Wenn Lehrmeister Corona diktiert - Kreisverband der Grünen diskutierte im Netz, vor welchen Herausforderungen Schulen jetzt und künftig stehen „Ein Zurück zum Vorher wäre verkehrt“

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Leere Klassenräume (anno dazumal) im Freilichtmuseum Wackershofen: Das „Zurück zum Vorher“ in der Bildungspolitik wurde auf Einladung des grünen Kreisverbandes im modernen, im virtuellen „Klassenzimmer“ diskutiert. © Ursula Brinkmann

Neckar-Odenwald-Kreis. Von den vielen gesellschaftlichen Bereichen, in denen die Verantwortlichen und Betroffenen um den besten Weg durch die Pandemie ringen, ist das Schulwesen einer der besonders gebeutelten. Lehrmeister Corona diktiert Hygienepläne, Umgestaltung von Klassenräumen, Wechsel- und Online-Unterricht, Organisation, Digitalisierung. Die „eigentlichen Probleme und die Fragen nach Konzepten“ bleiben in den Augen von Ricarda Kaiser jedoch ungelöst. Die stellvertretende Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) war zu einer Online-Veranstaltung des Neckar-Odenwälder Kreisverbandes der Grünen eingeladen, der mit Blick auf die bevorstehenden Wahlen ebenso wie auf die baden-württembergische Bildungslandschaft den virtuellen Raum geöffnet hatte.

Bildung als Herzensangelegenheit

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Knapp 30 Gäste hatten sich zugeschaltet, die mit der Landtagskandidatin Amelie Pfeiffer, mit Vorstandssprecher Andreas Klaffke, mit Ricarda Kaiser und auch miteinander über „Schule 2.0“ diskutierten. Amelie Pfeiffer möchte für den Neckar-Odenwald-Kreis in den Stuttgarter Landtag, bekannte in ihrer Begrüßung zum Online-Dialog, dass sie zwar keine Bildungspolitikerin sei, aber für sie das Thema gleichwohl eine Herzensangelegenheit darstelle.

Sie skizzierte, wo die baden-württembergischen Grünen ihre bildungspolitischen „Pflöcke“ einschlagen: die Schulbiografie von der sozialen Herkunft entkoppeln, vorzugsweise in Gemeinschafts- und Ganztagsschulen, längeres gemeinsames Lernen, wohnortnahe Grundschulen, regionale Verbünde, keine verbindliche Grundschulempfehlung, mehr Mitbestimmung und mehr Freiräume vor Ort mit Qualitätsstandards sowie umfassender Digitalisierung. „Corona hat verstärkt, was uns vorher schon zu denken gegeben hat“, befand Pfeiffer, den Blick weiter nach vorn gerichtet auf die „Schule 2030“, in der jedes Kind nach seinen Fähigkeiten gestärkt werden solle. Eine wichtige Grundlage für das Vorankommen sei der Dialog mit den Kommunen als Schulträger, aber auch der Dialog allgemein, weshalb die Grünen in den virtuellen Raum geladen hätten.

Zum Einstieg in den Dialog zählte Ricarda Kaiser anhand einer Präsentation die Reizthemen auf, wie sie sich aus Sicht der GEW zeigen und die durch die Corona-Krise wie durch ein Brennglas erscheinen: Grundschulempfehlung, Abitur G8 oder G9, Ganztagsschule, Ressourcen (finanzielle und personelle), Inklusion, pädagogisch-didaktisches Arbeiten, eine Bildungsreform über Wahlperiodendenken hinaus. Angesichts der anstehenden Landtagswahl mit der CDU-Bildungsministerin Susanne Eisenmann als Herausforderin des grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann frage man sich bei der GEW: „Wie geht es weiter mit dem Kultusministerium?“ Es herrsche Unruhe.

Unzufriedenheit ist groß

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Keinen Hehl aus seiner Unzufriedenheit mit dem von Eisenmann geführten Kultusministerium machte Andreas Klaffke, der selbst am Nicolaus-Kistner-Gymnasium in Mosbach unterrichtet. „Mit dieser Ministerin waren die letzten vier Jahre eine verlorene Zeit.“

Kollegin Alexandra Sigmund sieht die Schulform, an der sie tätig ist (Gemeinschaftsschule in Limbach), generell zu wenig von der Landesregierung unterstützt. Nicht nur in ihren Augen seien die Realschulen die eigentlichen Gemeinschaftsschulen, weil hier mit der größten Heterogenität auch die meisten Probleme entstünden, wie auch Ricarda Kaiser erkannte. „Die Position der Realschule ist wirklich schwierig.“

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Das konnte Steffen Karolus insofern bestätigen, als dass der Realschullehrer aus Neuenstadt die Übergangsquote als „riesiges Problem“ bezeichnete. „Bei uns landen viele mit falscher Empfehlung“. Für Grundschullehrerin Conny Schmitt fängt die Problematik noch früher an, die sich in der Spannweite „vom hochbegabten bis zum lernschwachen Schüler“ zeigt.

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„Eine gute Gemeinschaftsschule würde die Inklusion besser schaffen“, ist sich Sonderschullehrerin Monika Bansbach einig mit ihrer GEW-Mitstreiterin Kaiser, die in der Forderung nach einer „Schule für alle“ Schüler mit Lernschwierigkeiten und Behinderungen einschließt. „Aber nicht digital“, entgegnete Dagmar Fojkar, die die Angst umtreibt, dass ihr Job als Integrationshelferin durch die neuen digitalen Strukturen auf der Strecke bleiben könnte.

Zumindest von der regionalpolitischen Seite sprang ihr Andreas Klaffke zur Seite: „Wir möchten das, was sie leisten, weiterhin gewährleisten. Das ist Kern unserer Schulpolitik.“ Da lägen große Aufgaben vor uns, empfahl sich Amelie Pfeiffer in ihrer kurzen Schlussrede. Wie die aber nach der Landtagswahl von den Grünen mitbestimmt werden können, das ließ die Wahlkämpferin offen, da das Kultusministerium eher an den kleineren Koalitionspartner gehe. Bildungspolitik wolle sie unterstützen, indem sie als Landtagsabgeordnete über die Gelder mitbestimme.

Ricarda Kaisers findet es wichtig, dass alle Betroffenen mitreden können beim Thema Bildung. Sie hoffe, dass – egal, wer gewählt werde – in Sachen Bildung etwas passiere. „Etwas Langfristiges und Reformatives“, betonte sie. Denn ein „Zurück zum Vorher“ wäre in den Augen der GEW-Landesvorsitzenden verkehrt. Andreas Klaffke als Mitgastgeber resümierte schließlich über den digitalen Dialog zur Bildungspolitik: „Wir waren nicht alle einer Meinung, aber im Gespräch. So stellen wir uns Politik vor.“ bru