Ausschuss für Gesundheit und Soziales - Beratungsteams zunehmend mit aggressivem Verhalten bei Kindern und Jugendlichen konfrontiert Auslöser sind häufig Probleme bei den Eltern

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In rund 50 Prozent der Fälle hat die psychologische Erziehungs- und Familienberatung mit Trennungen und Scheidungen zu tun. Darunter leiden ganz besonders betroffene Kinder und Jugendliche, welche neue Verhaltensmuster entwickeln. © dpa

Haßmersheim. Wie vielfältig das soziale Beratungsnetz im Neckar-Odenwald-Kreis ist, wurde einmal mehr in der jüngsten Sitzung des Kreistagsausschusses für Gesundheit und Soziales am Montag in Haßmersheim deutlich. „Hinter den Zahlen in unserem Haushalt stecken jeweils viele Menschen, die Beratung und Unterstützung brauchen. Deshalb ist es wichtig, dass der Ausschuss regelmäßig über die aktuellen Entwicklungen in den von uns finanzierten Angeboten informiert wird“, sagte Landrat Dr. Achim Brötel zu Beginn.

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Gleich zwei Beratungsteams des Caritasverbandes und des Diakonischen Werks kümmern sich so im Auftrag des Kreises um die psychologische Erziehungs- und Familienberatung. „Unsere Beratung ist niedrigschwellig, kostenlos und unabhängig von der Religionszugehörigkeit“, erklärten Ursula Müller-Dietrich (Caritasverband) und Hanna Voget (Diakonisches Werk) zu Beginn ihrer Präsentation.

Aufkommen auf hohem Niveau

Das Fallaufkommen sei seit Jahren auf hohem Niveau stabil. Rund 600 Fälle bearbeiteten die Teams pro Jahr. Anlässe für die Beratung gebe es viele: In 50 Prozent der Fälle liege beispielsweise eine Trennung oder Scheidung in der Familie vor. Die Liste setzten sie dann unter anderem mit Entwicklungsauffälligkeiten, seelischen Problemen und Erziehungsunsicherheit der Eltern fort. So nehme man bei der explizit „lösungsorientierten Beratung ohne eine negativ belegte Diagnose“ die ganze Familie in den Blick.

„Denn zunehmend werden wir mit sozialen Problemen von Kindern und Jugendlichen wie aggressivem Verhalten konfrontiert. Auslöser sind in nicht wenigen Fällen schlichtweg die Problemlagen der Eltern“, so die Psychologinnen. Auch gebe es bei 23 Prozent der Fälle mindestens ein Elternteil mit Migrationshintergrund, was bedeute, dass Themen wie unterschiedliche Werte und Normen, gepaart mit Sprachproblemen, die Beratung notwendig machen.

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Wichtig sei die Zusammenarbeit mit dem Allgemeinen Sozialen Dienst. In zehn bis 15 Prozent der Fälle gebe es eine solche Kooperation. Der Kinderschutz sei in den vergangenen Jahren noch stärker in den Fokus gerückt, betonten Müller-Dietrich und Voget eine aus ihrer Sicht wichtige Entwicklung. „Und die Arbeit wird uns nicht ausgehen. Denn gesellschaftliche Veränderung wie Globalisierung, Digitalisierung und Individualisierung führen zu Verunsicherung und Ängsten“, war die abschließende Prognose. Dass die Schnittstelle zum Jugendamt gut funktioniert, unterstrich auch der Landrat. Viele Fragen vonseiten der Kreisräte zeigten das große Interesse.

Obwohl erst seit März im Amt legte auch Angelika Bronner-Blatz, die neue Suchtkoordinatorin im Landratsamt, einen ersten Bericht vor. Ihre Aufgabe sei es, die Akteure der Suchtprävention und Suchthilfe zu vernetzen, Öffentlichkeitsarbeit zu leisten und den Austausch zu organisieren. Zudem vermittle sie in das regionale Hilfesystem und sei Ansprechpartnerin im Kreis. „Ich bin meine neue Aufgabe mit großer Freude angegangen, denn hier kann ich vieles bewegen“, sagte Bronner-Blatz, die auch Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises ist.

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Insbesondere habe sie sich um regionale und überregionale Vernetzung gekümmert. „Dabei sind die Krankenkassen mir ihrem gesetzlich festgelegten Budget zur Präventionsarbeit ein wichtiger Ansprechpartner“. Auch mit der Fachstelle Sucht des Baden-Württembergischen Landesverbandes für Prävention und Rehabilitation sowie verschiedenen anderen Stellen und Akteuren wie Schulen, Vereinen oder Kommunen stehe sie in Kontakt.

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Erste Akzente habe sie mit Aktionen gegen das Rauchen und zur Sensibilisierung vor den Gefahren des Glücksspiels gesetzt. Gleich 53 000 Bäckertüten mit entsprechenden Hinweisen habe man verteilt. „Das Thema Prävention ist für mich elementar. Deshalb werde ich darauf auch 2019 einen klaren Fokus legen“, so Bronner-Blatz. Es werde eine Aktionswoche für Kinder aus suchtbelasteten Familien geben und eine zum Thema Alkoholmissbrauch. Die Kreisräte bestärkten sie in ihrem eingeschlagenen Weg.

Schon im Juli hatte der Ausschuss beschlossen, die Rückkehrberatung für abgelehnte Asylbewerber und andere ausreisepflichtige Personen fortzusetzen und dafür auch entsprechende Kreismittel bereitzustellen. Finanziert wird die Beratung über den Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds der EU, der Kreisanteil liegt bei 12,5 Prozent. Was mit dem Geld gemacht wird, erklärten Mara Pavic und Bernadette Bergmann vom Caritasverband, unter dessen Dach die Beratung angesiedelt ist.

„Wir machen eine Perspektivenberatung zur freiwilligen Rückkehr“, erläuterten die Sozialarbeiterinnen. In mehreren Sprachen informiere man über Förderprogramme, helfe aber auch bei der Dokumentenbeschaffung. Es habe sich gezeigt, dass ohnehin ausreisepflichtige Personen nach der Beratung oft bereit seien, freiwillig auszureisen. Die Tätigkeit der Rückkehrberatungsstelle habe sich somit bewährt. Zugleich ergeben sich neue Herausforderungen, unter anderem durch eine geänderte Zusammensetzung des relevanten Personenpotenzials, konkret durch Abnahme der Personen aus den Balkanstaaten. 2015 seien so aus dem Kreis 148 und 2016 194 Personen ausgereist, 2017 waren es dann aber nur noch 61 Menschen. 2018 seien es bisher bei 82 Beratungen nur 28 gewesen. Dies liege daran, dass eine Rückreise aufgrund der Sicherheitslage in Herkunftsländern wie Syrien oft nicht möglich sei oder zumindest durch Kontakte sorgfältig geprüft werden müsse.

Bürokratische Hemmnisse auf Seite der Herkunftsländer machten es zudem zum Teil nicht leichter. „Unsere Aufgabe ist es dann, die Ausreisewilligen, die manchmal auch minderjährig sind, zu unterstützen und neu zu motivieren.“ Für diese Arbeit dankten die Ausschussmitglieder Pavic und Bergmann.

Unterstützung für Pflegefamilien

Abschließend wies der Landrat darauf hin, dass man die sich verringernde Zahl der Pflegefamilien mit Sorge beobachte. „Auch wenn Jugendhilfeeinrichtung sehr gute Arbeit leisten, sind betroffene Kinder in bestimmten Konstellationen in einer Pflegefamilie besser aufgehoben“, sagte Brötel. Deshalb müsse man die Rahmenbedingungen in der Vollzeitpflege so verbessern, dass auch zukünftig geeignete Familien für diese Aufgabe gefunden und gehalten werden können. In diesem Zusammenhang wurde eine vom Landesjugendhilfeausschuss verabschiedete Orientierungshilfe mit Empfehlungen vorgestellt. Die Verwaltung wurde einstimmig beauftragt, ein finanzierbares Gesamtkonzept zu erarbeiten und im kommenden Jahr vorzustellen. Unabhängig davon könnten sich aber jederzeit potenzielle Pflegefamilien beim Landratsamt melden. Erfahrene Kollegen würden dann die Familie beraten.