch überhaupt erst möglich.“ Auch für Justin Drescher wird es „eine perfekte Lösung nicht geben, aber lieber eine kleine Verbesserung als gar keine Lösung“.

Er nutzt die Bahn fast jeden Tag – beruflich und privat. „Der ÖPNV ist ein großes Hobby von mir“, sagt der 25-Jährige, der auch Mitglied im Fahrgastbeirat Baden-Württemberg und in der „Expertengruppe Inklusiver Neckar-Odenwald-Kreis“ ist.

Großes Hobby ÖPNV

Aufgewachsen ist Justin Drescher in Dallau. Nach seiner Ausbildung als Kaufmann für Büromanagement arbeitet er seit einigen Monaten in Mainz im Familienministerium. Zunächst in Teilzeit, nun strebt er eine Vollzeitstelle an.

Justin Drescher bestätigt im Gespräch mit den FN, dass er in seiner neuen Heimat Mainz deutlich besser zurechtkommt als in Dallau und Mosbach – nicht nur, was den ÖPNV betrifft, sondern auch angesichts von unpassierbar hohen Bordsteinkanten, Stufen und anderen Hindernissen. Die Tatsache, dass der junge Mann im Neckar-Odenwald-Kreis keinen passenden, also leicht barrierefrei zu erreichenden Arbeitsplatz gefunden hat, gefällt Jutta Schüle gar nicht. „Es müssen in vielerlei Hinsicht barrierefreie Wege geschaffen werden, um Teilhabe zu ermöglichen. Sonst zwingt man junge Leute mit Handicap geradezu dazu, abzuwandern“

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