Leserbrief - Zum Vortrag von Oliver Roßmüller, FN 9. Mai

Schneckenpost lässt grüßen

Von 
Dr. Dieter Thoma
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Wenig Perspektive zeigt sich in den Aussagen zum Schienenverkehr aus der letzten Kreisversammlung der Grünen. Oliver Roßmüller vom VCD (Verkehrsclub Deutschland) informierte über neueste Entwicklungen im Bahnbereich.

Die gut angebundenen Gemeinden an der Taubertal-Strecke werden jetzt auch vormittags auf Ein-Stunden-Takt angehoben. So gilt die "Haupt-Sorge" kreisfernen Anschlusszügen in Crailsheim. Allerdings auch noch Reisenden von Bad Mergentheim her: beim Zug-Umsteigen in Lauda gibt es für sie das "Risiko des Anschlussverlustes" oder des 20-minütigen Wartens auf Zuganschlüsse, und das ohne beheizten Wartesaal. Schade, dass der alte Bahnhof abgeklemmt ist.

Die Strecken Würzburg-Stuttgart und Würzburg-Mannheim werden meist unterm Eilzug-Aspekt gesehen. Die künftige stündliche Zugverbindung nach Stuttgart wird begrüßt - eine kreisferne "Sorge" weniger. Dagegen sei die S-Bahn von Osterburken in den Rhein-Neckar-Raum "unzumutbar lang".

Daher fordert der Redner für die bald halbstündig bediente S-Bahnstrecke "zusätzliche Expresszüge" - wie nach dem Motto "Speck auf die Wurst". Den Entscheidungsträgern wünscht er "Mut zu investieren", um den Bahnverkehr attraktiver zu machen. Auch hier die "Sorge" um kreis-auswärtige Strecken.

Für eine grün-schwarze Koalition im Konzert um die Verbesserung kreisferner Bahnstrecken fehlt da nur noch die Dauer-"Sorge" unseres 25-jährigen Landtagsabgeordneten (ja, er ist seit 25 Jahren im Landtag) für die Linie Stuttgart-Würzburg: "Die Beseitigung des Nadelöhrs im eingleisigen Streckenabschnitt bei Züttlingen".

Und sonst? Ach ja, da gibt's noch die Durchzug-Strecke Lauda-Osterburken; da sollen Menschen leben, die auch mal Bahn fahren wollen. Für die hat der Referent ein tolles Zuckerle: Wünschenswert sei, die Regionalbahn Würzburg-Lauda wenigstens bis Boxberg-Wölchingen zu verlängern, um die Bedienungslücke Lauda-Osterburken zu verkleinern. Und langfristig - ja, "langfristig" (!) - wünscht er sich eine Regionalbahn bis Osterburken.

Wünsche wie fürs hinterste Sibirien, Perspektiven wie bei der Schneckenpost! Zwar ist an der Strecke jeder kleine Zughalt mehr eine Verbesserung, aber zugleich ärmliche Flickschusterei.

So was hatten wir schon 1999, bei der ersten halbherzigen Aktivierung von Haltepunkten zwischen Osterburken und Lauda. Und jetzt als "langfristiges" Ziel die Regionalbahn bis Osterburken! Das gleicht einer bahnpolitischen Geisterfahrt - als müssten Bahnhöfe dort hinten erst noch erfunden werden.

Da fragt man sich, wo das Wissen um die Bahn-Entwicklung geblieben ist. Die Schiene kam mit der Odenwaldlinie Heidelberg-Osterburken ins Taubertal und bis Würzburg. Als Regionalbahn. Unsere Vorfahren haben dafür gekämpft, haben Geld und Gelände geopfert, um ihre Bevölkerung ans Zugnetz zu bringen. Mit Haltestellen für alle Bahngemeinden. Bis heute ist der Bahnabschnitt über Osterburken-Lauda einer der wichtigsten Verkehrswege in ganz Deutschland - für den Güterverkehr. Die Bevölkerung aber ist inzwischen ausgegrenzt.

120 Jahre lang bedienten Regionalzüge tagtäglich jede Bahngemeinde. Bis 1985 die Zughalte an allen neun Stationen geköpft wurden. Wir erleben inzwischen 30-jährige Ausgrenzung - und 30-jähriges Totschweigen im Landtag. Und jetzt will man uns die Wiederkehr der Regionalbahn an nur einem oder zwei Bahnhöfen als "langfristige" Perspektive verkaufen. Ja Leute, geht's noch?

Milliarden für Stuttgart 21, Millionen für den halbstündigen S-Bahn-Ausbau Osterburken-Frankreich, Millionen für die Verbesserung der Eilzug-Rennstrecke Stuttgart-Würzburg. Wo bleibt der Mut, den Kahlschlag von 1985 auszubügeln? Wo bleibt der "Mut zu investieren, um den Bahnverkehr attraktiver zu machen"? Nicht nur in kreisferne Strecken, nicht nur in Rennzüge, sondern auch hier im Kreis, auch mal in die Bahngemeinden, die letzten, traurigen Bahnhöfe zwischen Lauda und Osterburken?

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