Haushalts-Organisationstrainerinnen - Intensive Betreuung von Familien, für deren Kinder eine Fremdunterbringung ansonsten unvermeidbar wäre Viele Schritte führen zum großen Ziel

Ein Einsatz als Haushalts-Organisationstrainerin ist kein gewöhnlicher. Dabei handelt es sich um eine Maßnahme der Kinder- und Jugendhilfe, bei der es um eine intensive Anleitung von Familien geht.

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Heike von Brandenstein
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Gut organisiert sind Familienpflegerinnen und Dorfhelferinnen. Beim Diakonischen Werk im Main-Tauber-Kreis verfügen alle noch über eine Zusatzausbildung als Haushalts-Organisationstrainerin. © dpa

Main-Tauber-Kreis. Wäsche waschen, Ordnung halten, für regelmäßige Mahlzeiten sorgen: Das sind Aufgaben, die den Alltag von Familien bestimmen und eigentlich automatisch eingetaktet sein sollten. Dass manchmal auch das Chaos herrschen kann, kennt wahrscheinlich jeder. Doch wo es an der Tagesordnung ist, dass Kinder hungrig in den Kindergarten oder in die Schule gehen, teilweise keine frische Wäsche im Schrank liegt und Schulden drücken, ist Hilfe geboten.

Haushalt in Struktur bringen

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Eine solche gewährt das Jugendamt in Form eines HOT-Einsatzes. Vier Familien- und Dorfhelferinnen des Diakonischen Werks haben eine Zusatzausbildung als Haushalts-Organisationstrainerinnen absolviert und können eine solche Maßnahme übernehmen. „Wir setzen diese Hilfe dann ein, wenn ansonsten eine Fremdunterbringung der betroffenen Kinder der Familie kurz- oder mittelfristig unvermeidbar wäre“, so Jugendamtsleiter Martin Frankenstein. Die Maßnahme dürfe aber keinesfalls mit einem üblichen Familienpflegeeinsatz oder der Einbindung einer Nachbarschaftshilfe gleichgesetzt werden, ergänzt er. „Vielmehr geht es um das Thema Erziehungshilfe, gepaart mit dem Riesenproblem der Eltern, ihren Haushalt in eine Struktur zu bringen“, weiß Frankenstein.

Heidi Stranz, seit mehr als 20 Jahren beim Diakonischen Werk tätig, hatte bereits zwei HOT-Einsätze. Ihre Kollegin Alexandra Deißler, seit 15 Jahren als Familienpflegerin unterwegs, hat die HOT-Ausbildung gerade mit Bravour absolviert. Heidi Stranz kennt die praktischen Herausforderungen, die sie in den Familien erwartet. „In erster Linie geht es darum, dass die Kinder gut versorgt sind“, sagt sie. Deshalb ist jeder Einsatz auch mit einem vom Jugendamt erstellten Hilfeplan verknüpft.

Vier Phasen

„Die Maßnahme ist in vier Phasen eingeteilt“, erläutert Carina Kuhn, Sozialpädagogin und beim Diakonischen Werk zuständig für die sozialpädagogische Familienpflege. Die erste sei die Kennenlernphase. Drei Mal pro Woche ist hier die HOT-Kraft während drei Wochen für drei Stunden zu ganz unterschiedlichen Zeiten in der Familie.

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Es folgt die Intensivphase, die bis zu drei Monaten dauern kann, mit 25 bis 30 Wochenstunden. In der Stabilisierungsphase unterstützt die HOT-Kraft die Familie für acht bis zehn Wochen mit zwölf Wochenstunden und in der Überprüfungsphase kommt sie für zwölf Wochen ein Mal wöchentlich für vier Stunden. „Das Abschlussgespräch findet gemeinsam mit dem Jugendamt statt“, so Carina Kuhn.

„Das ist ein kurzfristiger und äußerst intensiver Einsatz“, weiß der Jugendamtsleiter. Die Kosten für diese kurzzeitige erzieherische Hilfe beziffert er, je nach Intensität, in der Orientierungsphase auf rund 3000 und in der Intensivphase auf etwa 6500 Euro.

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„Unser Einsatz ist auch für die Familien anstrengend“, weiß Heidi Stranz aus Erfahrung. „In der Anfangsphase sind sie dankbar für die gebotene Hilfe, später dann heißt es oft einfach nur Durchhalten.“ Die HOT-Kraft kennt die Herausforderungen, die auf sie zukommen. Oft findet sie unordentliche, wenn nicht gar vermüllte Wohnungen vor, häufig gibt es Geldprobleme, sind Strom und Wasser auch schon mal abgestellt worden. „Wir geben Anleitungen und arbeiten mit. Vieles tun wir gemeinsam“, erläutert Heidi Stranz die Vorgehensweise.

Schriftkram ordnen

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Dazu gehört auch, Ordnung in den Schriftkram zu bringen. Denn nicht selten liegen Briefe ungeöffnet herum oder werden erst gar nicht aus dem Briefkasten geholt, weil es Mahnungen sein könnten. Ist das der Fall, legt Stranz gemeinsam mit den Eltern Ordner an, kümmert sich um einen Termin bei der Schuldnerberatung und arbeitet die einzelnen Bausteine Stück für Stück ab.

„Ich sehe oft die seelische Not der Eltern und die über Jahre aufgebauten Probleme“, sagt sie. Beim Thema Geld geht sie die Ausgaben pedantisch durch und erläutert, wo gespart werden kann: an Alkohol und Zigaretten zum Beispiel. „Für manche ist es hart, Schwarz auf Weiß zu sehen, wie viel Geld da zusammenkommt“, sagt Stranz.

Gemeinsam werden nach der Kennenlernphase Ziele erarbeitet. „Der Grundgedanke ist, ein großes Ziel in viele kleine Ziele aufzuspalten, um das große Ziel dann auch tatsächlich zu erreichen“, beschreibt Carina Kuhn die Herangehensweise. Wichtige Voraussetzung ist in jedem Fall, dass die Familie lernfähig ist und Reflexionsvermögen besitzt. Letztlich sollen sich die Familien selbst auswerten und ihr Resultat mit dem der Haushalts-Organisationstrainerin abgleichen.

Alle Tageszeiten abzudecken gehört für die HOT-Kräfte zum Arbeitsalltag. Das verlangt sowohl den Familien als auch der jeweiligen Trainerin viel ab. Schließlich bedeutet das, auch schon mal zur Aufstehzeit oder zur Ins-Bett-Bring-Phase vor Ort zu sein. „Wenn ein Problem benannt wird, bin ich da“, schildert Heidi Stranz ihre Arbeitsweise. Schließlich gehe es darum, den Alltag stressfreier zu gestalten und die für die Familie optimale Organisation zu finden.

Natürlich läuft bei den Einsätzen nicht immer alles wie am Schnürchen. Manchmal, weil sich ein Elternteil nicht an den abgemachten Tagesplan hält, sondern einfach mal länger schlafen will, oder die Notwendigkeit von monotoner Hausarbeit nicht übernommen werden will. Bei Kindern kann die anfängliche Neugier in ein Genervtsein durch die Dauerpräsenz einer vermeintlichen Besserwisserin kippen, die stetig zu Ordnung gemahnt.

Für alle anstrengend

Letztlich müssen sich alle ungeheuer anstrengen, um die Ziele nicht aus dem Blick zu verlieren, sondern stringent und Schritt für Schritt zu verfolgen. „Dazu gehören auch viel Lob, Zuspruch und Anerkennung“, weiß Heidi Stranz. Zwar nimmt sie bei solchen Einsätzen Probleme immer wieder mit nach Hause, doch fühlt sie sich von ihrem Arbeitgeber gut umsorgt, der regelmäßig Supervisionen anbietet.

Doch es gibt auch die schönen Momente: das gemeinsame Kochen und Backen, die Freude über erreichte Ziele. Das sind die kleinen Höhepunkte bei dieser Arbeit an und mit Menschen.

Redaktion Zuständig für die Kreisberichterstattung Main-Tauber