Von Assamstadt in den hohen Norden - Wolfgang Schlechta hat jahrelang auf der Insel Wangerooge seinen Urlaub verbracht, jetzt ist er als Hausmeister der dortigen Jugendherberge beschäftigt Von einem, der auszog, um Ruhe zu finden

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Nathalie Meng
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Gemächlich steigt Wolfgang Schlechta die letzten Stufen des Westturms empor. Eine Wendeltreppe führt in die Turmspitze, es riecht nach Holz, nach altem Gemäuer, nach Geschichte.

Wolfgang Schlechta vor dem Westturm auf Wangerooge. © Nordwest-Zeitung Verlagsgesellsc
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Von Nathalie Meng

Wangerooge. Unter Schlechtas Füßen knarren die Stufen, mit jedem Schritt wird die Wendeltreppe enger, bis sie vor den großen Panoramafenstern endet, 50 Meter über der Insel. Zufrieden lässt er den Blick schweifen über sanft geschwungenen Dünen, Salzwiesen und Watt, die Nordsee, grau und still. Kaum ein Mensch ist zu sehen, kaum ein Laut zu hören, vor allem: kein Auto, nirgends.

Es waren diese Ruhe und ein Zufall, die den 57-Jährigen vor gut vier Jahren von Süddeutschland nach Wangerooge lockten, sein Leben umkrempeln ließen, zumindest für eine Zeit lang. Zuletzt hatte er als Busfahrer gearbeitet, 20 Jahre lang. Sein Alltag: Verkehrslärm und zankende Schulkinder, Autohupen und Geschrei, auf seinen Schultern die Last der Verantwortung für seine Fahrgäste und andere Verkehrsteilnehmer.

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„Stress, Stress, Stress“, sagt er und legt die Stirn in Falten. Schlechta, groß und drahtig, ist einer, der zupackt, ein „Schaffer“, wie man in seiner süddeutschen Heimat sagt. Aber er weiß eben auch, was die Arbeit mit einem machen kann. Schlechta kennt Busfahrerkollegen, die krankheitsbedingt lange ausgefallen sind. „Herzinfarkte, Rückenprobleme und und und“, sagt er. Man höre ja immer wieder, Stress mache krank. Ob er mit 60 noch so einen stressigen Job machen möchte, machen kann, habe er sich immer öfter gefragt.

Arbeit als Stressfaktor

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Die Arbeit war nur ein Stressfaktor für Wolfgang Schlechta. Der zweite war: die Freizeit. „Vielleicht war ich früher in zu vielen Vereinen“, sagt er nachdenklich und listet auf: Mitglied der Theatergruppe, Vorsitzender des Pfarrgemeinderats, Mitarbeiter der Sozialstation, Kindergartenbeauftragter, Erste-Hilfe-Ausbilder beim Deutschen Roten Kreuz, Mitglied bei den Reservisten. „Ich hatte privaten Stress“, sagt Schlechta. Er sei einer, der nicht nein sagen könne. „Und wenn einer bettelt, denk’ ich, ich muss helfen. Das laugt aus.“ Und dann war da dieser Zufall, ein Angebot aus der Jugendherberge.

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Sommer 2015: Schlechta reist mit Frau Lioba nach Wangerooge. Seit mehr als zehn Jahren verbringen die beiden hier ihren Sommerurlaub, immer in der Jugendherberge im Westturm, immer in Zimmer 33. Der damalige Hausmeister der Jugendherberge wird demnächst aufhören zu arbeiten. Er sucht einen Nachfolger. Ob das nicht etwas für ihn wäre, für Schlechta, den gelernten Tischler, den „Schaffer“, der das abwechslungsreiche Arbeiten liebe? Für ihn, der hier seit Jahren jeden Sommer „diese große, diese himmlische Ruhe“ genieße?

„Das hat mir immer am besten gefallen“, sagt Schlechta, „kein Gehupe, kein Verkehrslärm – das war für mich Erholung.“ Kontrastprogramm zum Alltag des Busfahrers.

Schlechta fragt seine Frau: „Machen wir das?“ Sie zögern, überlegen: Kann man das so ohne Weiteres? Das alte Leben hinter sich lassen? Mehr als 30 Jahre leben die Schlechtas schon in Assamstadt, haben dort ein Haus gebaut, zwei Kinder großgezogen, sind gut integriert. Jetzt einfach einen Schnitt machen, Koffer packen und am anderen Ende Deutschlands neu anfangen? Vor allem aber: Kann Schlechta überhaupt den Entschleunigungsgang einlegen?

Wolfgang und Lioba Schlechta wägen ab – und entscheiden sich für den harten Schnitt. Sie kündigen ihre Jobs, informieren die Familie, die Kinder. Freunde und Bekannte erfahren erst kurzfristig von ihrem Entschluss für einen Neustart. Zwei Monate brauchen sie dafür.

Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Schlechta erzählt von fassungslosen Gesichtern, von Kinnladen, die herunterklappten, von Tränen. „Viele konnten nicht verstehen, dass wir als eingefleischte Assamstädter unsere Heimat verlassen wollten“, sagt er.

Die Schlechtas dürfen die Wohnung, die eigentlich der Herbergsleitung zusteht, beziehen: „Ohne das wäre es nicht gegangen. Ins Dorf ziehen wollten wir nicht.“ Ins Dorf, das heißt ins Zentrum der Insel. Der Großteil der rund 1300 Einwohner Wangerooges lebt dort, bezahlbaren Wohnraum zu finden, ist kaum möglich.

An einem Januartag 2016 kommt Wolfgang Schlechta auf der Nordseeinsel an, zum ersten Mal nicht als Urlauber, zunächst allein, seine Frau will in einigen Wochen nachkommen. „Jeder normale Mensch wäre wieder umgekehrt“, sagt Schlechta heute.

In Assamstadt, wo die nächtliche Odyssee mit der Bahn begann, war es mild an jenen ersten Januartagen. Keine Spur von Schnee. Doch mit jedem der rund 650 Kilometer bis Wangerooge verschlimmerte sich das Wetter. Ein vierstündiger Aufenthalt am Bahnhof in Oldenburg, mitten in der Nacht, bei Eiseskälte und immer dichterem Schneetreiben. Am frühen Morgen dann der Zug Richtung Sande. Die Heizung ist ausgefallen. Am Bahnhof in Esens das Warten auf den Bus, der zunächst nicht kommt: zu viel Schnee.

Am Hafen in Harlesiel dann die nächste schlechte Nachricht: Die Fähre fällt aus. Zu schlechtes Wetter. Ob der Inselflieger wohl fliege?, fragt Schlechta am Hafen. Vielleicht, man wisse es nicht.

Schlechta, müde und durchgefroren, stapft durch den Schnee zum Flugplatz Harle – und hat Glück: Ein paar Handwerker müssen auf die Insel. Sie bieten ihm einen Platz an.

Am Flugplatz Wangerooge tobt ein Schneesturm, keine Menschenseele weit und breit – und Schlechta muss noch zur Jugendherberge. Mit Sack und Pack marschiert er die vier Kilometer in den Inselwesten, der eisige Wind schneidet ihm ins Gesicht.

Das war der einzige Moment, in dem er an seiner Entscheidung gezweifelt habe, sagt Schlechta drei Jahre später. „Aber dann dachte ich: ,Jetzt umkehren? Das kannst du dir nicht geben.’“

Wolfgang Schlechta ist nicht umgekehrt. Und gezweifelt hat er auch nie wieder. „Keine Sekunde. Es ist genau so, wie wir es uns vorgestellt haben.“

Die Arbeit als Hausmeister auf der Insel sei das genaue Gegenteil von dem, was er früher hatte. „Hier ist das ein freies Gefühl, ganz ohne Stress. So, wie man sich das Arbeiten eigentlich vorstellen könnte. Das darf man laut ja gar nicht sagen“, sagt Schlechta und lächelt zufrieden, fast ein wenig verschmitzt. Er spricht von einer „ganz gemütlichen Arbeitsstelle“, die er jetzt habe, und verbessert sich sogleich: „Gemütlich“ sei vielleicht das falsche Wort, es solle ja nicht der Eindruck entstehen, er sei faul. Lieber möchte er sagen: eine „ruhige Arbeitsstelle“ mit vielseitigen Aufgaben. Als Hausmeister kümmert er sich um kaputte Fenster, quietschende Türen, verstopfte Klos, ist Schreiner, Klempner, Elektriker und Gärtner in einem. Zusätzlich betreibt er einen Fahrradverleih.

Ja, sicher, man könne sagen, er sei vom Regen in die Traufe gekommen: lärmende Schulkinder auf Klassenfahrt in der Herberge statt im Schulbus. Aber als Hausmeister hat er eines nicht mehr: die große Verantwortung für die Gäste. Außerdem, sagt er, könne er sich zurückziehen, woanders weiterarbeiten, wenn es ihm zu laut werde. Braucht er hier, in der Jugendherberge, mal eine Viertelstunde länger, ist das kein Problem. „Da ist dann keiner bös’“, sagt er. Hauptsache, am Ende sei die Arbeit gemacht. Die Uhren ticken auf der autofreien Insel langsamer als im fahrplangetakteten Linienbusverkehr.

„Tierpfleger bin ich auch noch geworden“, sagt Schlechta und schlendert an seinem Fahrradschuppen vorbei und am Westturm, in dem ein Teil der Jugendherberge untergebracht ist. Vor einem kleinen Gehege mit Ställen für Hühner, Kaninchen und Meerschweinchen bleibt er stehen und erzählt: Vorgänger Theo habe ein Huhn dagelassen. Schlechta wollte es in den Suppentopf wandern lassen, seine Chefin, Herbergsleiterin Katja Garbe, legte ein Veto ein.

Dann habe ihm jemand erzählt, dass Hühner nicht einzeln gehalten werden sollten. Also brachte Schlechta von einer Reise aus der alten Heimat sieben Hühner mit. „Die süddeutschen Hühner haben sich sofort mit dem norddeutschen verstanden“, sagt er und lacht.

Die Hühner legen seither fleißig Eier, die Schlechta privat verkauft. Doch das ist für ihn Nebensache. Viel wichtiger: zu beobachten, wie gut die Tiere bei den Kindern ankommen. Wie diese mitunter Stunden mit den Hühnern verbringen, sie streicheln, dabei die Welt um sich herum vergessen. „Das ist für die wie eine Therapie“, sagt Schlechta.

Es brauchte nicht viel, seine Chefin letztlich davon zu überzeugen, auch noch Hasen und Meerschweinchen für die Jugendherberge anzuschaffen.

Wolfgang Schlechta hat auf Wangerooge nicht nur die Langsamkeit für sich selbst wiederentdeckt. Er bringt sie so, ganz unaufdringlich, auch den jungen Herbergsbesuchern nahe.

Außer den Hühnern hat Schlechta nicht viel aus der alten Heimat mit in den Norden gebracht. Er braucht das nicht. „Ich habe hier eine neue Heimat gefunden“, sagt er.

Bis zur Rente will Schlechta auf Wangerooge bleiben, sechs, sieben Jahre noch. Danach werden er und Lioba wieder nach Assamstadt ziehen, in ihr altes Haus. „Das war von vornherein klar. Den Lebensabend möchte ich in der alten Heimat verbringen“, sagt Schlechta. Und es gibt noch einen weiteren Grund: Eine andere Wohnung als die Dienstwohnung könnte er sich gar nicht leisten auf der Nordseeinsel. Bis dahin werden die Schlechtas mehrmals im Jahr Urlaub in ihrer alten Heimat machen. Ein Pflichttermin ist die jährliche Aufführung der Theaterfreunde Assamstadt im Herbst, für Wolfgang Schlechta nicht nur als Zuschauer: Er hat die Laienschauspielgruppe 1996 mitgegründet, seine Aufgabe als Bühnenbauer hat er bis heute nicht abgegeben, er ist sogar noch immer Vorsitzender des Vereins.

Schlechta hat auf Wangerooge Ruhe und Gelassenheit gefunden. Aber zu allem konnte er, der „Schaffer“, dann doch nicht „nein“ sagen.

Nathalie Meng arbeitet als Volontärin bei der /Nordwestzeitung in Oldenburg.